Zeitung Heute : Die deutschen Medienstädte wollen eine neue Programm-Messe für Film und Fernsehen etablieren - nur wo?

Joachim Huber

Der Wettbewerb der deutschen Medienstandorte nimmt um eine weitere Disziplin zu. Berlin, Bayern mit München und Nordrhein-Westfalen mit Düsseldorf/Köln konkurrieren nach Informationen der Messe Berlin GmbH derzeit um eine neue und neuartige Programm-Messe, eine jährliche Messe, die den An- und Verkauf von Film- und Fernsehware organisieren soll. Eine solche Veranstaltung existiert im zweitgrößten Programm-Markt der Welt, Nummer 1 sind die USA, bislang nicht. Was existiert, sind die Mip-TV im Frühjahr und die Mipcom im Herbst, beides in Cannes. Eine Weltmesse im Betonbunker des Palais des Congrès, in den umliegenden Hotels, verflucht wegen der Enge, geliebt wegen der Corniche, an der große Deals und gediegene Erholung zusammenfinden. An den Cannes-Terminen kommen der deutsche Einkäufer und der deutsche Verkäufer bis heute kaum vorbei. Und doch suchen die gestiegene Marktmacht und das gewachsene Selbstvertrauen neue Präsentations-Möglichkeiten. Als erster erkannt hat dies, nicht unbedingt überraschend, Helmut Thoma, ehemaliger RTL-Geschäftsführer und jetzt Medienberater der nordrhein-westfälischen Landesregierung. Nordrhein-Westfalen ist RTL-Stammland, Köln mit Vox, dem Westdeutschen Rundfunk plus den TV-Fabriken in Hürth eine wahre Medienstadt. Bereits beim nächsten "Medienforum NRW" im Juni 2000 soll über die erweiterte "Cologne Conference" die Programm-Messe ihre Premiere erleben. Die Kölner Organisatoren halten sich bedeckt, sie fürchten, wie ihre Konkurrenten im Rest der Republik, den Konzept-Klau, das Abwerben von Ausstellern. Der nächste Wettbewerber sitzt nicht fern von Köln, er sitzt in Düsseldorf. Die Landeshauptstadt darf für sich in Anspruch nehmen, mit der "Telemesse" den Nukleus für eine Programm-Messe zu besitzen. Die zweitägige "Telemesse", sie fand im August zum dritten Mal und sehr erfolgreich statt, führt Werbeagenturen und TV-Veranstalter zusammen, und sie könnte, entsprechend aufgebohrt, mühelos die Händlergilde von Film- und Fernseh-Software zusammenführen.

München aber schläft nicht. Auch hier wird an einer Programm-Messe gebastelt, immerhin ist in der bayerischen Landeshauptstadt und ihrem Einzugsbereich mit Bayerischem Rundfunk, KirchMedia AG, der Pro 7Media AG, der Bavaria eine gediegene Produzenten-Schar versammelt. Mitte Oktober wird alljährlich zu den "Münchner Medientagen" geladen, mit denen das "Medienforum NRW" austariert wird.

Berlin, der Emporkömmling unter den Medienstandorten, hat zwar alle zwei Jahre die Internationale Funkausstellung, aber kein jährliches Get-together der Medienschaffenden. Was die Messe Berlin GmbH nicht hindert, in ihrer Werkstatt an einem "Program Market" zu feilen. Das Konzept wird nach Informationen der Messe-Leitung gerade einem Copy-Test unterzogen; er soll herausfinden, was der Markt als Programm-Messe will. Geht es nach den Vorstellungen der Projektoren, soll spätestens 2001 der "Program Market" in Gestalt einer Hotel-Messe rund um den Gendarmenmarkt starten. "Gegen Köln treten wir an", heißt es, ausgemachte Sache ist, mit der Veranstaltung in der Hauptstadt nicht so lange zu warten, bis die Programm-Messe am Rhein zwei Mal stattgefunden hat. Will sagen: für 2000 würde es eine Überbrückungs-Veranstaltung geben, ein Herbst-Termin 2001 scheint nicht angeraten. Noch ist alles Zukunftsmusik, bis Ende 1999 wollen Geschäftsleitung und Aufsichtsrat des "volkseigenen Betriebes" (das Land Berlin ist zu 97 Prozent GmbH-Eigner) über das sogenannte "Go" entschieden haben. Erste positive Signale aus dem Markt gebe es, Sat 1 zum Beispiel wolle den "Program Market" ganz unbedingt, für Berlin spreche der ungemein attraktive Standort von Hauptstadt und Regierungssitz, die Präsenz der Bundespolitik. Schwierig gestaltet sich die Terminsuche: erste Antworten der TV-Manager ließen eine Anbindung weder an die Filmfestspiele noch an den Bundesfilmpreis noch an die Funkausstellung angeraten erscheinen. Zudem lässt die Berlin GmbH zögern, dass ihr allein das unternehmerische Risiko aufgebürdet ist: "Bei uns entscheidet allein die Nachfrage, wo anderswo die Subvention alles möglich macht". Die Berliner Politik bis zum Regierenden Bürgermeister unterstütze das Vorhaben, aber auch hier seien enge Grenzen gesetzt, wo Berlin es noch nicht einmal zu einem Medienbeauftragten gebracht habe - es muss ja nicht gleich Branchen-Übervater Thoma sein.

Die Messe Berlin GmbH sucht den "weichen Einstieg", nicht der internationale Rahmen wird angestrebt, sondern der nationale. Da schwingt auch die leichte Furcht vor Cannes mit, wo Reed Midem, ein milliardenschwerer Messe-Gigant aus den USA, die Mipcom ausrichtet. Hier mit einem internationalen "Program Market" in Konkurrenz zu treten, das hieße wohl "das Imperium zum Zurückschlagen aufzustacheln". Köln, Düsseldorf und München ausstechen und neben Cannes bestehen - das wird den Schweiß der Besten kosten.

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