Zeitung Heute : Die drei Leben des Lothar Späth

Man müsste ihn schon prügeln, hat er einmal gesagt, und selbst dann: nie mehr in die Politik! Jetzt jubeln sie ihm in den Festzelten wieder zu. Nach einem Rücktritt und elf Jahren als Firmenchef von Jenoptik ist er erneut das Zugpferd der CDU. Die Auferstehung eines Widersprüchlichen.

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Von Norbert Thomma

Es hebt ein Brummen an am Abendhimmel, das zu einem wilden Knattern wächst, und 400 Unternehmer recken die Hälse nach oben wie Gänse beim Füttern. Sie sehen den Hubschrauber eine Ehrenrunde drehen. Glänzend liegt der Bodensee in der späten Sonne, das Insekt verschwindet dröhnend hinterm RIZ, Radolfzeller Innovations- und Technologiezentrum. Und dann ist er endlich da, dunkelblauer Nadelstreifen, rote Karos auf der Krawatte, Begrüßung, ran ans Rednerpult.

„Grüß Gottle.“

Als Dekoration dient ein Gesteck aus roten Gladiolen und gelben Lilien. So etwas steht gern neben Kondolenzbüchern, aber hier wird nicht getrauert. Ach was, hier feiern sie die Auferstehung des Lothar Späth.

Der federt nun dynamisch mit den Knien, die Linke lässig in der Hosentasche verstaut. Er lästert über Bürokraten. Er schafft die leidigen Formulare ab. Er drückt die Steuern. Hinter sich das schmuck renovierte RIZ, Hort neuer Ideen und Firmen, vormals eine Kaserne, vor sich einen Parkplatz voller südbadischer Mittelständler, feriengebräunt auf lindgrünen Stühlen. Er spricht von Singapur und Shanghai, ganz der Global Player. Wenn er einen Kalauer abfeuert („Wir bauen Chips, aber nicht aus Kartoffeln“), dann leuchtet Späths Gesicht lustvoll auf. Gelächter, Beifall braust.

Ja, doch, es klappt noch. Auch nach elf Jahren abseits der Politik kann er locker „ein Publikum schwindelig reden“. Seine Botschaft ist der Optimismus. Er ist begeistert von sich selbst, das überträgt sich. Und doch sagt er irgendwann diesen seltsamen Satz: „Ich muss nix mehr werden.“

Was tut er dann in Radolfzell? Warum macht er Wahlkampf für die CDU, hetzt von Termin zu Termin? Wieso strebt er das Amt eines Ministers an, mehr noch: eines Superministers, Wirtschaft und Arbeit zusammen?

Lothar Späth spricht da eher zu sich selbst. Es hat ihn ja niemand aufgefordert, sich zu rechtfertigen. Im Gegenteil. Sie hängen an seinen Lippen. Sie sagen: „Lieber Lothar, Sie sind die Hoffnung des Mittelstands.“ Doch der liebe Lothar hat ein Gedächtnis. Er weiß schon noch, was er vor nicht allzu langer Zeit so alles an flotten Sprüchen rausgehauen hat.

Dass er mit dem Klammerbeutel gepudert wäre, würde er sich den Tort der Politik noch einmal antun.

Dass der Gedanke an ein Ministerium ihm höchstens im Albtraum käme.

Dass sie ihn schon prügeln müssten, und selbst dann: nie wieder!

So sprach kürzlich noch Lothar Späth, Vorstandsvorsitzender der Jenoptik AG, Botschafter der deutschen Wurst, geschätztes Jahresgehalt 750000 Euro, Chef der Industrie- und Handelskammer Thüringen, Ehrenbürger der Stadt Jena, Mitglied zahlreicher Aufsichtsräte (u.a. in der Verlagsgruppe Holtzbrinck, in der auch Der Tagesspiegel erscheint), gefeierter Aufbauhelfer Ost und vieles mehr.

Es ging ihm gut. Im November wird er 65, der Vertrag bei Jenoptik läuft bald aus. Und dann rief Edmund Stoiber an, Schröders Sozialdemokratie wankte, und Späth hat Stoiber erklärt, wie das mit der Wirtschaft gehen könnte, mit den Arbeitslosen… Ob er, Späth, das denn nicht übernehmen würde? Natürlich hat Späth abgelehnt. Natürlich hat Stoiber eingesehen, dass man die Ministerien Arbeit und Wirtschaft zusammenlegen müsse, dann die Grundsatzabteilung vom Finanzministerium noch dazu, alles wie von Späth angeregt… Natürlich hat Späth den Job angenommen, für den Fall eines Wahlsieges.

Er muss ja nichts mehr werden. Will er denn überhaupt etwas werden?

Jetzt zupfen sie ihn am Ärmel. „Mir müsset.“ Er ist spät dran, schon wieder. Mit dem CDU-Bus des örtlichen Bundestagsabgeordneten die paar Kilometer rüber nach Bohlingen. Zwischen Bach und Pferdekoppel ein weißes Festzelt. Es ist brechend voll, 1500 Menschen warten, und der Abgeordnete weiß, sie sind nicht seinetwegen da. Lothar Späth steht auf der Bühne, klein von Gestalt, umrahmt von Birken und gebundenen Ähren. Erntedank. Schwäbelnd fallen dem Stargast die Sottisen noch leichter. „Wenn i Minister in Berlin werd, spart’s Land Baden-Württemberg erstmol mei Pension.“

Er ist ein rhetorisches Talent, und er weiß es. Als Auktionator für wohltätige Zwecke war Späth immer ein Knüller. Er redet ohne Konzept und ohne Notizen, er hüpft wild durch die politischen Themen. Seine Sätze mäandern und verlieren sich bisweilen im Nichts. Aber wenn das Publikum vom Bier und dem Dunst der Grillwürste wegzudämmern droht, gibt Späth Anekdotenalarm.

Gesundheitsreform. „Früher hat man dem Opa nach einem Oberschenkelhalsbruch zwei Schrauben reindreht. Heute kriegt er zwei künstliche Hüftgelenke und meldet sich zum Seniorensport an. Das kostet halt.“

Solidarität. „Sollen die Gescheiten sich dumm stellen, nur damit die Faulen sich nicht schlecht fühlen?“

Arbeitsplätze. „Der Deutsche ist kein Dienstleister. Er bedient lieber eine Maschine und nicht seinen Nachbarn.“

Das kommt an. Späth weiß, in dieser Atmosphäre sind die Köpfe der Menschen nicht zu erreichen. Also zielt er gleich auf den Bauch. Bei jedem Treffer guckt er verschmitzt wie ein lippenloser Spitzbube. Über eine Stunde spielt er launig mit den Gefühlen und Vorurteilen der Menschen, reißt am Ende die Arme hoch, Victory-Zeichen inklusive.

Erstaunlich: Kaum ist das ergraute Haupt mit den zwei wuchtigen Geheimratsecken wieder auf der politischen Bühne zu sehen, schon wollen es 56 Prozent der Deutschen in führender Position; der in Jena Abgetauchte liegt mit dem bayrischen Kanzlerkandidaten in der Gunst gleichauf.

Bei all der Gaudi bleibt unklar, was Stoibers Kompetenzler will. Zu häufig hat er jüngst mit Argumenten Salti geschlagen, die eigenen Widersprüche zum unbeugsamen Querdenken stilisiert. Mal waren die Hartz-Vorschläge „revolutionär“, dann wieder bloßes Gelaber. Mal war die rot-grüne Steuerreform ein gelungener Wurf, dann wieder eine Dummheit. Gern hat er erzählt, Politiker hätten in einer globalisierten Welt keine Macht, die gehöre den Konzernchefs; nun kokettiert er mit einem dieser Posten ohne Einfluss.

Für das Verständnis dieses merkwürdigen Drängens ist der 13.Januar 1991 ein entscheidender Tag. Hier endete das erste Leben des Lothar Späth in einem jähen Absturz. Unter Druck gab er nach zwölfeinhalb Jahren sein Amt als Ministerpräsident auf, dessen Art der Führung manche „Späth-Absolutismus“ („Südkurier“) nannten. Geschichtsbücher notieren den Fall als „Traumschiffaffäre“ oder „Segeltörnskandal“. Binnen weniger Wochen entdeckten damals Journalisten, wie das „Cleverle“ in „dienstlicher Mission etwa 500 Flüge auf Kosten privater Firmen“ („FAZ“) unternommen hatte. Dazu kamen Luxusurlaube, auch Reiterferien für die Tochter, bezahlt von befreundeten Konzernchefs. Späth freilich fühlte sich unschuldig verfolgt. Eigentlich hatte er ja auch nur die Forderung der 68er ausgelebt, zwischen Privatem und Politischem nicht länger zu unterscheiden.

Schon ein gutes Jahr vorher hatte Späth seine Demontage als Kronprinz der CDU hinnehmen müssen. Geißler, Blüm und Süssmuth wollten den Schwaben zum Putsch gegen Helmut Kohl anhalten. Er kniff auf dem Bremer Parteitag und flog zur Strafe aus dem Präsidium. Der „Spiegel“ machte ihn spöttisch zum „Neverle“.

Wer heute Weggefährten von Lothar Späth aufsucht, hört, die Vertreibung aus Stuttgart habe „lang an ihm g’nagt“. Bei Landjägern und Spätburgunder erzählen sie von regelrechten Depressionen. Wie soll einer das verdauen, dessen betonfestes Ego nur Erfolg kannte? Erst langsam, sagen sie, sei dieser Stimmung die Genugtuung in Jena gewichen.

Jena, Späths Purgatorium, sein zweites Leben. Er krempelte den VEB Carl Zeiss in eine Aktiengesellschaft um, brachte die Jenoptik an die Börse. Er wird gefeiert. Die neue Innenstadt heißt im Volksmund „Empire-Späth-Building“. Es gibt dann noch eine andere Lesart dieser elf Jahre: Da hat einer mit 3,6 Milliarden Mark von der Treuhand mehr als 20000 Leute entlassen; gerade mal 1200 Arbeitsplätze sind in Jena verblieben, die Arbeitslosigkeit der Region liegt im Landesschnitt; dafür haben 5800 Menschen im Westen der Republik bei der neuen Jenoptik Lohn und Brot gefunden.

An Späths Ruhm kratzt diese Bilanz nicht. Er war bald der quirlige Manager, der für die Politik zunehmend nur verächtliche Worte fand. Sie haben ihn verstoßen aus ihren Reihen, dafür verhöhnte er sie nun: Global Player wie ich machen ihre Geschäfte in Asien und anderswo, egal wer zu Hause regiert! Kann man sich seinen Triumph ausmalen, als Edmund Stoiber um Hilfe ruft?

Es ist früh am Morgen, und Späth sitzt im „Mövenpick“ des Stuttgarter Flughafens. Depression, Genugtuung, Triumph, brummt er vergnügt, alles Amateurpsychologie. Und er verdränge auch nicht, er bewältige nur schnell. Ein Wasser, bitte, er muss gleich nach Düsseldorf. Das hurtige Treiben des Wahlkampfs wird ihm zum Jungbrunnen. Früher hat er sein Sekretariat angewiesen, Lücken im Kalender mit zweitklassigen Terminen zu stopfen. Inzwischen sitzt er im Fernsehen wieder in der ersten Reihe. Man darf nur nicht sagen, dass er das braucht. Dass Jena doch ein bisschen weit ab vom Schuss liege. Dann wird er kiebig und macht Jena zum Nabel der Welt. Weil der Nabel der Welt ist, wo Lothar Späth ist?

Es gibt so manche Ungereimtheiten an der Schwelle zu diesem dritten Leben. Superminister? Das würde passen. Kabinettsdisziplin? Schon weniger bei einem, der immer die Nummer 1 war und dem sie im Ländle eine „freche Gosch“ attestieren. Neulich hat er am Potsdamer Platz in Berlin das neue Buch von Hans-Olaf Henkel vorgestellt und halb gejammert, halb gescherzt, er müsse in neuer Rolle „ausgewogen“ daherreden. Unangenehm zwickt das Korsett des drohenden Amts.

Warum macht er mit? Weil er das Spiel mit dem Feuer liebt, sagt einer seiner alten Freunde. Weil er sich schnell langweilt, meint ein anderer, Späth brauche wie ein Süchtiger „ständig neue Stimulanz“. Nur, wie soll so einer langatmige Politik machen, wie sie Wirtschaft und Arbeitsmarkt brauchen?

Dann schaut er auf die Uhr, springt auf, sein Flug geht. Ob er „die Einladung zu einem Fläschle Wasser“ wohl annehmen dürfe, fragt er spöttisch. Ein paar Ferienflüge, ein bisschen Wasser – es ist doch alles nur ein großes Spiel. Und er, Lothar Späth, spielt wieder mit.

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