Zeitung Heute : Die dritte Hoffnung

Der Demokrat John Edwards will gegen Bush antreten

Malte Lehming[Washington]

Das sah nicht gut aus. Die Sendung „Meet the Press“ gehört zu den wichtigsten Polit-Magazinen in Amerika. Dort wird schnell und hart gefragt, ausweichende Antworten werden nicht geduldet. Wer in „Meet the Press“ besteht, kann sich zufrieden auf die Schulter klopfen. Im vergangenen Mai hatte der landesweit bekannte Moderator Tim Russert einen relativ unbekannten Senator aus South Carolina eingeladen: John Edwards, Demokrat, von Beruf Rechtsanwalt. Dieser Edwards blamierte sich bis auf die Knochen. Vor allem auf außenpolitische Fragen brachte der hübsche, junge, charmante Senator keinen vernünftigen Satz über die Lippen. Sein Auftritt war ein Debakel.

Schön ist gut, klug ist besser, am besten aber ist die Aura der Kompetenz. Diese Regel gilt für jeden ambitionierten Politiker. Edwards hat Ambitionen, recht große sogar. Er will Präsident der Vereinigten Staaten werden, der mächtigste Mann der Welt. In knapp zwei Jahren will er gegen George W. Bush antreten, der unverändert auf einer riesigen Popularitätswoge schwimmt. Dabei ist Edwards erst vor vier Jahren ins Rampenlicht der Öffentlichkeit getreten, als ihm eine kleine Sensation gelang: Sein Bundesstaat South Carolina ist traditionell fest in der Hand der Republikaner. Edwards, der Demokrat, gewann trotzdem die Senatorenwahl. Seitdem heißt es nicht nur in Washington: „Achtet auf John Edwards.“

Zwei Schwergewichte der Demokraten haben bereits das Handtuch geworfen. Den Anfang machte vor zwei Wochen Al Gore, der Ex-Vizepräsident, an dem noch immer jene umstrittene Entscheidung des Obersten Bundesgerichts vom Dezember 2000 nagt, die Bush statt ihn zum Präsidenten gemacht hatte. An diesem Dienstag nun folgte, kaum weniger überraschend, Tom Daschle, der Chef der Demokraten im Senat. Er könne seine politischen Leidenschaften besser in seiner jetzigen Funktion ausleben, sagte er. Abgesehen von Hillary Clinton sind Gore und Daschle die mit Abstand populärsten Oppositionspolitiker in den USA. Allenfalls Joe Lieberman, Gores einstiger „running mate", und Dick Gephardt, der ehemalige Chef der Demokraten im Repräsentantenhaus, könnten relativ schnell in vergleichbare Rollen schlüpfen. Doch Lieberman unterscheidet sich zu wenig von Bush, um eine wirkliche Alternative zu sein, und Gephardt hat, besonders nach der Schlappe bei den jüngsten Kongresswahlen, ein Versager-Image. Den dringend benötigten frischen Wind verströmt auch John Kerry nicht, der Vietnamkriegs-Veteran. Der hat zwar Geld wie Heu, wirkt aber oft zu kalt und distanziert, um dem hemdsärmeligen Bush gefährlich werden zu können.

Bleibt Edwards, der längst nicht mehr geheime Favorit. Seine Vita weckt gleichzeitig Respekt, Mitleid und Hoffnung. Edwards stammt aus dem Volk. Er ist nicht wie Bush per Familienherkunft geadelt, sondern musste sich alles hart erkämpfen. Der Vater arbeitete in einer Mühle, die Mutter bei der Post. John ist der Erste in der Familie, der eine Universität besucht. Er studiert Jura, spezialisiert sich als Anwalt auf Produkthaftung und erwirbt sich nach und nach ein Vermögen von 14 Millionen Dollar. Dann das Drama. Einer seiner Söhne stirbt bei einem Autounfall. Die Krise weckt bei Edwards einen Wunsch: Er will mehr als Anwalt sein, er will der Gemeinschaft dienen, Politiker werden. Gibt es ein edleres Motiv?

Auch die Geschichte steht auf seiner Seite. Bislang ist Edwards der einzige Anwärter der Demokraten aus einem Südstaat. Von dort kamen auch die letzten drei demokratischen Präsidenten – Bill Clinton (Arkansas), Jimmy Carter (Georgia) und Lyndon B. Johnson (Texas). Manche sprechen von einem ungeschriebenen Gesetz: Kein Demokrat von der Nordostküste werde es je ins Weiße Haus schaffen.

Am vergangenen Sonntag war Edwards wieder im Fernsehen. Diesmal wurde er von ABC-Moderator George Stephanopoulos befragt. Edwards schlug sich erstaunlich gut. Er war nicht nur kenntnisreich, sondern auch witzig. Nur einmal geriet er ins Stottern: Auf die überraschende Frage, welcher Philosoph sein Leben am stärksten beeinflusst habe, wusste er keine Antwort. Dafür aber erinnerte sein Äußeres ein bisschen an Leonardo DiCaprio. Schaden kann so etwas ja nicht.

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