Die Dritte Seite : Das Wunder von Guaviare

Sechs Jahre lang lebte sie im kolumbianischen Dschungel, als Geisel der linksradikalen Guerilla-Miliz Farc. Jetzt ist Ingrid Betancourt frei. Die Freiheit der Politikerin rechnen sich nun viele an - zum Beispiel Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy.

Sandra Weiss[New York] Caracas[New York] Hans-Hagen Bremer[New York] Paris[New York] Matthias B. Krause[New York]
Betancourt
Rückkehr aus der Steinzeit. Ingrid Betancourt (r) umarmt ihre Mutter. -Foto: AFP

Am Morgen ihrer Befreiung trägt Ingrid Betancourt ihre Hände und Füße in Fesseln. Um fünf Uhr früh hatten die Rebellen sie geweckt. Sie solle ihre Sachen packen. Dann muss Betancourt warten. Es dauert Stunden. Sie darf das Radio einschalten, schaltet zur „Sendung für die Entführten“, die das kolumbianische Radio regelmäßig ausstrahlt. Ingrid Betancourt hört die Stimme ihrer 22 Jahre alten Tochter Melanie, hört, wie sie von einer bevorstehenden Reise nach China erzählt. Dann kommt ihre Mutter Yolanda ans Mikrofon, sie sagt, dass sie bald nach Frankreich fliege, um dort mit Vertretern der französischen Regierung über eine neue „humanitäre Mission“ zu sprechen, durch die sie frei kommen könne. Von dem, was gleich geschehen wird, ahnt Ingrid Betancourt nichts.

Die Rebellen führen die 46 Jahre alte Frau zu einem weißen Hubschrauber. Ein Kommandeur sagt, dass sie und ein paar weitere Gefangene in ein neues Camp gebracht werden sollen. In dem Hubschrauber sitzen vier Besatzungsmitglieder mit Che-Guevara-T-Shirts. Sie fesseln Betancourt. Zur Sicherheit. Die Politikerin soll während ihrer sechs Jahre währenden Geiselhaft schon einige Male versucht haben, zu fliehen. Der Hubschrauber hebt ab. Und dann geht plötzlich alles sehr schnell.

Die Männer mit den Che-T-Shirts überwältigen die zwei Kommandeure, die mit Betancourt an Bord gekommen waren. Dann ruft einer der Männer: „Kolumbianische Streitkräfte! Sie sind frei!“ Ein kurzer Moment der Stille. Dann seien ihr die Tränen gekommen und an Bord ein solcher Jubel ausgebrochen, dass der Helikopter zu schlingern begann. So schildert Ingrid Betancourt kurze Zeit später vor der Presse, wie sie ihre Befreiung erlebt hatte, die „Operation Schach“, bei der das kolumbianische Militär Betancourt und 14 weitere Geiseln aus den Händen der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens, Farc, befreit hatte.

Das Militär habe das Generalsekretariat der Guerilla infiltriert und mit einer Finte erreicht, dass die vorher in drei Gruppen getrennten Geiseln für eine angebliche Verlegung in der südwestlichen Dschungelprovinz Guaviare zusammengebracht würden, sagte später Verteidigungsminister Juan Manuel Santos. Der Guerillakommandeur, dem die Geiseln anvertraut waren, habe zu keinem Zeitpunkt Verdacht geschöpft, so dass die von einem Dutzend Militärs und Geheimagenten durchgeführte Aktion schließlich ohne einen einzigen Schuss vonstatten ging. Die übrigen 60 Guerilleros am Boden dürften erst Stunden später per Radio erfahren haben, was geschehen war.

„Es war eine perfekte Operation. Ich danke Gott und den Streitkräften dafür.“ Das war der erste Satz, den Betancourt vor der Presse nach ihrer Ankunft am späten Mittwochnachmittag in Bogotá sagte. Da hatte sie noch dieselben Gummistiefel, die dunklen Jeans und die Tarnjacke an, die sie am Morgen im Dschungelcamp angelegt hatte, die dunkelblonden Haare zu einer Zopffrisur geflochten. Auf dem Flughafen galt die erste, lange Umarmung ihrer Mutter, die in den sechs Jahren seit der Geiselnahme nie müde wurde, die Öffentlichkeit für ihre Tochter zu mobilisieren. Dann war die Reihe an ihrem Mann, Juan Carlos Lecompte, der ihr nach der Ankunft den schwarzen Marschrucksack von der Schulter nahm, in dem Betancourt ihre Dschungelausrüstung trug: Seife, Zahnbürste, Unterwäsche.

Sechs Jahren Geiselhaft haben bei der Politikerin sichtbare Spuren hinterlassen, sie ist abgemagert, aber ihr Gesicht strahlte, als sie vor den Kameras erklärte, dass sie aus der Steinzeit nun in die Freiheit und Zivilisation zurückgekehrt sei. Betancourt war 2002 entführt worden, als sie während des Wahlkampfs um die kolumbianische Präsidentschaft in eine Straßensperre der Farc geriet.

Bis sie wieder in Freiheit kam, war es ein langer Kampf gewesen, in den sich neben Betancourts Familie auch der französische Präsident Nicolas Sarkozy eingeschaltet hatte. Betancourt hat in Frankreich studiert und besitzt auch die französische Staatsangehörigkeit. Betancourts Kinder Melanie und Lorenzo, die zum Zeitpunkt der Entführung 16 und 13 Jahre alt waren, leben seit Jahren in Frankreich.

Es ist 21 Uhr 16, als am Mittwochabend in Paris die Nachricht von der Befreiung Ingrid Betancourts bekannt wird. Es dauert gerade einmal bis 23 Uhr, bis Nicolas Sarkozy, zusammen mit Melanie und Lorenzo vor die Kameras tritt. Dem Auftritt waren lange Minuten vorausgegangen, in denen Sarkozy mit Ingrid – wie schon während ihrer Geiselhaft ist nun auch nach ihrer Befreiung in Frankreich nur von „Ingrid“ die Rede – telefonierte. Danach hatte auch Sarkozys Frau Carla Bruni einige Worte mit Ingrid Betancourt gewechselt. „Dies ist der glücklichste Tag in meinem Leben. Die Krönung von sechs Jahren Mobilisierung. Das zeigt, dass der Kampf um die Freiheit niemals aufgegeben werden darf“, sagt Lorenzo. Nach dem Auftritt vor der Presse besteigt er zusammen mit seiner Schwester ein von der französischen Regierung bereitgestelltes Flugzeug nach Bogotá, um die Mutter zu treffen.

Sarkozy wiederum versäumt nicht, dem kolumbianischen Präsidenten Alvaro Uribe den „Dank des französischen Volks“ für die „professionelle Befreiungsaktion durch das kolumbianische Militär zu übermitteln. Das ist nicht selbstverständlich. Denn in den Beziehungen zu seinem Kollegen in Bogotá steht es nicht immer zu besten. Zwar hatte Sarkozy nach seinem Amtsantritt sofort auch Uribe angerufen. Doch während Sarkozy forderte, alle Möglichkeiten, auch die von Verhandlungen mit den Farc auszuschöpfen, lehnte Uribe „Spielchen mit den Banditen“ ab. Zwar gab Uribe Sarkozys Drängen nach, einen Führer der Guerilla aus dem Gefängnis zu entlassen, doch auch danach kam Betancourt nicht frei, wie Sarkozy erhofft hatte.

Die Geisel, für die sich in Frankreich Regierung, politische Parteien, Künstler und zahllose Unterstützungskomitees einsetzten, war den Farc offenkundig zu wertvoll geworden. Doch Sarkozy ließ in seinen Bemühungen nicht nach. Er nutzte Kanäle zu südamerikanischen Regierungen, selbst Uribes Erzfeind, den venezolanischen Präsidenten Hugo Chavez, lud er in den Elysée-Palast ein. Auch Schnitzer blieben nicht aus. So hatte sich Sarkozy Anfang April in einer Videobotschaft an den Farc-Gründer „Monsieur Marulanda“ gewandt, der ein paar Tage zuvor verstorben war. Ein Lazarettflugzeug, das er im April nach Kolumbien schickte, um die als todkrank geltende Betancourt abzuholen, musste unverrichteter Dinge zurückkehren.

Umso größer ist jetzt die Freude in Frankreich, dass Betancourt nicht nur frei ist, sondern sich offensichtlich in relativ guter körperlicher Verfassung befindet. Ihre Befreiung mag sich Uribe verdanken, doch Sarkozy könne sich durchaus auch Verdienste anrechnen, wie Fabrice Delloye, Betancourts Ex-Mann der Zeitung „Le Parisien“ sagte: „Er hat dem Drama um Ingrid eine internationale Dimension gegeben. Ohne ihn hätte unser Kampf nie so viel Kraft gehabt.“

Neben Betancourt wurden noch elf gefangene Militärs sowie drei Mitarbeiter eines Subunternehmers des US-amerikanischen Rüstungskonzerns Northrop Grumann aus den Händen der Farc befreit. Vor fünf Jahren war ihre Cessna bei einem Aufklärungsflug über dem Dschungel im Rebellengebiet abgestürzt. Die drei Befreiten trafen Mittwochnacht um 23 Uhr 15 Ortszeit auf einem Militärflughafen in San Antonio, Texas ein. Von dort wurden sie mit einem Hubschrauber in ein nahegelegenes Militärkrankenhaus gebracht, wo bereits ein Team von Spezialisten auf sie wartete.

„Wir haben in der Vergangenheit von ähnlichen Fällen einiges über die mentalen und physischen Probleme solcher Männer gelernt“, sagte ein Sprecher der US-Armee. Wenn man so lange in Gefangenschaft gewesen sei, könne man nicht einfach von heute auf morgen in den Alltag zurückkehren: „Das verursacht tiefgreifende Schwierigkeiten.“ US-Präsident George W. Bush beglückwünschte Alvaro Uribe per Telefon zu der gelungenen Aktion.

In Bogotá kam es zwar zu spontanen Freudenkundgebungen auf der Straße, noch befinden sich aber 24 politische Gefangene in der Hand der Guerilla sowie etwa 700 Menschen, die zur Erpressung von Lösegeld entführt wurden. Die linksradikale Farc, in den 60er Jahren als Bauern-Armee gegründet, finanziert ihre Aktivitäten seit rund 20 Jahren mit Lösegeld-Erpressung und wohl auch durch den Drogenhandel. Der Kommandeur der Streitkräfte, Mario Montoya versprach, sich für die Freiheit aller Entführten einzusetzen. Seinen Worten zufolge ist die Guerilla, die in den vergangenen Monaten den Tod ihres Anführers sowie mehrerer Führungskader hinnehmen musste „schachmatt“. Betancourt wollte vor der Presse diese Auffassung nicht ganz teilen, erzählte aber von deutlichen Problemen in der Logistik der Aufständischen. Es habe seit einiger Zeit Probleme mit dem Nachschub an Nahrung und Kleidung gegeben, schilderte sie. Außerdem habe die Wiederwahl des von den USA unterstützten Hardliners Alvaro Uribe der Guerilla zugesetzt. Zuvor habe jeder Regierungswechsel eine Verschnaufpause für die Rebellen bedeutet. Entgeg-en der Bedenken ihrer Familie, die sich immer gegen eine militärische Befreiungsaktion gesträubt hatte, verteidigte Betancourt die Aktion. Dies sei zwar riskant, aber aus Sicht der Geiseln besser als im Dschungel langsam dahinzusiechen, sagte sie.

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