Zeitung Heute : Die dunkle Seite der Geschichte

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Von Elke Windisch, Moskau

Mindestens 41 Tote, weit über hundert Verletzte. Das ist die Schreckensbilanz des Terroranschlags im dagestanischen Kaspijsk. Nicht die erste Tragödie dieser Art und wohl auch nicht die letzte. Der Kaukasus war und ist die Problemzone Russlands. Schuld daran tragen von den Kommunisten ererbte und hausgemachte Probleme des postsowjetischen Russlands: eine verfehlte Minderheitenpolitik, akute soziale und wirtschaftliche Probleme und ein für Russland ungünstiger geopolitischer Kontext.

Vor rund 400 Jahren begann Russland mit der Eroberung des Kaukasus. Die Unterworfenen reagierten mit immer neuen Aufständen. Um den Unruhebrand auszutreten, nahmen die Sowjets Zuflucht zu immer neuen Verwaltungsreformen: Willkürlich wur- den Grenzen der Teilrepubliken durch das Siedlungsgebiet der über 200 Völker gezogen, Volksgruppen mit unterschiedlicher ethnischer Herkunft, Geschichte und kulturellen Traditionen wurden in künstlich geschaffenen binationalen Verwaltungseinheiten zwangsvereinigt. Dazu kamen Deportationen von rund vierzig Kaukasusvölkern in der Stalin-Zeit. Dies und Rücksiedlungen in den 50er Jahren führte zu zahllosen gegenseitigen Gebietsansprüchen und Verteilungskämpfen um das knappe Weide- und Acker- land. Im Nordkaukasus, der nur 1,3 Prozent der Fläche Russlands ausmacht, leben über 10,6 Prozent der Bevölkerung.

Das postkommunistische Russland aber hat die ererbten Probleme nicht gelöst und teilweise sogar zu deren Eskalation beigetragen: Wie schon in der GUS, bezog Moskau auch bei Konflikten innerhalb Russlands stets Position für die Seite, von der die größte tagespolitische Dividende winkte. Dazu kommt, dass die Region, vom Zentrum de facto stets als Kolonie behandelt, nach wie vor eine der strukturschwächsten ist. Ihr Bruttosozialprodukt liegt rund 30 Prozent unter dem Föderationsdurchschnitt. Nicht nur in dem durch zwei Kriege in weniger als zehn Jahren verwüsteten Tschetschenien, auch in einigen Regionen Dagestans liegt die Arbeitslosigkeit daher bei bis zu 90 Prozent.

Soziale und wirtschaftliche Dauerkrisen aber wirken als Katalysator für Gewaltbereitschaft und Extremismus. Zumal für sie auf beiden Seiten ein fruchtbarer Nährboden besteht. Russlands Präsident Putin setzt bei seinen verständlichen Bemühungen, die Desintegration der Regionen zu stoppen, auf Zentralisierung. Zwar sind Neuregelungen der Selbstverwaltung angepeilt, bis auf weiteres aber halten sich die Provinzfürsten mit Restriktionen der inneren Autonomie in ihrem Regierungsbezirk für ihre eigene Teilentmachtung durch den Kreml schadlos.

Ein Hochrisiko-Unterfangen

Dazu kommt, dass die Suche nach einer überzeugenden nationalen Idee gescheitert ist, weshalb Putin zunehmend auf die russisch-orthodoxe Kirche als kollektiven Integrator setzt. Für einen Vielvölkerstaat, in dem gut ein Drittel der Bürger – im Nordkaukasus sind es über 90 Prozent – dem Islam und anderen Weltreligionen anhängen, ein Hochrisiko-Unterfangen. Zumal es der unter den ethnischen Russen weit verbreiteten Xenophobie Vorschub leistet, die in Krisenzeiten strikt zwischen „naschi und nenaschi“ – die Unsrigen und die Anderen, Recht- und Ungläubige – trennt und in letzteren die Ursache allen Unglücks sieht. Auch der Wahhabbismus – eine fundamentalistische, gewaltbereite Seitenrichtung des Islam – bekommt dadurch Auftrieb.

Bis zum Ende der Union hing die Mehrzahl der nordkaukasischen Muslime dem eher toleranten Sufismus an, einer mystischen Richtung des Islam, der lokale Traditionen integrierte. Dann nutzten radikal-islamische Emissäre, vor allem aus Saudi-Arabien den Fall des Eisernen Vorhangs, um in den muslimischen Regionen Russlands zu missionieren. Ihre Ideen von einem globalen, sozial gerechten Gottesstaat, der keine Nationen kennt, gefielen den Nordkaukasiern, die sich als Bürger zweiter Klasse fühlten.

Moskau, damals voll mit dem Umbau des Systems beschäftigt und einer defensiven außenpolitischen Doktrin folgend, hat diese Probleme zunächst unterschätzt und versuchte dann, den kaukasischen Knoten mit einem Hieb zu durchtrennen, statt ihn aufzudröseln. „Sila jest, uma ne nado“ – wir haben Kraft, Gehirn stört nur. Mit eben diesen Worten sollen Hardliner Jelzin im Dezember 1994 zum ersten Tschetschenienkrieg überredet haben. 1998 wiederholte Putin die umstrittene Mission. Das brachte ihm zwar die absolute Mehrheit bei den Präsidentenwahlen, aber auch einen Partisanenkrieg, bei dem die Fronten überall verlaufen. Und deren Folgen auch Terror und Attentate sind.

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