Zeitung Heute : Die echte Mauer suchen

Lothar Heinke

Wie ein Rentner die Stadt erleben kann

Eigentlich wollte der Herr Rentner bei seinem Ost-West-Spaziergang über den einstigen Checkpoint Charlie lässig vorbeischlendern und diese seltsame Wiedergeburt der Mauer mit ihren dunklen Kreuzen einfach rechts liegen lassen. Aber das geht nicht. Diese Installation ist so aufdringlich, dass man nicht an ihr vorbei kommt, ohne darüber nachzudenken, was hier eigentlich los war.

Richtig ist, dass es an dieser Stelle einmal einen Grenzübergang gab, den nur Ausländer benutzen durften. Falsch ist, dass an der Stelle, wo sie jetzt ein paar Meter Beton reaktiviert haben, eine Mauer stand. Die Checkpoint-Mauer teilte damals 28 Jahre lang die Zimmerstraße wie die ganze Stadt, sie zog sich 155 Kilometer rund um West-Berlin, und wir, Berliner, feuerten nach der Wende jeden an, der sich an dem Monstrum zu schaffen machte: Hau feste druff! Die Leute haben ihre ganze Wut in die 3,60 Meter hohe Wand gehämmert, und dann war sie eines Tages ganz weg – wie Panzersperren, Wachtürme, DDR-Kontrollbaracken. Später applaudierten alle, als das US-Häuschen am Checkpoint davonschwebte: Die neue Zeit der Abrüstung und Entspannung war im einig Vaterland angekommen, wir wollten endlich ohne Mauern leben und sahen mit Freude, wie der Wall für die Müllkippe der Geschichte zerschreddert wurde. An zwei Stellen sollte sie bleiben, die Original- Mauer. Da steht sie noch heute authentisch: An der Bernauer (mit Doku-Zentrum) und Niederkirchner-Straße. Genug zum Fotografieren – denkt der Berliner, froh, dass der Wall ohne Blutvergießen aus der Stadt, nicht aber aus dem Gedächtnis verschwunden ist. Doch nun, angeregt durch kommerzielle Interessen, steht ein Stückchen wieder da, und sofort will man uns einreden, was wir brauchen: Gedenkstättenkonzepte, Gedenkorte und Mauermahnmale. Für die Touristen. Ach?

Sollte man da nicht einfach die Panzer-Konfrontation vom Herbst 1961 am Checkpoint nachspielen? Hier die Russen, drüben die Amis, dazwischen ein weißer Strich, paar Vopos, Radioreporter, Jeeps und kalter Lautsprecherkrieg? Immer sonnabends um Elf, Eintritt frei. Ein paar alte Panzer müssten doch noch aufzutreiben sein.

– Mehr zur Mauer im Dokumentationszentrum Bernauer Straße 111 (Mi. - So. 10 - 17 Uhr).

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