Zeitung Heute : Die eigene Zukunft selbst gestalten

Bethel bildet epilepsiekranke Menschen in 22 staatlich anerkannten Berufen aus

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Die Sonne brennt. Im Gewächshaus herrscht tropisch-feuchte Hitze. In der Luft liegt ein modrig-nasser Geruch. „Hier kriegt man einen Klatsch!“, sagt Christian Edeler, lässt sich seine gute Laune dadurch aber nicht verderben. Der angehende Fachwerker im Gartenbau prüft, wie die Stecklinge gedeihen. Buchsbäume und Efeu fühlen sich offenbar wohl. Er selbst will allerdings möglichst schnell wieder nach draußen. „Die Arbeit an der frischen Luft gefällt mir besser.“

Der 23-Jährige durchläuft eine Ausbildung im Bereich Agrarwirtschaft des Berufsbildungswerks Bethel (BBW). „Mir macht es viel Spaß, in der Natur zu arbeiten und deshalb habe ich mich für den Gartenbau entschieden“, erklärt er. Durchschnittlich 24 junge Leute werden in den verschiedenen Sparten der Agrarwirtschaft ausgebildet. Ihre Chancen, später eine Stelle zu bekommen, stehen nicht schlecht. „Durch Praktika werden frühzeitig Kontakte zu Betrieben geknüpft – oft mit Erfolg“, erläutert Ausbilder Wolfgang Geuenich. „Viele bekommen später auch einen festen Arbeitsplatz.“

Das BBW ist in Deutschland das einzige Berufsbildungswerk, das sich um die Erstausbildung von anfallskranken jungen Leuten kümmert. Es gehört zu den v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel und ist Teil des Epilepsie-Zentrums Bethel in Bielefeld. Insgesamt stehen rund 160 Plätze zur Verfügung. Das Spektrum der beruflichen Qualifikationen, die hier erworben werden können, ist ungewöhnlich breit. Neben verschiedenen Angeboten zur Berufsvorbereitung können Ausbildungen in 22 staatlich anerkannten Berufen absolviert werden. Sie erstrecken sich über die Bereiche Agrarwirtschaft, Metalltechnik, Textiltechnik , Hotel/Gastronomie und Ernährung/Hauswirtschaft. Die Palette der Berufe reicht von besagtem Fachwerker im Gartenbau über den Werkzeugmaschinenzerspaner und die Näherin bis hin zum Helfer im Gastgewerbe oder der Beiköchin.

Um den Lernerfolg zu verbessern, findet die Ausbildung prinzipiell in kleinen Gruppen statt. Das gilt auch für den Unterricht im Kerschensteiner Berufskolleg, das räumlich in das BBW integriert ist. Wichtig ist eine möglichst große Praxisnähe. Das Berufsbildungswerk kooperiert deshalb sehr eng mit Betrieben. Während der Maßnahme oder Ausbildung leben die jungen Menschen, die aus allen Teilen Deutschlands kommen, in Wohngruppen. Das soll sie zusätzlich dazu befähigen, ein selbstständiges Leben zu führen. Ärztlicher Dienst, Psychologischer Dienst, Sozialpädagogischer Dienst und Seelsorge begleiten sie, wenn es darum geht, die epilepsiebedingten Beeinträchtigungen, die persönlichen und sozialen Probleme noch besser in den Griff zu bekommen. „Es ist immer was los“, berichtet Christian Edeler über seine Erfahrungen in der Wohngruppe. „Wir kochen, spielen Fußball, gehen in die Disko oder unternehmen gemeinsam etwas anderes.“ Er habe viele Freunde gefunden, sagt er. Und um einen passenden Job nach der Ausbildung steht es auch nicht schlecht. pivo

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