Zeitung Heute : „Die eigentliche Katastrophe steht noch bevor“

Der Entwicklungshelfer van der Kamp befürchtet, dass durch den Bürgerkrieg große Landstriche von einer Hungersnot heimgesucht werden

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JOHAN

VON DER KAMP

(41)

ist seit September 2003 Regionalkoordinator der Welthungerhilfe in Sudan.

Foto: R/D

Wie ist die aktuelle Lage im Darfur?

Teile der Krisenregion sind für Helfer noch immer nicht zugänglich. Wie es den Menschen dort geht, wissen wir nicht. Wo wir hingelangen, sehen wir aber, dass dringend Hilfe benötigt wird. So haben beispielsweise in der Stadt Kutum bis zu 80 000 Bewohner aus der Umgebung Schutz gesucht. Hier fehlt es an Medikamenten, Lebensmitteln und vielem mehr.

Warum sind die anderen Gebiete von der Hilfe abgeschnitten?

Weil die Straßen von Milizen und ganz gewöhnlichen Kriminellen kontrolliert werden. Sie überfallen Hilfstransporte und bedrohen Mitarbeiter internationaler Organisationen. Selbst in Regionen, die als sicher gelten, kommt es immer wieder zu Zwischenfällen.

Die Janjawid-Miliz, die von der Regierung offenbar geduldet wird, soll ganze Dörfer dem Erdboden gleichmachen. Bahnt sich hier ein zweites Ruanda an?

So weit würde ich nicht gehen. Aber es geht um systematische Vertreibungen, um Plünderungen und Vergewaltigungen. Die Milizionäre stehlen das Vieh der Flüchtlinge und verkaufen es. Von dem Geld beschaffen sie sich neue Gewehre. Mittlerweile verfügen sie über schwere Waffen und Fahrzeuge. Selbst wenn die Regierung wollte, könnte sie die Lage kaum noch unter Kontrolle bekommen.

Fordern Sie eine internationale Militärintervention?

Ich würde den Einsatz einer internationalen Friedenstruppe natürlich sehr begrüßen. Ich fürchte aber, dass dies so schnell nicht passieren wird. Das Gebiet, über das wir sprechen, umfasst von Nord nach Süd etwa 2000 und von Ost nach West mindestens 600 Kilometer. Da bräuchte man tausende Soldaten.

Fühlen Sie sich von der internationalen Gemeinschaft im Stich gelassen?

Die UN haben tatsächlich sehr spät auf die Situation im Darfur reagiert. Jetzt gehen die Organisationen der Vereinten Nationen aber seriös an die Sache heran. Aber die UN sind letztlich auch von den finanziellen Zusagen der Mitgliedsstaaten abhängig. Und da gibt es aus meiner Sicht große Defizite, denn wir dürfen nicht nur an die kurzfristige Versorgung der Flüchtlinge mit Lebensmitteln denken. Die eigentliche Katastrophe steht erst im nächsten Jahr bevor.

Was heißt das konkret?

In den kommenden Wochen beginnt in der Region die Regenzeit, dann müssen die Bauern die Saat für die kommende Ernte ausbringen. In der derzeitigen Situation ist daran aber nicht zu denken. Zu viele Bewohner sind aus ihren Dörfern geflohen und können ihre Felder nicht bestellen, anderen fehlt das Saatgut. Wir versuchen, zumindest den Bauern, die geblieben sind, Saatgut zu liefern, dennoch besteht die Gefahr, dass die Ernte für das kommende Jahr nahezu komplett ausfällt. Und dann müssen wir im Darfur mit einer akuten Hungersnot rechnen.

Das Gespräch führte Ulrike Scheffer.

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