Zeitung Heute : Die Einheit auf einen Blick

Das „Band des Bundes“ war 1993 die siegreiche Idee für das Berliner Regierungsviertel

Falk Jaeger
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Band des Bundes. Wie eine Klammer verbindet der Komplex der Regierungsbauten die beiden Stadthälften und lässt dennoch Raum für...

Manchmal sind irrationale Ideen unwiderstehlich und sachfremde Argumente die durchschlagskräftigsten. Dies gilt auch für millionenschwere Investitionen, über die viele kluge Menschen lange nachdenken, bis sie in die Tat umgesetzt werden. Hamburgs Elbphilharmonie lässt sich mit der Metapher eines Segelschiffs trotz galoppierender Kostenüberschreitung den Bürgern noch immer gut verkaufen, die BMW-Welt fegt als gebauter Tornado durchs Münchner Olympiagelände, in der Nähe von Shanghai entsteht eine neue Stadt mit kreisrundem Lageplan nach dem Bild eines ins Wasser fallenden Tropfens. Die Chinesen sollen für solche Bilder besonders empfänglich sein, doch auch hierzulande ist man für ein eingängiges Etikett an einer komplexen Sache dankbar.

„Band des Bundes“, diese Metapher elektrisierte die Jury, als es 1993 darum ging, den damals größten Architekturwettbewerb aller Zeiten zu entscheiden. Gefragt waren Vorschläge, wie die neuen Regierungsbauten städtebaulich auf dem Areal des Spreebogens vom Reichstag flussabwärts zu arrangieren seien. Dass schon Adolf Hitler hier sein Zentrum der Macht geplant hatte, mit der zweiten, diesmal gigantischen Reichskanzlei, schreckte niemanden angesichts der friedlich hoppelnden Kaninchen auf dem der Vergessenheit anheim gefallenen Areal. Nicht einmal spazieren gehen mochte man dort mit dem Blick auf den Todesstreifen am anderen Ufer. Nicht viel mehr Leben war auf dem ehemaligen Güterbahnhof auf dem Moabiter Werder anzutreffen, über den die Teilnehmer ebenfalls nachdenken sollten.

835 Teilnehmer hatten ihre Modelle aus aller Welt nach Berlin expediert. Das Staatsratsgebäude war voller Lösungsvorschläge, vom elegantesten bis zum plumpsten, vom langweiligsten bis zum verrücktesten, vom Hüttendorf bis zur Hochhausscheibe. Die Politiker im Preisgericht waren zuerst eingenommen von der politisch gedachten städtebaulichen Idee, nämlich die Wiedervereinigung der Stadt und des Landes in Form einer bandförmigen, Ost- mit Westberlin verklammernden Bebauung gleichsam für die Ewigkeit in Beton zu gießen. Als wolle man sich einer Sache versichern, der noch nicht so recht zu trauen ist.

Axel Schultes und Charlotte Frank hatten, das „Band des Bundes“ vorgeschlagen, gebildet durch die aufgereihten Regierungsbauten von der Kanzlervilla mit Garten im Westen über das Kanzleramt, das „Bürgerforum“ und die Bauten des Bundestags, drei Mal die mäandrierende Spree überspannend und ausgreifend bis hin zum Bahnhof Friedrichstraße. Die Idee setzte sich in den Köpfen fest und verhalf dem Entwurf zum Sieg.

Wenn die Idee den Architekten in der Jury nicht in gleichem Maß einleuchtete, so wohl deshalb, weil ihnen ihr geschultes räumliches Vorstellungsvermögen eingab, dass sie in der vorliegenden Form nicht funktionieren konnte. Was als Modell gebaut jedermann ins Auge springt, wird in der Realität des Maßstabs 1:1 kaum zu erleben sein, es sei denn vom Hubschrauber aus oder auf Google Earth. Wer auf dem Moabiter Werder die Mauer des Kanzlergartens entlangpeilt, sieht eine Mauer, sonst nichts. Die naheliegendste Lösung für eine erlebbare städtebauliche Verbindung wäre ein Straßenraum oder ein Boulevard mit beidseitiger Bebauung, doch die Architekten formulierten ein Band Aufreihung geschlossener Körper.

Als es dann galt, den städtebaulichen Entwurf mit konkreter Architektur auszufüllen, hatten Schultes/Frank Heimvorteil. An den Längsseiten wuchsen sie leider zu hermetischen steinernen Klostermauern des Kanzleramts, erst zum geplanten Forum hin zündeten sie das architektonische Feuerwerk. Stephan Braunfels wob das Band des Bundes mit seinen Abgeordnetenhäusern kongenial weiter, zur Spree und darüber hinaus. Er verzichtete auf die „Klostermauern“ und öffnete die Seitenhöfe zur Straße hin, durchaus mit Gewinn für die Architektur.

Die schmalen Sträßchen beiderseits können das Stadtteilverbindende des Bandes nicht überzeugend vermitteln. Hinzu kommen die Sparmaßnahmen, da man zwischen Kanzleramt und Kanzlergarten und zwischen den beiden Abgeordnetenhäusern jeweils auf eine der vorgeschlagenen Spreebrücken verzichtete. Schultes/Franks Idealentwurf hat aber noch mehr Federn lassen müssen. Die Kanzlervilla wurde nicht gebaut, weil Gerhard Schröder das Haus im Grunewald vorzog und Angela Merkel ihre Stadtwohnung nicht aufgeben möchte. Der Garten auf dem Werder bleibt verwaist. Am östlichen Ende des Bandes wird man wohl nach der Erweiterung des Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses den Sprung über die Luisenstraße nicht mehr schaffen, so bleibt der symbolträchtige Bahnhof Friedrichstraße außer Reichweite. Und im Zentrum des Spreebogens klafft eine weite Lücke zwischen Kanzleramt und Paul-Löbe-Haus. Das von Axel Schultes hier vorgeschlagene politisch motivierte Bürgerforum ist mangels Interesse der Tagespolitik und Finanzmittel wohl auf den St. Nimmerleinstag verschoben. So bleibt es bei der kuriosen Situation, dass seine Exzellenz, der Schweizerische Botschafter, als einziger seiner Kollegen Blickkontakt zum Büro der Bundeskanzlerin hat und ihr zuwinken kann. Sein Haus war infolge noch nicht ausgestandener diplomatischer Verwicklungen stehen geblieben, als Albert Speer 1941/42 den Spreebogen zum Bau der Großen Halle räumen ließ. Es überdauerte den Zweiten Weltkrieg und es blieb an Ort und Stelle, auch als einsames solitäres Häuschen auf den 835 Wettbewerbsmodellen für ein neues Regierungsviertel.

Inzwischen ist Regierungsalltag eingekehrt. Täglich bauen sich die Kamerateams am Seiteneingang des Kanzleramts auf und filmen die immergleichen Limousinen bei der Passage des Pförtnerhäuschens. Anschließend stellt sich der Korrespondent mit dem Mikrofon vor der Hauptfassade auf und deklamiert seinen „Aufsager“ – Zoom auf Eduardo Chillidas rostige Großplastik „Einheit“ - Klappe. Auskunftswillige Abgeordnete werden gerne in der Halle des Paul-Löbe-Hauses abgelichtet, die sich mit ihren Galerien und Brücken wunderbar dafür eignet.

Die Bürger zieht es mehr an die Spree, ans Ostende des Hauses. Wo das Abgeordnetenhaus von der Spree gewissermaßen schräg durchschnitten wird und mit seinen Flugdächern den „Spreesprung“ vollzieht. Die gläserne Mittelhalle mit ihrem abgesenkten Niveau stößt fast ans Wasser; von innen scheint es, die Dampfer pflügen gleich durchs Haus. Der siebengeschossige Rundbau mit Sitzungssälen und zwei Restaurants nutzt die Spreekulisse ebenso wie der Marie-Luise-Lüders-Bau am anderen Ufer. Architekt Braunfels hat hier ein bauplastisches Meisterwerk abgeliefert, mit dem mehrgeschossigen, maßstabsprengenden Rundfenster des Sitzungssaals, dem Rundbau der Bibliothek, mit der bei Flaneuren beliebten Freitreppe und mit dem zweigeschossigen Steg über die Spree, der beide Häuser miteinander verbindet, unten öffentlich begehbar, oben als bundestagsinterne Verbindung. Er ist als Jakob-Mierscheid-Steg bekannt, nach einem beliebten Phantom-Abgeordneten aus Morbach, der es sogar einmal ins offizielle Bundestagsjahrbuch geschafft hatte. Die Verzeichnung im Falk-Plan lässt vermuten, dass die Benennung inzwischen offiziellen Charakter angenommen hat...

Ein richtiger Platz ist er eigentlich nicht, der von der Spree durchschnittene und vom Abgeordnetenhaus gebildete quadratische „Spreeplatz“. Stephan Braunfels hat mit verschiedensten Behörden lange Kämpfe ausgefochten, bis genehmigt war, im Bereich des Spreeplatzes auf Ufergeländer zu verzichten. So kann ein wenig Amsterdam- oder Venedig-Gefühl aufkommen. Die Bürger danken es, und bislang ist von einem Absturz an der ehemaligen Sektorengrenze (es wäre ein Sturz vom West-Berliner Ufer in die Ost-Berliner Spree) noch nicht berichtet worden.

Eines der seltenen intensiven Architekturerlebnisse, das ist es, was die Passanten und Berlin-Besucher am allzeit belebten Spreeplatz suchen – und wohl auch finden.

Die von außen und innen begehbare rote Infotreppe steht vom 2. bis 4. Oktober am Band des Bundes.

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