Zeitung Heute : Die Einheit der Forschung

Peter-André Alt

Von ausländischen Kollegen werden wir nicht selten gefragt, aus welchen Gründen die angesehenen deutschen Universitäten bei internationalen Ranglisten niemals in der Spitzengruppe auftauchen. Die Antwort ist sehr einfach: Forschungsleistungen werden hierzulande nicht ausschließlich an Universitäten erbracht, sondern auch an außeruniversitären Einrichtungen. Institute der Max-Planck-Gesellschaft und der Helmholtz-Gemeinschaft verfolgen zentrale Fragen der Grundlagenforschung. Verbünde der Leibniz-Gemeinschaft stehen für innovative Projekte im lebens- und sozialwissenschaftlichen Sektor, für Forschung unter dem Dach von Museen und Sammlungen. Einrichtungen der Fraunhofer-Gesellschaft betreiben Vorhaben in anwendungsbezogener, technologieunterstützender Forschung. Hinzu kommen die wissenschaftlichen Akademien, die langfristig angelegte Grundlagenforschung fördern – zum Beispiel aufwendige Texteditionen. Nur wer die hier erbrachten Leistungen zu den Aktivitäten der deutschen Universitäten hinzuzählt, gewinnt einen angemessenen Eindruck von der Stärke des Wissenschaftsstandorts Deutschland.

Im Interesse einer optimalen Nutzung von Potenzialen und Ressourcen hat die Freie Universität Berlin in den vergangenen Jahren ihre Zusammenarbeit mit Einrichtungen der Spitzenforschung intensiviert. Auf dem Gebiet der Pflanzenforschung und Veterinärmedizin und im sozialwissenschaftlichen Bereich arbeiten ihre Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit Instituten der Leibniz-Gemeinschaft zusammen. Lebenswissenschaftliche Forschung im Grenzssektor zwischen Chemie, Biochemie und Physik, aber auch geisteswissenschaftliche und erziehungswissenschaftliche Vorhaben, betreibt sie gemeinsam mit Helmholtz- und Max-Planck-Instituten. Und die Charité – die gemeinsame Hochschulmedizin von Freier Universität und Humboldt-Universität – plant eine institutionelle Annäherung an das Max-Delbrück-Centrum, das zur Helmholtz-Gemeinschaft gehört. Die Freie Universität verfolgt ihr neues Exzellenz-Konzept für die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses konsequent mit den genannten Partnereinrichtungen. Denn nur in der Kooperation liegt die Chance für eine Bewältigung der Zukunft.

Angesichts des zunehmend härteren internationalen Wettbewerbs ist es notwendig, dass auch die Wissenschaftspolitik des Landes Berlin solche Formen der Zusammenarbeit unbürokratisch und pragmatisch unterstützt. Es verheißt daher nichts Gutes, wenn SPD und CDU im Rahmen des neu geschlossenen Koalitionsvertrags verabredet haben, universitäre Wissenschaft und außeruniversitäre Forschung auf zwei unterschiedliche Ressorts zu verteilen. Die Universitäten zur Senatsverwaltung für Bildung und Wissenschaft, die Forschung zur Wirtschaft – ist das klug? Es ist wohl vor allem das Resultat von Verhandlungszwängen. Berlins Universitäten bleibt nichts anderes übrig, als pragmatisch mit den neuen Herausforderungen umzugehen. Und weiterhin gilt: Berlin ist ein herausragender Wissenschaftsstandort, daran ändern auch die Gesetze der Koalitionsarithmetik zum Glück nichts.

Der Autor ist Präsident der Freien Universität Berlin.

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