Zeitung Heute : Die Einheit reicht nicht

Im Nordirak ist eine Luftbrigade gelandet. Aber tausend Soldaten sind zu wenig, um eine zweite Front gegen Bagdad aufzubauen

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Nachdem alle amerikanischen Versuche gescheitert sind, vom Norden her aus der Türkei kommend eine zweite Front im Kampf gegen Saddam Hussein zu eröffnen, ist Kurdistan in den vergangenen Tagen doch noch zu einem weiteren zentralen Schauplatz im IrakKrieg geworden. Nach amerikanischen Angaben sind allein in der Nacht zum Donnerstag rund 1000 Fallschirmjäger im irakischen Norden abgesetzt worden. Angeblich seien sie im Kurdengebiet gelandet, um eine Nordfront zu eröffnen, die Bagdad doch noch in die Zange nehmen soll, heißt es. Die Einheit ist seit dem Jahr 2000 im italienischen Piacenza stationiert und wurde über die Türkei nach Kurdistan geflogen, wo sie auf einem Flugfeld bei Baschur, etwa 50 Kilometer nördlich von Erbil gelegen, landete. Flankiert wurden die Luftlandeoperationen von amerikanischen Bombenangriffen auf vermutete irakische Stellungen im kurdischen Norden des Landes.

Die Fallschirmjäger gehören zur 173. Luftlandebrigade der US-Streitkräfte, die als „Mehrzweckwaffe“ eingesetzt wird. Ihre insgesamt 2000 Soldaten sind für die Einnahme von Flugplätzen in Feindesland ebenso ausgebildet wie für Bodenkämpfe. Eigene Aufklärungs- und Nachschubeinheiten unterstützen üblicherweise die „Sky Soldiers“ (Himmelssoldaten) genannten Fallschirmjäger. Die Einheit gehört zur Schnellen Eingreiftruppe Südeuropa (Setaf) der US-Armee. Während des Vietnamkriegs war die Brigade die erste amerikanische Armee-Einheit, die massiv in Bodenkämpfe verwickelt war, aber auch hunderte von Verlusten zu vermelden hatte.

Die Vermutung, mit diesem Einsatz würde jetzt doch noch eine zweite Front gezimmert, ist allerdings sehr weit her geholt. Denn in der jetzigen Situation fehlen für die Eröffnung einer solchen zweiten Front nahezu alle Voraussetzungen. Fallschirmjäger sind naturgemäß nur leicht bewaffnet und eignen sich schon daher nicht, auch nicht in weitaus größerer Anzahl, für die Eroberung größerer Gebiete. Sie können entweder als Vorboten für den Einmarsch schwerer Verbände agieren, was allerdings im Norden des Iraks einstweilen schwierig ist.

Eine zur Landnahme fähige Kampfstärke lässt sich in kurzer Zeit nur schwerlich auf dem Luftweg verlegen. Fallschirmjäger können zur Einnahme und Sicherung von Punktzielen in vergleichsweise sicherer Umgebung in Stellung gebracht werden. Die Eroberung eines Flugplatzes, oder die Vor-Ort-Sicherung von Ölförderanlagen gegen terroristische Formen der Kriegsführung des Feindes sind vorstellbare Aufträge. Gleiches gilt für die Erkundung neuer oder den Ausbau und die Sicherung bestehender Nachschubwege.

Doch schon die Abwehr größerer militärischer Feindbewegungen, erst recht mit schwerem Gerät, überfordert Luftlandeeinheiten. Ohne rasch nachrückende größere Truppenteile, können die amerikanischen Fallschirmjäger auch kaum einen Beitrag dazu leisten, gegnerische Kräfte zu binden. Leicht gepanzerte Infanterie ist hier unbedingt erforderlich. Es kann ihnen auch nicht gelingen, kurdische Milizen und paramilitärische Verbände vom Eingreifen in das größere Kampfgeschehen abzuhalten, sollte das nötig sein.psi

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