Zeitung Heute : Die Einrichtung

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Eine Generation weiß nicht wohin – einer macht sich schon mal auf den Weg

Von Matthias Kalle

Was ich immer noch nicht ganz begreifen kann: Landy ist ja Hausbesitzer. Warum er ein Haus besitzt, tut jetzt mal nix zur Sache, es ist einfach so. Ich habe in Landys Haus unfassbare Dinge erlebt, er selbst wohl auch, aber im Moment erlebt Landy, dass ihn etwas stört. „Ich bin nicht ganz zufrieden“, sagte Landy vor einer Woche. Also beschlossen wir, zu Ikea zu fahren. Nach Bielefeld. Minden hat natürlich keinen Ikea.

Ich hatte mal einen Bausparvertrag, meine Großeltern haben ihn für mich angelegt, aber als ich anfing, in München zu arbeiten und nach einem Jahr meine erste Steuererklärung abgab, musste ich meinen Bausparvertrag auflösen. Ob ich mir das gut überlegt hätte, wollten meine Großeltern wissen – aber werde ich jemals in einem Haus wohnen? Eines bauen? Kaufen? Ich lebe in Mietwohnungen, alle, die ich kenne, leben in Mietwohnungen – wir ziehen ja auch dauernd um. Außer Landy natürlich, was hauptsächlich an seinem Haus liegt.

Weil wir dauernd umziehen, so lautet meine These, legen wir keinen großen Wert auf die Möblierung unserer aktuellen Wohnung. Vor ein paar Wochen saß ich mit einem guten Freund in seiner sehr schönen Drei-Zimmer-Wohnung in Prenzlauer Berg. Er schläft auf einer Matratze, die auf dem Boden liegt, obwohl er nicht studiert und Geld verdient. Ich fragte ihn, warum wir eigentlich keine teuren Möbel haben, die man nicht sofort wegschmeißt, wenn man wieder einmal umzieht, und er erzählte mir dann, dass das Sofa, auf dem wir gerade säßen, schon ziemlich teuer gewesen sei und dass er damit sehr wohl umziehen würde, aber sonst… „Vielleicht“, sagte ich, „umgeben wir uns einfach nicht gerne mit Dingen, die einen materiellen Wert haben. Vielleicht wollen wir uns schnell, einfach und ohne Verlustangst von den Dingen trennen.“ – „Du meinst also“, sagte mein guter Freund, „dass wir im Grunde unseres Herzens Besitz ablehnen?“ Ist es das? Aber vielleicht wäre das auch etwas zu viel des Guten, und so kamen wir zu dem Schluss, dass man ja eigentlich weder Zeit noch Lust hat, sich mit Möbeln zu beschäftigen. „Wir haben uns halt im Leben noch nicht richtig eingerichtet“, sagte mein guter Freund.

Landy und ich fuhren natürlich an einem Samstag zu Ikea – wenn schon, denn schon. Wir schoben uns durch die Ausstellungshalle, Landy brauchte einen Teppich, drei Lampen und einen Schuhschrank, vorher hatte er alles genau ausgemessen. Außer uns waren bei Ikea: Junge Familien (natürlich), Engländer (?), viele Schwangere (ziemlich viele) und hübsche Mädchen mit ihren Eltern. Die Mädchen, kombinierten wir, beginnen im Oktober ihr Studium in Bielefeld (Jura, BWL, Lehramt), und jetzt suchen sie nach Betten, Kleiderschränken, Esstischen. Die Mädchen scheinen alle ganz genau zu wissen, was sie wollen, während die Väter etwas missmutig schauen und die Mütter jeden Augenblick anfangen zu heulen. In der Ikea-Werbung lautet ein Spruch: „Wohnst du noch oder lebst du schon?“ Möglicherweise glauben diese Mädchen, das Leben lässt sich einfach so zusammenbauen.

Landy fand keinen Teppich, dafür kaufte er zwölf Gläser und so ein Ding, auf das man einen Kochtopf stellen kann. Ich kaufte mir einen Hot Dog.

Matthias Kalle hat Berlin verlassen und zog in seine Heimatstadt Minden zurück. Darüber berichtet er Woche für Woche. Wer ihm schreiben will: Sonntag@Tagesspiegel.de

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