Zeitung Heute : Die Einsätze steigen

Schweinsteiger sagt, er habe keinen Wettbetrug begangen. Doch die, die das Gegenteil behaupten, bleiben wohl dabei

Helmut Schümann[München]

Der erste Auftritt gehört Felix Magath, dem Trainer. „Wettskandal? Welcher Wettskandal? Wir haben keinen Wettskandal.“ Er sagt das mit großer Gelassenheit, auf einer Pressekonferenz am Freitag auf dem Vereinsgelände des FC Bayern München. Und es ist, als wollte der Trainer all die Aufgeregtheit, all die Gerüchte ganz einfach nicht mal ignorieren.

Kurz zuvor hatten Vereinschef KarlHeinz Rummenigge und Manager Uli Hoeneß mit Magath und dem vermeintlich verdächtigen Spieler Bastian Schweinsteiger zusammen beratschlagt. Man hatte daraus annehmen können, die Politik der Ignoranz sei Vereinsdoktrin. „Schauen Sie“, sagt Magath, „dass Schweinsteiger gar nicht in den Wettskandal verwickelt sein kann, sieht man schon daran, dass bei uns sogar die Südamerikaner Schafkopf spielen, allein Bastian nie.“ Das ist zwar eine einleuchtende Kausalkette, juristisch aber mutmaßlich nicht so ganz durchschlagend.

Vertreter der „tz“, jener Münchner Boulevardzeitung, die am Donnerstagabend mit schweren Anschuldigungen gegen den Münchner Nationalspieler Schweinsteiger Hektik im ganzen Lande ausgelöst hatte, sind übrigens nicht zugegen. Das kann auch bis auf weiteres nicht anders sein, Rummenigge hatte schon am Vorabend per Fernsehauftritt ein pauschales Hausverbot gegen die Zeitung verhängt. So erregt waren die Münchner in diesem ersten Moment, dass Rummenigges Stimme bebte und man Angst haben musste, er hyperventiliere.

Es war aber auch ein Geschütz, das die beiden Autoren Gerald Selch und Max Breitner, der Sohn des ehemaligen Nationalspielers Paul Breitner, aufgefahren hatten. Schweinsteiger und zwei Spieler von 1860 München seien als „Beschuldigte“ im Wettskandal von der Polizei verhört worden, die Münchner Staatsanwaltschaft habe ein Vorermittlungsverfahren eingeleitet – der Nationalspieler, von dem Anfang der Woche das ARD-Magazin „Plusminus“ sprach, schien enttarnt zu sein. In der nächsten, am Freitagmorgen erschienenen Ausgabe, hatte der Text zwar seine ganz große Wucht verloren, wohl auch, weil schon am Abend die Staatsanwaltschaft alle Mutmaßungen dementierte. Aber dass ein so genannter Wettpate die drei Fußballer bei der Staatsanwaltschaft München I belastet habe, dabei blieb das Blatt.

Vielleicht sind es diese hysterischen Zeiten, gut 80 Tage vor Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft, die aus vagen Andeutungen Meldungen produzieren, die wiederum hysterische Spekulationen auslösen. Am Freitagmorgen wurde an der Säbener Straße in München, der Heimstatt des FC Bayern, gewaltig spekuliert. Sind nicht Max Breitner, der eine Autor, und Schweinsteiger befreundet? In München weiß die Journaille von einem bisher recht innigen Verhältnis auch des gesamten „tz“-Sportressorts zu ihrem „Schweini“ zu berichten. Und so einen hängen die hin? Schweinsteiger ist jung, 21 Jahre alt erst, der verspricht noch zehn Jahre Quell der Information zu sein. Und so einen verbrennt man?

In München, wo drei Boulevardblätter nach Käufern gieren, sind Informationen aus dem Intimbereich des FC Bayern ein teures Gut. Und ist Schweinsteiger, könnte ja sein, nicht auch oft arg frustriert, weil er Nationalspieler ist, aber nicht Stammspieler, und dann, vielleicht falsche Freunde, die Münchner Schickimicki-Party-Szene, in die sich allzu oft Halbseidenes mischt, könnte doch sein … Fakten indes liegen nicht vor oder noch nicht vor.

Schweinsteiger selber läuft am Freitag nur einmal kurz über das Gelände, eskortiert von Magath und Medienchef Markus Hörwick, stumm bleibt er, lächelt kaum, wirkt aber auch nicht niedergeschlagen. Dass er trainingsfrei hat, hat unstrittig mit seiner Grippe zu tun, und dass er schweigt, ist nur zu verständlich, aber ob die Magath’sche Taktik der Verniedlichung der gerade Weg zur Reinwaschung ist?

„Wir freuen uns unheimlich, dass wir einen neuen Rasen in der Arena haben“, sagt der Trainer abschließend, „die Spieler freuen sich total darauf.“

Der zweite Auftritt gehört Uli Hoeneß, dem Manager. Und dann wird mit solchem Furor zurückgeballert, dass man den Urhebern der vermeintlichen Verleumdung schon mal anraten möchte, sich nach anderen Betätigungsfeldern als dem Sportjournalismus umzusehen. Fünf Punkte hat der Verein mit seinen Anwälten ausgearbeitet, als da wären eine Unterlassungserklärung, einen Widerruf, eine Gegendarstellung, einen Strafantrag wegen übler Nachrede und eine Schadenersatzklage. Uli Hoeneß trägt das sehr ruhig, sehr leise vor, man spürt dabei seine Wut. Er hat natürlich, sonst wäre es nicht Hoeneß, noch ein paar große Worte über Pressefreiheit übrig, über deren Missbrauch. „Pfui Teufel!“ Aber er hat dann auch das Positive im Auge und verspricht ein paar wohltätigen Organisationen bald eine Menge Geld: „Der Schadenersatz wird sehr hoch sein.“ Er sagt noch, „wir werden ein Signal setzen“, dann geht er.

Was bleibt sind Glaubensfragen. Die „tz“ versichert bis zum Freitagabend, bei ihrer ursprünglichen Linie zu bleiben. Schweinsteiger versichert dem Verein, absolut unschuldig zu sein. Beides passt nicht zusammen. Deutschland, gut 80 Tage vor der WM, so ziemlich alles scheint möglich und ist denkbar: Korruption wie Verleumdung.

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