Zeitung Heute : Die Einsamkeit der Sieger

Olympische Spiele ohne Zuschauer

Benedikt Voigt[Turin]

Kurz vor dem Bahnhof Oulx hat sich Joar Bredersen gewundert. Der Bus der Linie Dom 1, der ihn und seine Frau am Donnerstag zum Snowboardcross nach Bardonecchia bringen sollte, bog dort plötzlich rechts ab. Alle Busse aber, die er an vorherigen Tagen genommen hatte, sind an dieser Gabelung nach links gefahren. Bredersen sprang auf, ging zum Fahrer. „Der kannte sich nicht aus“, sagt Bredersen. Er ließ den Fahrer zurücksetzen und lotste den Bus die letzten Meter zum Bahnhof. Was ihn doch etwas erstaunt hat. Der Fahrer, ein Italiener, sei zwar nicht von hier gewesen, aber er, Bredersen, wohnt noch viel weiter entfernt, in Norwegen.

Joar Bredersen, 45, und Aser Kongsvold, 45, stehen nun auf der Haupttribüne im Langlaufolympiastadion von Pragelato. „Hey, hey“, schreit das Ehepaar, als ein norwegischer Läufer in die Loipe geht. Seit einer Woche erleben beide die Olympischen Spiele von Turin als Fans und haben bereits manche Widrigkeit erlebt. An diesem Freitag ist es nur das Wetter. Es schneit, es ist windig. Unter der Tribüne versucht ein italienisches Elternpaar, seine zwei frierenden Kinder zu trösten.

Es sind fast nur die ausländischen Fans und die Langlaufexperten, die sich an der Loipe in Pragelato versammelt haben. Eine Helferin versucht, die Zuschauer von den Stehplätzen auf die Haupttribüne zu locken. „Kommen Sie, es sind noch Plätze frei“, sagt sie. Das Manöver hat zwei Vorteile: Die Zuschauer haben von den teuren Plätzen einen besseren Blick – und die Organisatoren können im Fernsehen eine besetzte Tribüne vorzeigen.

Zur Halbzeit der Winterspiele von Turin ist klar, dass sie nur eine Nebenrolle in der olympischen Geschichte einnehmen werden. „Es fehlt die Magie, die es bei den Spielen in Lillehammer oder Salt Lake City gab“, schreibt die italienische Zeitung „La Republicca“. Es fehlen die Zuschauer, und es fehlt ein Ort, an dem der olympische Geist wohnt. Nur kurz blitzt hier und dort Begeisterung auf. In Bardonecchia zum Beispiel, wo die Snowboarder vor einem jungen Publikum ihre Sieger suchen. Oder beim Kombinationsslalom, wenn der italienische Publikumsliebling Giorgio Rocca durch die Stangen wedelt. Vom Skispringen in Pragelato, 120 Kilometer von Turin entfernt, aber hält sich der olympische Geist standhaft fern. „Mit Olympia hat das wenig zu tun“, sagt der deutsche Springer Michael Uhrmann, „hier herrscht teilweise richtige Geisterstimmung.“

Am Freitag hat der Langläufer Tobias Angerer das Pech, Bronze über 15 Kilometer zu gewinnen, in Pragelato. Unmittelbar nach seinem Lauf bekommt er die Medaille umgehängt. Angerer findet es schade, sagt er, „dass die Siegerehrung hier oben ist“ und nicht in Turin.

Stefan Schwarzbach, der Sprecher des Deutschen Skiverbandes, hat etliche dieser merkwürdigen Medaillenvergaben in den Bergen erlebt. „Das ist wie bei den Bundesjugendspielen“, sagt er.

Die Berge im Piemont sind 100 Kilometer von Turin entfernt, die Serpentinen nach Sestriere zu eng, Zuschauermassen passen da nicht durch. Das Turiner Organisationskomitee wehrt die Kritik ab. „Diese Spiele haben einen anderen Charakter“, sagt ein Sprecher, „sie sind intimer, aber deswegen sind die Zuschauer nicht weniger bei der Sache.“

Joar Bredersen und seine Frau, als sie am Donnerstag beim Snowboardcross ankamen, wollten Karten kaufen. Offizielle Verkaufsstelle, Öffnungszeiten vorher im Besucherheft nachgelesen. „Aber es war zu“, sagt er. Einige Helfer rieten dem Paar, es solle zum Eingang gehen, der Eintritt sei jetzt frei. Was natürlich nicht stimmte. Und dann bekamen die beiden zwei Karten geschenkt, von Olympiabesuchern aus Amerika. Auch das passiert in Turin.

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