Zeitung Heute : Die Eisbegonie

Warum Blüten manchmal Mitleid verdienen

Ursula Friedrich

Ich mag sie eigentlich nicht besonders gern. Sie sind so eine Massenblume. Lassen alles mit sich machen – im Kreis auf Rondelle pflanzen, als Einfassung auf Gräber, immer hübsch ein Exemplar neben dem andern. Ob es regnet, hagelt oder ob sie die Schafskälte mitten im Sommer erwischt – sie sehen dann kurze Zeit etwas zerrupft aus, aber sie erholen sich schnell. Sie sind dankbar, pflegte meine Mutter zu sagen. Bei ihr waren handgestrickte Strümpfe, Birkenstocksandalen und abwaschbare Heftumschläge auch dankbar, alles, was sich geduldig abnützen ließ und keine Empfindlichkeit zeigte. Ich mag keine dankbaren Blumen. Rosen zum Beispiel sind nicht dankbar, sondern anspruchsvoll. Das ist ihr Charme.

Aber wer kennt schon die Seele einer Blume? Mögen Eisbegonien es gern, immer in Reih und Glied zu leben, wenig beachtet in der Menge? Vor zwei Wochen, an einem kalten, windigen Maisamstag, stand auf dem Blumenkarren vor meinem Supermarkt unter Stiefmütterchen und Margeriten eine einzige übrig gebliebene kleine Begonie. Ihre Blätter, glänzend grün mit zartrosa Rändern, hatte sie eng um sich geschlagen, weil sie fror. Alle Freundinnen waren mitgenommen worden, nur sie nicht. Sie tat mir Leid. Ich setzte sie zu Hause in einen hübschen Keramiktopf und stellte sie auf die Treppe vor der Haustür.

Sie wird jeden Tag hübscher. Begrüßt mich, wenn ich gehe und wenn ich komme. Sie hat rosarote Blütchen, wenn überhaupt, dann gefielen mir die rosaroten Eisbegonien schon immer am besten. Ich habe das Gefühl, dass sie sich reckt und streckt. Keine Konkurrenz neben sich, keine bedrängende Nähe. Einfach so: Sie ist wer.

Begonien sind eine weit verzweigte und etwas unordentliche Familie, genetisch gesehen. Es gibt welche, die wachsen aus Knollen heraus, andere haben nur Wurzeln. Sie sind groß, klein, hoch, niedrig. Alle Begonien, benannt nach einem längst vergessenen Michael Begon, Gouverneur von Santo Domingo im 17. Jahrhundert, der die hübsche Pflanze entdeckte und nach Europa brachte. Ein schöner Gedanke, im Namen einer kleinen Eisbegonie weiterzuleben.

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