Zeitung Heute : Die Eisbombe

Zum sechsten Mal Olympia - die sechste Medaille? Georg Hackl, die Geschichte eines Besessenen

Benedikt Voigt

Georg Hackls Rodel ist leicht zu identifizieren. Es ist der, den man nicht sehen kann. Ein schwarzer Sack schützt ihn vor neugierigen Blicken, ein silbernes Vorhängeschloss hängt da auch. Einsam lehnt der Sack in einem Materialschuppen, während die anderen Schlitten am Starthaus warten. Erst kurz vor dem ersten Lauf trägt ein Betreuer der deutschen Nationalmannschaft den Sack herbei. Hackl öffnet das Schloss, holt seinen Rodel aus Fiberglas und Stahl hervor, er hat ihn selber gefertigt, rast die Eisrinne herunter – und packt ihn sofort in den nächsten Sack. Das nennt man wohl Misstrauen.

Vier Mal muss Georg Hackl sein Sportgerät noch verstecken. Vier Mal wird er es bei den morgen beginnenden Olympischen Winterspielen in Turin aus- und wieder einpacken. Danach nie mehr. Nach dem letzten Lauf am Sonntag auf der schwierigen olympischen Strecke von Cesana wird er, den alle unter „Hackl Schorsch“ kennen, seine lange Karriere endgültig beenden. „Aus Altersgründen“, sagt der 39-Jährige, „das ist doch ein schöner Grund.“ Schlimmer fände er es, wenn er aus sportlichen Gründen aufhören müsste, wenn er nicht mehr mithalten könnte. Doch er kann es noch. Einmal ist er in diesem Winter in Königssee auf Platz drei gerast. Nun verfolgt er in Turin ein letztes ehrgeiziges Ziel: Er will der erste Athlet werden, der bei sechs Olympischen Spielen in Folge eine Medaille gewinnt. Für diese Chance hat er sogar auf die Ehre verzichtet, die Fahne der deutschen Olympiamannschaft bei der Eröffnungsfeier am Freitagabend in Turin zu tragen. Er will lieber ausgeschlafen an den Start gehen.

Eigentlich muss Georg Hackl diesen letzten Rekord gar nicht mehr erreichen. Mit fünf olympischen Medaillen seit 1988 – dreimal Gold, zweimal Silber – thront er längst im Olymp des Rodelns. Er hat eine für seine Randsportart ungewöhnliche Bekanntheit erreicht. Am vergangenen Samstag fragte Günther Jauch in der Sendung „Wer wird Millionär“, wer in Turin zum sechsten Mal an Olympischen Spielen teilnimmt. Zur Auswahl standen Jens Weißflog, Anni Friesinger, Georg Hackl oder Markus Wasmeier. Der Kandidat wusste die Antwort sofort, es gab nur 1000 Euro dafür. Es war eine einfache Frage. Selbst die amerikanische Zeitung „USA Today“ hat unlängst in ihrem Sportteil auf einer ganzen Seite Georg Hackl vorgestellt. Die Zeitung nannte ihn: „The Godfather of ludge“. Gottvater des Rodelns.

Doch er ist ein angeschlagener Gott. Vor drei Wochen musste er mit einer Virusgrippe ins Krankenhaus und nahm drei Kilo ab. „Ich hatte noch nie eine Saison, die gesundheitlich so schlecht gelaufen ist wie diese“, sagt Georg Hackl. Er steht im Zielraum der Oberhofer Rodelbahn. Er trägt eine verwaschene Jeans und zieht ein rotes Stirnband über seinen Kopf, auf dem der Werbeslogan eines Heizungsherstellers steht. Dann gibt er Autogramme. Sein Schlitten steckt längst im schwarzen Sack. Nun kann er auch die Fragen der Journalisten beantworten. „Ich freu-e mich auf mei-ne sechs-ten Spie-le“, sagt er sehr deutlich und betont jede einzelne Silbe. Er versucht, Hochdeutsch zu sprechen. Er will verstanden werden in der Öffentlichkeit und nicht nur als Bier trinkender Bayer wahrgenommen werden. Zwar hat er tatsächlich eine Vorliebe für Weißbier, was ihm eine bayerische Brauerei als weiteren Sponsor eingebracht hat. „Aber ich kann über meinen Tellerrand hinausblicken!“, sagt Hackl; im Satz steckt immer noch ein wenig die Gekränktheit, weil man ihn mit seinem Sport so lange nicht ernst genommen hatte.

Eine schlechte Saison war dies also, für die Gesundheit zumindest. Nach einer Bandscheibenoperation im Sommer hatte sich ein Nerv in seinem linken Arm entzündet. Beim Oktoberfest habe er noch nicht einmal eine Maß heben können, sagt Hackl. Im Rennen fehlt ihm nun beim Start die Kraft im linken Oberarm, um ähnlich schnell wie die Konkurrenz in den Eiskanal zu paddeln. Damit sinken die Medaillenchancen. Ob er nicht gegen die physisch überlegenen Gegner bei Olympia einen Einbruch befürchte, wird er gefragt. „Ich habe keine Angst vor einem Einbruch“, sagte Georg Hackl und streicht über seinen Kinnbart. Dann sagt er: „Ich hab doch Sicherheitsschlösser.“ Ein Scherz. Er meint die am Rennrodelsack.

Trotzdem. Die Konkurrenten rechnen mit dem Hackl. Albert Demtschenko, der breitschultrige Russe, der wie ein Mitglied der männlichen Strippertruppe „Chippendales“ aussieht, sitzt in der Gaststätte „Kurve 15“ an der Oberhofer Rodelbahn und rückt mit einer Hand seinen Seitenscheitel zurecht. „Georg Hackl ist ein Naturphänomen“, sagt er, „er kann seinem Schlitten eine spezielle Kraft geben.“ Demtschenko zählt neben dem Italiener Armin Zöggeler und Tony Benshoof aus den USA zu den Favoriten in Cesana. Besonders fürchtet er den schmalen Hackl wegen dessen besonderer Qualitäten bei Olympischen Spielen. Dort werden die Medaillen nicht wie im Weltcup in zwei Läufen an einem Tag, sondern in vier Läufen an zwei Tagen vergeben. „Das ist schwieriger“, sagt der Russe, „eine Nacht darüber zu schlafen, kann einen nervös machen.“ Georg Hackl ist mit der zusätzlichen Nacht bisher immer sehr gut umgegangen. „Er hat eine extrem gute Psyche“, sagt Bundestrainer Thomas Schwab. „Außerdem sichert er alles doppelt und dreifach ab.“ Hackl war einer der ersten Athleten im olympischen Dorf. Er wollte sich mit den Bedingungen vertraut machen.

Hackl wuchs unweit der Bahn am Königssee bei Berchtesgaden auf und begann mit elf Jahren zu rodeln. Der Schlitten wurde seine erste und wahrscheinlich größte Liebe. 1999 hat er seine langjährige Freundin Margit Datzmann geheiratet, inzwischen leben sie wieder getrennt. Er hat eine Lehre als Mechaniker gemacht, aber schon als Teenager am liebsten an seinen Schlitten herumgebastelt. Er hat technisches Know-how, um das ihn jeder Konkurrent beneidet. Er ist einer der wenigen Rodler, der seinen Schlitten fast alleine baut. Sein Wissen aber hält er streng geheim. Wenn er seinen Rodel präpariert, schließt er sich in einem Einzelzimmer ein. „Die anderen haben damit angefangen“, sagt Hackl, „ich habe nur darauf reagiert.“ Künftig wird er als Rodeltrainer für den deutschen Bob- und Schlittenverband arbeiten, für einen Trainerlehrgang an der deutschen Sporthochschule in Köln ist er schon angemeldet.

Rodeln ist ein seltsamer Sport. Männer zwängen sich in hautenge Anzüge und trippeln im Startbereich auf mit Eisennägeln bewehrten Fußspitzen wie Ballerinen über die Eisfläche. „Rasende Weißwurst“ fiel der „taz“ einmal beim Anblick des Georg Hackl ein. „Das ist längst vergessen“, sagt er. So lächerlich die Startvorbereitungen aussehen mögen, so gefährlich wird es im Eiskanal. Mit 120 Stundenkilometer rasen die Schlitten durch die Eiswanne, in Sekundenschnelle donnern sie durch meterhohe Eiswände. Der Streit um jede Tausendstel hat die Rodler zu Einzelkämpfern gemacht. Es heißt, man müsse in diesem Sport ein Egoist sein. Wie Georg Hackl. „Er ist ein Besessener, ein Spinner“, sagt der österreichische Rodeltrainer Robert Manzenreiter, „aber er muss so sein, sonst wäre er nicht so gut.“

Doch Hackl besitzt ein zweites Interesse: die Politik. In Turin will er in die Athletenkommission des Internationalen Olympischen Komitees gewählt werden. „Meine Chancen stehen nicht schlecht“, glaubt er, „aber man weiß ja nie bei Wahlen.“ Deshalb wird er nach dem letzten Lauf seines Lebens in Turin bleiben. „Ich werde ein bisschen Werbung für mich machen – soweit das erlaubt ist.“ Für die CSU sitzt Georg Hackl bereits im Kreistag Berchtesgadener Land. Dort schlägt ihm auch Kritik entgegen. Ein Vertreter der Grünen nannte ihn eine „politische Nullnummer“, weil er wegen seines Sports zahlreichen Sitzungen fernblieb. „Die, die mich unterstützen, verstehen das“, sagt Hackl. Und die Kritiker? „Es gibt Menschen, mit denen muss man sich die Luft zum Atmen teilen.“ Ein Oberhofer Rodelfan, der das hört, sagt bewundernd: „Schorsch, wo nimmst du immer diese Sprüche her?“

Georg Hackl ist ein eigenwilliger Mensch. Als er im Gespräch über Politik zur Wasserkraft kommt, die er auch in seinem Landkreis gerne nutzen würde, fängt er an, über die Vorzüge regenerativer Energien zu räsonieren. Plötzlich hält er inne. „Stopp!“, befiehlt er, „streichen Sie das!“ Dann sagt er: „Warum fragen Sie mich nichts zu meinem Sport?“

Mit Georg Hackl verhält es sich offenbar wie mit seinem Rodel. Es gibt einen Punkt, an dem er misstrauisch wird. Dann holt er den Sack hervor und macht ihn zu. Das gibt ihm Sicherheit.

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