Zeitung Heute : "Die Eismine": Liebe oder Wahnsinn

Tomas Fitzel

Die Angst und die Alpträume begannen in einem gewissen Sinne erst, als fast alles überstanden war. In einem der bewegendsten Videodokumente des Washingtoner Holocaust-Museums berichtet eine Frau von dem Moment ihrer Befreiung, als einer der britischen Soldaten ihr die Tür aufhielt und sie nach Jahren zum ersten Mal wieder als Mensch und Frau behandelt wurde. Aharon Appelfeld greift in seinen Romanen immer wieder dieses Thema der Ankunft und Rückkehr der Überlebenden in der menschlichen Gemeinschaft auf. Für viele jedoch gab es nie eine wirkliche Rückkehr dorthin.

Aharon Appelfeld wurde 1932 in der Bukowina geboren und wuchs in Czernowitz auf, der Stadt, aus der auch Paul Celan und Rose Ausländer stammen. Seine Mutter sowie seine Großmutter wurden 1941 von Deutschen erschossen. Zusammen mit seinem Vater verschleppte man ihn in ein ukrainisches Arbeitslager. Nur ihm allein, einem Kind, gelang die Flucht. Appelfeld konnte sich verstecken, bis ihn die Rote Armee aufgriff, bei der er als Küchenjunge blieb. In Israel fand er schließlich eine neue Heimat. Doch so paradox es klingen mag: Auch in Israel wollte man zunächst vergessen. Erst der Eichmann-Prozess 1961 brachte eine Wende.

Ein Jahr später erschien Appelfelds erstes Buch mit Erzählungen. Im Mittelpunkt seines jüngsten Romans "Die Eismine" steht Erwin, ein junger Mann, der Häftling in einem Arbeitslager ist. Eine Holzbrücke soll über den Bug gebaut werden. Wen die Kraft verlässt, der wird wie ein Stück Abfall einfach in die eisigen Fluten gestoßen. Wer sich nicht zu retten versteht, wird bald als Wasserleiche angeschwemmt. "Hier ist die Zeit stehengeblieben", schreibt Appelfeld, "sie sickert in dich ein. Eine Stunde ist so lang wie ein ganzes Jahr Leben."

Zuvor befand sich Erwin zusammen mit den Eltern und seiner Braut Ida in einem Ghetto in der Bukowina. Sie hatten vor, zu fliehen, da Ida schwanger wurde und dies mit Sicherheit den Transport in ein Vernichtungslager bedeutet hätte. Doch Erwins eigene Deportation kam dem zuvor. In manchen Träumen kehrt er zu seinen Eltern und Ida zurück. In "Die Eismine" kehren Appelfelds biografische Stationen wieder: Ghetto und Arbeitslager, sein familiärer Hintergrund. Die Großeltern, die sich der chassidischen Tradition zugehörig fühlten, während die Eltern als assimilierte Juden die religiösen Bindungen langsam lösten und sich zur deutschen Kultur hingezogen fühlten.

Prüfung und Läuterung

Bis zum Wahnsinn und mit tödlicher Verzweiflung lieben einige der von Appelfeld beschriebenen Häftlinge die deutsche Kultur. Sie suchen nach einem Sinn, wenigstens nach einer Begründung, und sei sie noch so abwegig, um das Erlebte in den eigenen Erfahrungshorizont einbauen zu können. So sehr haben sie die deutsche Kultur verinnerlicht, dass sie deren antisemitische Klischees vom jüdischen Wesen ebenso gegen sich selbst wenden und sich fragen, ob es denn nicht genau so sei und ihnen von den Deutschen nur Prüfung und Läuterung abverlangt würden. Die erlittene Gewalt wird - ähnlich wie in Roberto Benignis Film "Das Leben ist schön" - in eine freiwillig erduldete umgedeutet. Nicht der viel zitierte jüdische Selbsthass - auch er ein Klischee - zeigt sich darin, sondern kulturelle Schizophrenie, die auch äußerlich sichtbar wird.

Der Gymnasiallehrer Holländer (sic!) verwandelt sich mit zunehmendem Verfall in die Bilder vom Juden: erst gleicht er dem "jüdischen Revolutionär" und schließlich einem "Dorfrabbiner". Die Rettung aus dieser Schizophrenie liegt im Glauben. Hier wird dem Leser doppelte Zurückhaltung auferlegt: einmal vor dem Glauben und zum anderen vor dem Erlebten. Das Etikett Roman verschafft nur vorübergehend eine beruhigend illusionäre Distanz.

Die Wachen als Naturgewalt

Falsch wäre es, umgekehrt anzunehmen, die Wahrheit des Zeugenberichtes könne auf rhetorisch-literarische Strukturen verzichten. Appelfeld, der bei Gershom Scholem und Martin Buber jiddische und hebräische Literatur studierte, verzichtet seinerseits darauf, den Leser überzeugen, bekehren oder auch nur in irgendeiner Form emotionalisieren zu wollen.

Trotz gelegentlich kleiner pathetischer Bilder nimmt er eine äußerst distanzierte, fast kalte Perspektive zu den beschriebenen Häftlingen ein, wie ein Ethnologe zu einer ihm fremden Kultur. Die deutschen und ukrainischen Wachmannschaften erscheinen nicht individualisiert, sondern lediglich als feindliche Naturgewalten. Appelfeld berichtet über das Geschehene und über die Diskussionen unter den Juden. Schlüsse und Konsequenzen daraus zu ziehen, bleibt dem Leser überlassen.

An zwei exemplarischen Erlöserfiguren wird der Glaube als Rettung und die Kraft, die ein Überleben ermöglicht, vorgeführt. Während Pinchas eher eine Dulderfigur ist, unerschüttert im Glauben, ist Baruch der naive Gottgläubige und bärenstarke Kämpfer: ein jüdischer Heros und Befreier, der das Lager in Flammen aufgehen lässt und selbst darin verbrennt. Der Bezug zum Massada-Mythos und der Gründung des Staates Israel ist offenkundig. Die Häftlinge bemächtigen sich der Waffen und rufen gemeinsam: "Nie wieder wie Vieh zur Schlachtbank!"

Ein ehemaliger k.u.k.-Offizier organisiert die Bewaffnung und Ausbildung der nun befreiten Häftlinge. Aber besessen vom Glauben an die Tugenden des Militärs, besonders des deutschen, wird er wahnsinnig - bekleidet mit einer aufgefundenen deutschen Uniform. Am Ende macht sich Erwin zusammen mit Pinchas und anderen auf den Weg nach Hause. Sie haben Angst vor dem, was sie dort erwartet. Sie möchten diesen Moment hinauszögern. Schweigen lähmt sie. Einer schliesst sich der Roten Armee an, weil "er nur im Krieg von seinem Schweigen erlöst werden würde." Was für eine grauenvolle Hoffnung.

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