Zeitung Heute : Die Elbe und der Schwanensee

Die Werkstätten und die Elektrik dahin – wenn der Technische Direktor durchs Haus geht, steht da noch immer Wasser. Die Semperoper wird so bald nicht wieder öffnen.Und die Kulturstadt Dresden ist nach der Flut nicht mehr dieselbe.

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Von Frank Jansen, Dresden

Er hatte die Karten schon besorgt. Eine Aufführung in der Semperoper, das sollte der Höhepunkt des Urlaubs sein, der ersten Reise nach Dresden überhaupt, für ihn, seine Frau und seine Eltern. „Die Karten waren für die Aufführung „Schwanensee“ letzten Donnerstag“, sagt Holger Lehnard und verzieht den Mund zu einem Lächeln. Der Deutschlehrer aus dem oberfränkischen Forchheim ist tatsächlich nach Dresden gekommen. Allerdings hatte er sich seinen Opernbesuch anders vorgestellt.

Der drahtige Mann mit dem Schnauzbart steht vor dem Gebäude der Semperoper in einem Gewirr von Schläuchen. Lehnard trägt die dunkelblaue Uniform des Technischen Hilfswerks (THW): Basecap, Polo-Shirt, Hose mit gelben Neonstreifen. Der 45-Jährige hat seit Freitag mit seinen „Kameraden“, wie sie beim THW sagen, um das wuchtige Opernhaus gekämpft. Und auch ein bisschen gewonnen. Die Flut der nur wenige Meter entfernten Elbe drang nicht in den Gebäudekomplex ein, innen konnten sie das steigende Grundwasser gerade noch am unteren Rand des Foyers aufhalten. „Wir haben die Semperoper nicht aufgegeben“, Lehnard wird jetzt ein wenig laut, „diese Meldung letzte Woche im Radio war totaler Quatsch.“

Dresden hätte es den Helfern nie verziehen, wenn sie das Gebäude den Fluten überlassen hätten. Lehnard konnte spüren, wie viel die Semperoper und das ganze historische Ensemble der Altstadt den Menschen der sächsischen Hauptstadt bedeuten. „Das waren tolle Momente, als da 600, 700 Jugendliche Sandsäcke rangeschleppt haben, um die Kulturstätten zu halten. Die Leute waren fix und fertig.“ Die Semperoper ist neben dem Zwinger und der seit 1994 wieder emporwachsenden Frauenkirche eines der drei Wahrzeichen von Dresden und seiner jüngeren Geschichte – in der es immer wieder Katastrophen gegeben hat.

1841 baute Gottfried Semper das „Hoftheater“ fertig, 28 Jahre später brannte es ab. Dann begannen der Hamburger Baumeister und sein Sohn Manfred, die nach ihnen benannte Oper zu errichten. 1878 wurde der Prachtbau im Neorenaissance-Stil mit einer Aufführung von Carl Maria von Webers „Freischütz“ eingeweiht. In der Nacht zum 14. Februar 1945 verglühten Oper und Stadt im Hagel der alliierten Bomben. Erst 40 Jahre danach war Sempers großes Kunstwerk wiederhergestellt. Zur Eröffnung stand erneut Webers „Freischütz“ auf dem Programm. Nach der Wende wurde die Semperoper bis in den letzten Winkel der Bundesrepublik populär – als mystisch schimmernde Kulisse für „Radeberger Pilsner“. Und das ist mehr als nur Werbung: Mit dem Bier präsentiert die Brauerei ein anderes Bild des Ostens, eines von Glanz und Gloria. Doch dann kam die Flut. Nach zwei verheerenden Bränden brach die dritte Katastrophe über die Semperoper herein, ein Symbol drohte unterzugehen.

Tüllröcke in Sicherheit

Wären da nicht die jungen Dresdner und die fränkischen Helfer gewesen. Nein, der „THW-Ortsbeauftragte“ Holger Lehnard aus Forchheim und seine 21 Männer hätten nicht aufgegeben. Als der THW-Trupp mit seinen Wagen und den schweren Pumpen am Freitagabend ankam, war die Semperoper in höchster Gefahr. Das Grundwasser drückte nach oben, der Pegel der Elbe stieg auf neun Meter. „Wäre das Wasser ins Rundfoyer eingedrungen, wäre alles aus gewesen“, sagt Volker Butzmann. Der stämmige Mann mit dem wirren, weißen Haar hat um die Semperoper gezittert, als sei sie sein Kind. Und sie ist es ja auch irgendwie, denn Butzmann ist Technischer Direktor und kümmert sich um alles, von der Bühnentechnik bis zu den Nähmaschinen, an denen die federleichten Ballett-Röckchen für „Schwanensee“ geschneidert wurden. Einige Kleider haben Butzmann und seine Techniker retten können, die Tüllröcke hängen jetzt an den Klappstühlen im Chorprobensaal im zweiten Stock und trocknen. Nebenan im Treppenhausschacht steht noch das Wasser.

In seinem Büro sackt Butzmann in den Stuhl. Auf die Frage nach den Schäden der Semperoper antwortet er erstmal mit einem tiefen Seufzer. „Das Wasser steht teilweise bis zu neun Metern tief in dem Kellerareal. Die ganze Technik ist weg, außer der oberen Bühnenmaschinerie. Die große Probebühne ist auch hinüber. Die Werkstätten, der Malsaal, die Schlosserei, die Tischlerei. Die ganze Elektrik steht unter Wasser, der Starkstrom, der Schwachstrom, der Notstrom. Die Telefonanlagen, die Klimaanlage, die Lüftung, die Kältemaschinen, die Warmwasseraufbereitung, die Dimmer für die Beleuchtung. Von der Schneiderei ist der Schuhfundus weg und das ganze Stofflager“, Butzmann atmet tief durch die Nase ein, „Mensch, die hatten Stoffe!“ Pause. „Der gesamte Schaden? Das können 60 bis 80 Millionen Euro sein.“ Schweigen. „Die Tüllkleider für Schwanensee haben wir gerade noch holen können. Dann mussten wir den Strom abschalten und raus.“ Wieder Stille. „Aber drei Konzertflügel sind durchnässt und unbrauchbar. Das ist besonders schlimm.“

„Kommen Sie mal mit“, Butzmann steht auf und führt durch mehrere Gänge zum großen Saal, in dem 1300 Zuschauer Platz finden. Mit einer Notlampe leuchtet Butzmann in den stockdunklen Prachtraum hinein. Auf der Bühne kann man aufeinandergestellte Stühle und andere, hastig zusammengetragene Gerätschaften erahnen. Dann geht er weiter durch das Rundfoyer mit den opulenten Deckenmalereien. Butzmann streckt den rechten Arm aus, „da hinten ist die Treppe runter zum Restaurant.“ Nach etwa der Hälfte der Stufen ist Schluss: Das braun-brackige Wasser schwappt immer noch bis zum oberen Rand der Flügeltür des Lokals. Butzmann starrt auf den dicken, schmutzig-weißen Schlauch, der vom Geländer herabhängt. „Es dauert 18 Tage, bis alles ausgepumpt ist.“ Natürlich könnten die THW-Geräte viel schneller arbeiten. Aber Butzmann steckt in einem Dilemma: Das Wasser greift Putz und Sandstein an, stabilisiert aber auch den äußeren Druck des Grundwasser gegen die Wände. Würde zu schnell abgepumpt, geriete die Statik der gesamten Semperoper in Gefahr.

Butzmann sagt „innerlich hat mich alles total fertig gemacht. Da ist so ’ne Traurigkeit. Hier steckt soviel Arbeit drin, da ist so viel erkämpft.“ Vor neun Jahren kam Butzmann nach Dresden, zuvor hat er an Bühnen in Berlin und Köln gearbeitet. „Hier in Dresden fühle ich mich sehr wohl“, Butzmann streicht sich durch’s Haar, „hier sind gute Fachleute. Und disziplinierte, das ist ganz wichtig.“ Und was ihn an der ganzen Sache freut: „Die Menschen sind so offen. Sie stellen den Hilfskräften Brötchen hin und Getränke. Aus ganz Deutschland rufen Leute an, um zu helfen. Die Künstler und auch die Rentner aus dem Haus, unsere Leute von früher, fragen jetzt: Können wir kommen und was wischen?“ Butzmann nickt, als wollte er sich selbst bestätigen, selbst Mitarbeiter, die alles verloren haben, wollen kommen und aufräumen. „Ich dachte eigentlich, die Menschheit ist für so was nicht mehr zu haben.“

Alarm aus Magdeburg

Wann wird die Semperoper wieder öffnen? Butzmann hebt die Arme, „wir wollen, nein: Wir müssen dieses Jahr wieder spielen“. Im Moment werde über ein Ausweichquartier in Dresden nachgedacht, „aber den anderen Häusern geht’s ja nicht besser als uns“. Doch Butzmanns Ziel steht fest: „Schwanensee“ soll sobald wie möglich aufgeführt werden. Die Spielzeit sollte ja vergangene Woche beginnen, doch dann kam die Flut.

Holger Lehnard jedenfalls hat andere Sorgen, als um den entgangenen Ballettgenuss zu trauern. „Daran verschwende ich jetzt keinen Gedanken“, sagt der THW-Mann. „Ich glaube eher, wir haben bald wieder Alarm und müssen dann nach Magdeburg.“ Aber einen vagen Termin in Dresden hat der Oberfranke doch im Hinterkopf. „Wenn alles vorbei ist, wollen uns die Dresdner einladen zu einem Treffen. Vielleicht im Garten des Zwingers oder in der Semperoper.“ Vielleicht wird dann auch „Schwanensee“ gespielt. Oder der „Freischütz“. Wie nach den Brandkatastrophen, die das Wahrzeichen Semperoper auch nicht für immer zerstören konnten.

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