Zeitung Heute : Die elektronische Wegfahrsperre ist kein Hindernis

Der Tagesspiegel

Es klang beruhigend, was Innensenator Ehrhart Körting jüngst anlässlich der Veröffentlichung der Kriminalstatistik verkündete: Die Zahl der gestohlenen Autos ist erneut gesunken und erreichte mit rund 9500 Fällen den Tiefststand seit 1991. Was weder die Statistik belegt noch der Innensenator erwähnte ist, dass es immer wertvollere Autos sind, die auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Der finanzielle Schaden wird immer größer. Im vergangenen Jahr tauchten 4000 in Berlin gestohlene Autos im Wert von mehreren Millionen Euro nicht wieder auf; sie wurden vermutlich in den Ostblock verschoben. Die Abnehmer sitzen nach Ermittlungen des Berliner Landeskriminalamtes (LKA) vor allem in Russland, Weißrussland und in der Ukraine.

Wer allerdings glaubt, seine Luxuskarosse sei Dank eingebauter Wegfahrsperre gut gesichert, der irrt sich. Denn weder die elektronischen Sperren von Daimler Benz noch die von Audi, BMW, Opel oder VW sind unüberwindbar. Ein im Ostblock ausgebildeter Autodieb braucht nach Einschätzung von Andreas Grabinski vom LKA Berlin maximal 30 Minuten, um die Wegfahrsperre zu überwinden. Mit dieser Zeit gilt er noch nicht mal als Meister seines Fachs. Auch Alarmanlagen schrecken heute niemanden mehr und gelten in der Autoknackerbranche nicht als „echtes Hindernis“.

Die Fahrzeugindustrie weiß, dass ihre technischen Vorrichtungen gegen Diebstahl geknackt werden können. Sie versucht, der Probleme Herr zu werden. Bei BMW in München hieß es auf Tagesspiegel-Anfrage, man habe davon gehört, dass „im Raum Berlin der der BMW-Geländewagen X5 unter Umgehung der Wegfahrsperre gestohlen“ worden sei. Die Diebe hätten einige Komponenten ausgetauscht. Spezialisten von BMW arbeiteten derzeit daran. Anfang des Jahres sei der erste Wagen gestohlen worden, verlautete von BMW. Die Berliner Kriminalpolizei weiß es besser: Tatsächlich verschwand der erste X5 - der in der Herstellerliste ab etwa 80 000 Mark geführt wird - bereits kurz nach Markteinführung Ende 1999. Daimler-Benz in Stuttgart ist eine „signifikante Steigerung“ der Diebstahlrate nicht bekannt. Von weit über 600 Fahrzeugen, die im vergangenen Jahr in und um Berlin verschwunden seien, wisse man nichts.

Bereits Ende 1999 war Audi betroffen. Wie im Februar 2000 berichtet, knackten seinerzeit vor allem polnische Diebe mit Vorliebe die Nobelmodelle A6 und A8. Die Ingolstädter Firma setzte ihre Hoffnungen auf die damals in Vorbereitung befindliche dritte Generation der Wegfahrsperre. Aber auch diese Hürde überwanden die Diebe offenbar mit Leichtigkeit: „Jede Wegfahrsperre kann geknackt werden. Das weiß die Industrie, und das wissen die Versicherungen.“ Zwar werde die Technik ständig verfeinert, aber die Spezialisten der Diebesbanden stünden schon bereit: „Es ist ein Wettlauf zwischen Technikern“, sagte Grabinski.

Wer die Hintermänner sind, ist unklar. Die einzelnen Zellen der weit verzweigten Banden sind untereinander streng abgeschottet. Keiner der bisher festgenommen Diebe oder Kuriere kannte mehr als seine unmittelbaren Ansprechpartner. Allerdings stecken Computerfachleute dahinter, die die Elektronik der Wegfahrsperren überlisten. Und es gibt Fälscher, die die aus Gemeindebüros und Zulassungsstellen gestohlenen Wagenpapiere, Fahrzeugnummern und Kennzeichen fälschen. Zudem müssen irgendwo weit weg von der Berliner Justiz die Auftraggeber sitzen, die die Bestellungen für die Fahrzeuge entgegennehmen – und weiterleiten.

Gestohlen wird nur auf Bestellung, dabei werden Farbe und Ausstattungswünsche durchaus berücksichtigt. Nach dem Diebstahl fährt ein Kurier den Wagen in das Bestimmungsland. Früher führte die Route in der Regel über Polen, heute wird es als Transitland gemieden. Die Kontrollen sind dort inzwischen deutlich strenger geworden: Der östliche Nachbar ist ein EU-Kandidat. Die Autos werden deshalb entweder über die Südroute, den Balkan und Rumänien, nach Moldawien oder die Ukraine gebracht – oder über Skandinavien. Die Grenze nach Weißrussland wird dann irgendwo in Finnland überschritten. Dabei haben die Kuriere gelernt, nicht aufzufallen: Ein abgerissener Jugendlicher hinter dem Steuer eines 62 000 Euro teuren S320 fällt eher auf als ein passend in feinem Zwirn gekleideter Fahrer. Die Kuriere passen ihr Aussehen und ihre Kleidung also dem Fahrzeugtyp an. Ihre Entlohnung ist allerdings vergleichsweise gering: „Für wenige 1000 Euro pro Fahrt nehmen sie teils sehr lange Wege auf sich“, sagte Grabinski. Er bedauert die geringe Aufklärungsquote, aber Ermittlungen im Ostblock seien noch immer wenig erfolgreich. Selbst wenn ein Dieb oder Kurier gefasst werde, „Nachwuchs ist schnell zu Stelle“. Unter den Handlangern finden sich auch Deutsche, „sie fallen weniger auf“. Die Drahtzieher jedoch sitzen irgendwo im Ostblock. Grabinski hält es für einen Irrtum, dass über Navigationssysteme in Autos auch der gestohlene Wagen geortet werden könne. Die Systeme bestehen serienmäßig nur aus Empfangsanlagen. Sie haben keinen Sender, der via Satellit den Standort preisgibt.

Autos werden nicht nur in Berlin geklaut. Im Ländervergleich nimmt die Stadt einen wenig rühmlichen zweiten Platz ein - nach Nordrhein-Westfalen. Im Städtevergleich dagegen steht Berlin an der Spitze. Unter den Nobelmarken liegt Daimler auf dem ersten Rang, gefolgt von Audi. Die geringste Diebstahlrate verzeichnete Grabinski zufolge Porsche. 14 Autos der Zuffenhausener Nobelmarke verschwanden im vergangenen Jahr aus Berlin, im gesamten Bundesgebiet waren es 140. weso

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