Zeitung Heute : Die Elfenweise

Seit 62 Jahren vergeht kein Tag, an dem sie nicht an ihn denkt – seit 50 Jahren ist sie die Witwe des Dirigenten Wilhelm Furtwängler

Christine Lemke-Matwey

Die Tür zum Salon fliegt auf, der Saft im Glas erzittert. „Sie haben Pech“, ruft es mit heller Stimme, „man sieht ja heute keinen einzigen Berg!“ Unser Blick schweift hinaus in den Garten, der ein Park ist, mit altem Baumbestand und majestätischen Rhododendronbüschen, wir stellen uns vor, wie sich die Blütenpracht des Sommers hier an heißen Tagen nach den schneebedeckten Gipfeln der Diablerets oder des Mont Blancs sehnt: Da steht sie auch schon vor uns. Elisabeth Furtwängler, Jahrgang 1910 und – „trotz Stupsnase!“ – eine echte preußische Schönheit. Leuchtende Augen, sehniger Händedruck. Eine Frau, die immerzu in Bewegung ist. Als habe sich ihre Gestalt eine geradezu jauchzende Jugendlichkeit bewahrt. Keiner ihrer Schritte gleicht dem anderen, schnell, schnell, langsam, schnell, und keine zwei Meter vergehen ohne Hüpfer, Tändler oder Schlenker. Elfenhaft, graziös, fast leichtherzig. Eine entwaffnende Choreografie des Augenblicks.

Seit 59 Jahren lebt Elisabeth Furtwängler in Clarens nahe Montreux am Genfer See. Seit 50 Jahren ist sie die Witwe des deutschen Dirigenten Wilhelm Furtwängler. Viele Menschen haben sie hier besucht, Musiker und Musikliebhaber, Journalisten, Historiker, Studenten. Den meisten ging es immer nur um das eine: Warum hat Furtwängler Nazi-Deutschland nicht verlassen, so wie andere es taten, jüdische und nichtjüdische Künstler wie Erich Kleiber, Fritz Busch, Bruno Walter oder Otto Klemperer? Warum duldete er es, dass die Berliner Philharmoniker, sein Orchester seit 1922, von jüdischen Musikern gesäubert wurde? Und was trieb ihn dazu, im Dunstkreis des Nürnberger Reichsparteitages oder gar am Vorabend von Hitlers Geburtstag zu dirigieren? War es die Angst um den eigenen Ruhm? Die Konkurrenz zum jungen Herbert von Karajan, der als NSDAP-Mitglied schon in den Startlöchern saß?

„Wissen Sie“, hebt Elisabeth Furtwängler an, und das ganze Echo des bis heute ungelösten Falles Furtwängler dröhnt durch den Salon, „manchmal fangen diese alten Geschichten an, mich furchtbar zu langweilen. Aber ich muss doch trotzdem immer wieder sagen, wie es war.“ Und genau das tut sie jetzt. Auch wenn wir gar nicht danach gefragt haben. Dass Furtwängler nicht emigrieren konnte, weil er sich „seinen wirklichen Leuten“, den Deutschen, moralisch verpflichtet fühlte; dass sie selber in der ganzen Zeit „keinem einzigen dieser Affen“ die Hand zu geben brauchte – „nicht Herrn Hitler, nicht Herrn Goebbels, nicht Herrn Göring“; wie viele Verfolgte der „Fu“, wie man ihn nannte, vor Schlimmerem bewahrt habe; und dass es doch noch etwas anderes gegeben habe als den Krieg. Die Musik zum Beispiel.

Und die Geschichte mit Arnold Schönberg, die erzählt sie auch. Was raten Sie mir, hat Furtwängler den jüdischen Komponisten gefragt, als dieser schon auf dem Weg ins kalifornische Exil war. Bleiben Sie in Deutschland, antwortete Schönberg – wer wenn nicht Sie? „Was sollte der Willem auch draußen rumhummeln?“: Mit einer herrischen Geste wirft Frau Furtwängler den Kopf in den Nacken und findet, dass es jetzt an der Zeit sei für ein Schlückchen Weißwein. „N’est-ce pas?“ Mais oui.

Die Haushälterin kredenzt einen Waadtländer, um den Flaschenhals ist eine Papierserviette gebunden. Ein Disput entzündet sich. Die Haushälterin schimpft, Madame Furtwängler esse zu wenig. Diese wiederum beharrt darauf, dass sie mit uns später ins Restaurant gehen wolle, sie habe schließlich ihr „Zettelchen“. Das kränkt die welsche Perle erst recht. „Welches Zettelchen?“, fragt sie erbost, „meinen Sie Ihre Kreditkarte?“ Erneut wirft Elisabeth Furtwängler den Kopf und lächelt uns demonstrativ zu: „Bitte, Sie haben doch sicher Fragen.“

Über sie wollen wir sprechen, gar nicht so sehr über ihn. Und darüber, wie es ist, in Kriegszeiten erst mit vier, dann mit fünf Kindern mutterseelenallein dazustehen. Elisabeths erster Mann, Hans Ackermann, war während des Frankreichfeldzuges gefallen. Andreas, der gemeinsame Sohn mit Furtwängler, ist zehn, als der Vater stirbt. Wie hält man es aus, ein Leben lang Alleinerziehende, Witwe, Hinterbliebene zu sein? Mit Heiterkeit? Mit Disziplin? Hurtig tritt Elisabeth die Flucht nach vorn an: „Das hält man aus. Und damit Sie’s wissen: Ich habe nach dem Wilhelm nie mehr auch nur ein G’spusi gehabt.“ Yehudi Menuhins kesse Frage dazu hat sie bis heute im Ohr: „Do you think he really deserved it?“ Natürlich, lacht Elisabeth, natürlich habe der „Fu“ das verdient. Und fährt sich verlegen durchs Haar. Wer wenn nicht er? Weil er ein großer Künstler war? Nein, wegen der Liebe. Es sei da eben so viel Lebendiges von ihm in ihr geblieben.

Gerade erwartet Elisabeth Furtwängler ihr 20. Urenkelkind. Eine echte Großfamilie also, zu der stets auch die fünf unehelichen Kinder gehörten, die Furtwängler hatte, bevor er Elisabeth Ackermann, geborene van Endert, im Januar 1940 nach einem Konzert der Berliner Philharmoniker an der Seite ihrer Schwester Maria kennen lernte. Eine Familie, in der eigentlich immer alles gut war – mit Elisabeth als „großer Mutti“, als „Tante Frauchen“ vorneweg. Nur einmal, vor zwei Jahren, gab es eine „hässliche Auseinandersetzung“, als sich eine Enkelin Furtwänglers darüber empörte, dass Elisabeth gegen Istvan Szabos Film „Taking sides“ nicht öffentlich Beschwerde führte. Furtwängler als „des Teufels Dirigent“, als messianisch beseelter Bewohner des Elfenbeinturms; Furtwängler, das große, gebeugte, totenbleiche Kind. Und Furtwängler, der zwar verstohlen zum Taschentuch greift und seine Hand abwischt, nachdem Goebbels sie geschüttelt hat (mit diesem Wochenschau-Dokument schließt der Film) – der dem begeistert applaudierenden Propagandaminister diese Hand aber auch nicht verweigert. „Man kann Unrecht haben auch dort, wo man Recht hat. Und Recht haben auch dort, wo man Unrecht hat“, schrieb damals die Filmkritik. Sie fände Szabos Darstellung durchaus korrekt, sagt Elisabeth Furtwängler und zuckt leise mit den Achseln. Nur die Sache mit Judith, der Enkelin, könne sie nicht verschmerzen: „Das war die erste Pleite meines Lebens.“ Aber jetzt reden wir ja schon wieder nur über ihn. „Tun wir das?“

Es gibt im Leben der Elisabeth Furtwängler seit dem 1. Januar 1942 „so zwischen zehn und elf“ keinen Tag, sagt sie, an dem sie nicht an Wilhelm Furtwängler gedacht hat. An jenem Wiener Neujahrsmorgen verliebt sie sich in ihn, endlich, und es kommt zum ersten Kuss. Die Strauß-Walzer im Goldenen Saal des Musikvereins müssen ihr beim anschließenden Konzert der Wiener Philharmoniker wie Himmelsgeläut in den Ohren geklungen haben: „Ja, da war ich schon sehr zufrieden.“ Und es gibt keinen einzigen Brief von ihm an sie, der kein Liebesbrief gewesen wäre. Am 30. August 1941 bereits hatte er ihr ein elegantes Porträtfoto von sich geschickt – mit versteckter Widmung: „Dir der Liebe würdigsten Freundin“. Zu diesem Zeitpunkt glaubte Elisabeth noch an gar nichts. Der Mann hatte zwar keinen Bauch, aber eine Glatze, und überhaupt war er eine Eroberung ihrer Schwester Maria, mit der es prompt ziemlich schwierig wurde. Das Foto steht noch heute auf dem Flügel im Salon. Auf jenem Flügel, an dem Furtwängler seine dritte und letzte Sinfonie komponierte, ein opulentes, dreisätziges Werk. Wenige Tage vor seinem Tod notiert er mit Bleistift die Titel der Sätze in die Partitur: „Verhängnis“, „Das Leben“ und „Jenseits“. Das liest sich wie das Stenogramm ihrer Ehe. Einer Ehe zwischen 1943 und 1954. Hat es Konflikte gegeben, alltägliche Streitigkeiten? Elisabeth muss nachdenken. „Dass er manchmal so spät zum Essen kam, das fand ich nicht schön. Das tat mir Leid, wegen des Personals.“

An diesem Flügel unter einem Wandteppich von Oskar Kokoschka saß Furtwängler oft. Ein einziges Mal, bei Beethovens „Missa solemnis“, so erinnert sich seine Witwe, habe er sein Klavierspiel unterbrochen, als sie den Raum betrat: „Dreimal habe ich dieses Stück jetzt dirigiert, und nie habe ich herausgebracht, was drin ist!“ Es müssen Sätze wie dieser gewesen sein, die auf sie zeitlebens elektrisierend, ja erotisierend gewirkt haben. Da war jemand, der lebte die Überzeugung, dass die Kunst dem Menschen ein Helfer sei, rettender Fluchtpunkt im Chaos. Und dass eine Musik wie die „Missa solemnis“ nur recht zur Gegen- wirklichkeit erweckt werden müsse, um Balsam zu spenden und Trost.

Furtwängler selbst hat dieses Pathos, diesen Eskapismus nicht überlebt. So manisch er nach seiner Entnazifizierung 1947 auch dirigierte und reiste und reiste und dirigierte – die Energie, tatsächlich weiterzumachen, war ihm nicht gegeben. Die Musik, pflegte er zu sagen, bleibt immer dieselbe. Für die deutsche Realität vor und nach 1933 wie vor und nach 1945 gilt dies nicht, und das hat er unterschätzt. Dass eine Sinfonie von Beethoven oder Brahms Auschwitz nicht hat verhindern können, ist das eine; dass Stücken wie diesen ein politisches, ein ideologisches Gedächtnis zuwächst, welches sie weder (er)tragen können noch verdienen, ist das andere. Aber jetzt reden wir ja schon wieder nur über die Nazis.

Die Haushälterin steckt den Kopf herein, in zehn Minuten gebe es Essen. Elisabeth Furtwängler stellt ihr Weinglas ab und blickt amüsiert in die Runde: „Ja, haben wir denn noch so viele Reste?“

Welches innere Bild hat sie von ihm, wenn sie heute ganz absichtslos, wie im Vorübergehen an ihn denkt? Die Antwort ist erschütternd: „Dass er so gelitten hat.“ Gelitten woran? Am Dirigierverbot von 1945 bis 47? Natürlich. Und am Holocaust. „Wir können nie mehr glücklich sein“, gestand Furtwängler ihr, als nach dem Krieg das ganze Ausmaß der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie bekannt wurde, „wir sind ausgestoßen.“ Tatsächlich ist kaum ein offizielles Foto zu finden, das ihn lachend zeigt. Doch, zwei, drei Bilder gibt es wohl. Eines findet sich im November 1950 auf dem Titelblatt der „Illustrierten Berliner Zeitschrift“: „Furtwängler und Wiener Mannequins“, heißt es da. Der Maestro im Smoking hält sich an einem Wasserglas fest, während die vier strammen Fräuleins an seiner Seite offenbar gerade vom kalten Buffet kommen, Häppchen- Teller schwenken und halb volle Sektkelche. Hier lächelt er, und zwar frontal in die Kamera. Elisabeth schmunzelt, ja, ja, der Willem habe stets einen ganzen „Damenwald“ hinter sich her gezogen.

Das andere Bild zeigt ihn am 30. November 1954 auf dem Totenbett, rosenumkränzt und mit merklich entspannten, fast sonnigen Zügen. Die Geschichte von seinem Tod hat Elisabeth 1979 in ihren Erinnerungen aufgeschrieben („Über Wilhelm Furtwängler“, Brockhaus Verlag, zzt. vergriffen). Wie er, gesundheitlich labil, sofort gewusst habe, dass das das Ende sei: „An dieser Erkältung werde ich sterben“, so zitiert sie ihn, und es klingt fast wie im Märchen, „es wird ein sehr leichter Tod sein, bleibe Du nur jetzt immer bei mir.“ Und genau so war es. Wilhelm Furtwängler hatte beschlossen zu sterben – und er starb. Die Liebe, die große, vielbeschworene, vermochte daran nichts zu ändern, und auch den Ärzten in der Baden-Badener Klinik, in die er noch verlegt wurde, schienen die Hände gebunden. Die eklatante Verschlechterung seines Gehörs, heißt es, habe ihm keine Wahl gelassen. Taub wollte Wilhelm Furtwängler nicht werden vor der Welt.

Eigentümlich, dass er in Deutschland gestorben ist und nicht in der Schweiz. Aber war es wirklich nur das Gehör und nicht auch ein Verwundetsein vom Leben so ganz im Allgemeinen, das Fallen aus der Zeit, eben jenes „Ausgestoßensein“? Elisabeth wirkt plötzlich abwesnend, schweigt länger, sammelt sich: „Wissen Sie, es war da dieses Genie, ja, aber der Furtwängler war auch ein großer Tragiker.“ Gedankenverloren faltet sie ihre Serviette zusammen, klein und immer kleiner. Und, wie um ganz schnell etwas Positives zu sagen: „Aber das mit dem Sterben, das war doch fabelhaft. Das hat er eben auch noch gekonnt.“

Die Haushälterin reißt die Flügeltür zum Esszimmer auf, es gebe jetzt Rehpfeffer mit Spätzli und Preißelbeeren. Ob sie manchmal an ihren eigenen Tod denke, fragen wir im Aufstehen. „Ja, natürlich“, lacht Elisabeth und tänzelt über die Schwelle, elfengleich, „und wissen Sie, was ich mir dann sage: Ich habe genug. Es reicht. Go home.“ Die Haushälterin führt ein vergebliches kleines Gefecht darüber, dass zu diesem Menü unbedingt Rotwein getrunken werden müsse. Dann kehrt Frieden ein. Elisabeth Furtwängler erzählt von ihrer Kindheit in Wiesbaden, Goslar und Berlin, vom Rodeln und vom Klettern auf Bäume und dass sie stets eine Verächterin jener „Riesenschleifen“ gewesen sei, die die Mädchen damals auf den Köpfen trugen. Und sie erzählt von ihrer Mutter, Kathinka von Oheim, die nach dem Ersten Weltkrieg für die DVP im Deutschen Reichstag saß, als eine von vier Frauen. Einmal sei ihre Mutter während einer Debatte scharf angegriffen worden – mit der „Unterrock-Politik“ der Baronin Oheim wolle man nichts zu tun haben. Woraufhin diese aufsprang und laut rief: „Ich bin eine moderne Frau, ich trage keine Unterröcke, sondern Schlüpfer!“

Noch heute kann Elisabeth darüber Tränen lachen. Was die mütterliche Emanzipation sie gelehrt habe? „Zu begreifen, was wichtig ist im Leben und was nicht.“ Unser Heischen deutet sie sofort richtig. Nein, nein, nein, sie selbst sei von Anfang an der Muttertyp gewesen, „sonst gar nichts“. Nur Autofahren, ja, das habe sie immer ganz gut gekonnt.

Die Haushälterin serviert eine frisch aufgeschnittene Ananas zum Dessert. Elisabeth guckt skeptisch. Dann springt sie auf und öffnet einen Schrank, ihr Archiv. Sorgsam katalogisierte Bücher, Programmhefte und Kritiken. An der Türinnenseite kleben zwei vergilbte Plakate von den Luzerner Musikfestwochen 1979, die Kompositionen von Furtwängler ankündigen. Aus Elisabeths Augen blitzt es. Irgendwann einmal müssen in diesem Schrank die Mäuse gehaust haben, schauen Sie. In der Tat: Der Name Furtwängler ist kaum mehr zu erahnen, so gründlich haben sich die Nager an dem mürben Papier gütlich getan. Das, befindet seine Witwe, sei doch jetzt ein richtig lustiges Schlussbild. Genau.

Ein paar Tage später finden wir eine Nachricht auf unserer Mailbox. Heute, jubelt eine sehr helle Stimme, heute müssten Sie in Clarens sein! Diese Berge! Nein, dieses Licht! Ach, ist das schön. Und viele Grüße.

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