Zeitung Heute : Die Elite der Technik kommt aus Zürich

Der Tagesspiegel

VON THOMAS VESER

Wo gibt es das noch in Europa: So viel Geld für so wenige Studenten. Von Amerikas Eliteuniversitäten ist man das gewohnt. Viel Geld steckt in den Instituten, eigenes Vermögen in den Grundstücken, im Stiftungskapital, und den Rest zahlen die Studenten mit exorbitanten Studiengebühren. Dafür bekommen sie ideale Ausbildungsbedingungen. In Europa kann wenigstens die ETH Zürich mithalten. Sie ist der Stolz der eidgenössischen Hochschulen. Von der Betreuungsrelation in Zürich können die meisten Universitäten in Deutschland nur träumen: Auf 34 Studenten kommt ein Professor.

Aber es ist nicht einfach, einen Studienplatz an dieser begehrten Hochschule zu bekommen. Wer dort zum Diplomingenieur oder Diplom-Naturwissenschaftler ausgebildet werden will, muss eine Aufnahmeprüfung bestehen und Studiengebühren berappen. Sie sind gemessen am Niveau der Hochschule und der höheren Gebühren in den Elitehochschulen der USA vergleichsweise gering: 550 Schweizer Franken im Semester.

147 Jahre nach ihrer Gründung wird die ETH mit den zwei anderen, tonangebenden Technischen Hochschulen der westlichen Welt in einem Atemzug genannt – dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge/USA und dem California Institute of Technology in Pasadena. Fällt in der wissenschaftlichen Welt der prestigeträchtige Name, denkt man automatisch an die Erfindung der elektronischen Uhr oder des digitalen Bildschirms. Diplome mit dem Siegel ETHZ wirken auch außerhalb der Eidgenossenschaft seit Jahren als Türöffner für eine anspruchsvolle Berufskarriere.

Glockengeläut und Kanonensalven umrahmten die Gründungsfeier der Eidgenössischen polytechnischen Schule, als sie 1855 ihren Betrieb aufnahm. Wenige Jahre zuvor war der moderne Bundesstaat aus der Taufe gehoben worden. Der Bundesrat, wie die Regierung der Schweiz bis heute genannt wird, erklärte die neue Lehrstätte zur „Chefsache“ und beauftragte den Hamburger Baumeister und Kunsttheoretiker Gottfried Semper, inzwischen Professor in Zürich, einen Neubau zu planen. Der Schöpfer der nach ihm benannten Oper in Dresden gestaltete das Zentralgebäude der Hochschule auf dem Zürichberg im Stil der Neorenaissance und krönte sein Werk mit einer mächtigen Kuppel.

Damit hatte die Stadt ihr modernes Wahrzeichen. Die ETH, zu der es heute ein französischsprachiges Gegenstück in Lausanne gibt, entwickelte sich schon bald zu einer der meistgeschätzten Hochschulen Europas. Zu den 20 Nobelpreisträgern, die hier einmal gelehrt haben, zählten Wilhelm Konrad Röntgen, Albert Einstein und Wolfgang Pauli.

Dauern Diplomstudiengänge an Technischen Hochschulen in Deutschland im Schnitt sechs bis sieben Jahre, kann man an der ETH schon nach viereinhalb Jahren abschließen. Bei der Auswahl der Dozenten sind die besten Experten gerade gut genug. An keiner Technischen Hochschule Europas ist das Auswahlverfahren härter als an der ETHZ. Ein Wahlgremium verständigt sich zunächst auf Kandidaten, die dem Präsidenten vorgeschlagen werden. Dieser trifft schließlich die Entscheidung. Er hat jedoch auch die Möglichkeit, selbst Leute an die Hochschule zu holen.

Es gibt wenige Lehr- und Forschungststätten, die über ein günstigeres wissenschaftliches Umfeld verfügen als die Zürcher Hochschule. Kaum hat ein frisch berufener Dozent seine Arbeit aufgenommen, wird er über die Netzwerke der ETH und der Universität Zürich in den Forschungsbetrieb integriert. Weil auch in der Schweiz die Forschung immer teurer wird und der staatliche Finanzierungsanteil seit Jahren stagniert, überlegt man an der ETH, wie mit Lizenzen und Patenten Geld eingenommen werden kann. Professoren sollen sich stärker zu Unternehmern wandeln: Dies ist die Kernforderung des für Bildung und Wissenschaft zuständigen Staatssekretärs Charles Kleiber. Entrepreneurship sei jedoch an seiner Hochschule nach wie vor eine zarte Pflanze. Lediglich in den Fachbereichen Elektrotechnik und Computerwesen zeichne sich allmählich ein Wandel ab, gibt Vizepräsident Albert Waldvogel zu bedenken,

Die bekannteste Firmengründung, die von der ETH ausging, trägt den Namen Cytos. Ihr Besitzer entdeckte als ETH-Forscher ein Gen für das Zellwachstum und vermarktet dieses Know how seit 1996. Inzwischen verzeichnet die Cytos einen Jahresumsatz von umgerechnet 18 Millionen Euro und strebt den Börsengang an.

Mitte der neunziger Jahre als Ein-Mann-Betrieb gegründet und damals etwas mitleidig belächelt, beschäftigt die ETH-Transfer-Stelle mittlerweile sechs Mitarbeiter. In den vergangenen drei Jahren drängten rund 10 000 Studierende in die Veranstaltungen. Unternehmensexperten berichten über ihre Erfahrungen bei den Versuchen, eine eigene Firma zu gründen, und stehen nach den Vorlesungen für Gespräche bereit. „Lust auf die eigene Firma“,so taufte man diese Veranstaltungsreihe für Gründungswillige. Inzwischen kann Waldvogel auf ermutigende Entwicklungen verweisen: Registrierte man 1996 noch sechs „spin-offs“, hat diese Zahl Jahr für Jahr seither deutlich zugenommen. Während im Vorbildland USA gut 50 Prozent der Neugründungen schon nach kurzer Zeit wieder bankrott gehen, sind von den 120 Gründungen aus der ETH heraus nach Waldvogels Darstellungen 95 Prozent noch aktiv.

Selbstständige Professuren an der ETH und einzelne Institute haben seit Jahren die Möglichkeit, Unternehmen zu günstigen Konditionen Arbeitsplätze und Ausrüstung anzubieten oder zinslose Darlehen zu vermitteln, sofern es sich um Ausgründungen aus der Hochschule handelt. ETH-Spin-offs besitzen Zugang zum Zürcher Technopark, in dem ein Gebäudeteil für sie reserviert ist. Viele Forscher kommen dadurch jedoch in eine Zwickmühle: Entscheiden Sie sich für die Publikation ihrer Ergebnisse, dann wird die Patentierung nicht mehr möglich sein. Setzen sie auf die Anerkennung als Patent, müssen sie sich in Geduld üben, da eine Patentierung mindestens ein halbes Jahr in Anspruch nimmt. Da die Kosten für die Forschung zunehmend ansteigen, sehen sich die Verantwortlichen immer häufiger gezwungen, auf die Bedingungen aus der Industrie einzugehen. So investierte der Chemiekonzern Novartis umgerechnet fast 25 Millionen Euro in das neue Kompetenzzentrum für Neurowissenschaften an der ETH und der Universität Zürich. Dabei war vereinbart worden, dass dem Konzern Nutzungsrechte, die aus den dort gemachten Erkenntnissen abzuleiten sind, zugesprochen werden.

Wird der Forschungsbetrieb eines Tages stärker nach den Bedürfnissen des Sponsor-Unternehmens ausgerichtet? Für die industrielle Auftragsforschung sieht Albert Waldvogel an seiner Hochschule keinen Platz: „Sie sollte ausgelagert werden“, fordert er. Ansonsten nehme die Gefahr zu, dass das Forschungsniveau abnimmt. Das Niveau aber „ist schließlich unser einziges Kapital“.

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