Zeitung Heute : „Die Eltern wollen Signale sehen“

Die Internatsverbände verzeichnen im Zuge der Missbrauchsdebatte weniger Nachfragen für jüngere Schüler – doch es gibt keine generelle Verunsicherung

Über die Vergangenheit muss gesprochen werden. Eltern und Schüler haben viele Fragen an Internatsleitungen. Foto: picture-alliance/dpa
Über die Vergangenheit muss gesprochen werden. Eltern und Schüler haben viele Fragen an Internatsleitungen. Foto:...Foto: picture-alliance/ dpa

Das Vertrauen der Eltern in die jahrhundertealte Institution Internat und das pädagogische Konzept des Miteinanders von Lehrern, Erziehern und Schülern scheint ungebrochen. Die in den vergangenen Monaten bekannt gewordenen Missbrauchsfälle haben kaum Einfluss auf die Anmeldezahlen. Das bestätigen verschiedene Internatsverbände privater und kirchlicher Träger in Deutschland.

„Wir bemerken keine Verunsicherung bei den Eltern“, sagt Nina Janda vom Verband deutscher Privatschulen (VDP). Auch Marie-Theres Pütz-Böckem von der Schulberatung des Verbands Katholischer Internate (VKIT) bestätigt dies. Beim Verband der Evangelischen Internate (EID) ist die Zahl der Interessenten sogar gestiegen, sagt dessen Vorsitzender Arnd Rutenbeck. Gleichwohl würden Eltern das Thema in Aufnahmegesprächen seiner Erfahrung nach ansprechen. Etwas abweichende Erfahrungen hat Detlef Kulessa von der privaten Beratung „Töchter und Söhne“ gemacht. „Die Nachfrage für jüngere Schüler zwischen zehn und elf Jahre hat sich reduziert“, stellt er fest.

Die Vorfälle sind nicht zu verharmlosen, gleichwohl bauen die Schulberater darauf, dass sich die Zeiten geändert haben. „Anders als in den sechziger bis siebziger Jahren, als sich die meisten der Fälle ereigneten, gibt es mehr Seelsorger und mehr Sozialarbeiter“, so der EID-Vorsitzende Rutenbeck. Die Schüler seien offener und aufgeklärter. „Auch die Eltern sind heute viel präsenter in den Schulen“, sagt Nina Janda vom VDP. Transparenz ist das Stichwort. „Aber was sind rationale Begründungen gegen emotionale Ängste“, fragt sich Kulessa von „Töchter und Söhne“. In seinem Portfolio ist auch die Odenwaldschule. Zurzeit könne er die nicht mehr anbieten. „Das muss man schon so sagen“, sagt der Internatsberater. Um neues Klientel für die Einrichtung zu interessieren, müsse erst wieder Ruhe einkehren. Und: „Die Eltern wollen Signale sehen.“ Erst kürzlich hat die Schule ihren Vorstand ausgewechselt.

Vor allem die katholischen Einrichtungen trifft der Missbrauchsskandal schwer. „Das ist uns jetzt schon in die Parade gefahren“, sagt Konrad von der Beeke, Vorsitzender des Verbands Katholischer Internate. Zumal der VKIT bereits seit zehn Jahren mit Imagekampagnen und einem Buchratgeber für seine Schulen wirbt und Qualitätsstandard entwickelt hat. So müssen laut von der Beeke Erzieher eine Extraausbildung von anderthalb Jahren absolvieren, in denen es um internatsspezifische Fragen geht, sowohl juristischer, medizinischer als auch pädagogischer Art. Dennoch sieht der Vorsitzende die Notwendigkeit, deutlichere Zeichen nach außen zu setzen. Noch im Juni bietet der Verband für seine Internatsmitarbeiter eine Fortbildung zum Thema Missbrauch an. Außerdem hat die Deutsche Bischofskonferenz zusammen mit dem VKIT eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die sich der Prävention von sexueller Gewalt widmet. „Bis zu den Sommerferien soll ein grober Entwurf für neue Leitlinien fertig sein“, sagt von der Beeke.

Arnd Rutenbeck vom EID betont, dass evangelische Internate unabhängig von der Debatte seit mehreren Jahren präventiv daran arbeiten, Schüler zu selbstbewussten Menschen zu erziehen. Nein zu Missbrauch, nein zu Drogen – dies soll in Workshops, in Gruppenabenden oder auch in der Theater-AG vermittelt werden. Häufig kamen Referenten von außerhalb ins Haus, so Rutenbeck, der selbst ein Internat im niedersächsischen Dassel leitet.

In Deutschland besuchen laut VDP über 40 000 Schüler etwa 250 Internatsschulen, 190 davon sind in freier, etwa 60 in staatlicher Trägerschaft. Die Gründe für einen Internatsbesuch sind vielfältig. In Deutschland müsse man aufhören mit dem Schwarz-Weiß-Denken, dass es sich dabei entweder um Elite-Schuppen handle oder um Erziehungsanstalten für missratenen Nachwuchs, so der Tenor der Schulberater. Häufig können Kleinfamilien Strukturen im Alltag nicht mehr bieten, etwa weil Alleinerziehende arbeiten müssen. Manchmal äußern Kinder selbst den Wunsch, das Elternhaus zu verlassen. Kein Grund zur Sorge, „im Gegenteil“, findet Detlef Kulessa. Diese Kinder seien sich der Liebe der Eltern sicher und könnten das Nest verlassen.

Doch wie aus dem großen Angebot die passende Adresse für das eigene Kind finden? Grundsätzliches kann man bei einer ersten Telefonatberatung klären, die die meisten Verbände und privaten Dienstleister anbieten. Wichtig ist es, die Interessen des Kindes abzuchecken. Es gibt musische Internate und solche, die Sportförderprogramme anbieten. In manchen wird Wert auf Leistung gelegt, in anderen auf das soziale Miteinander. Wie ist der Tagesablauf? Handelt es sich um ein Vollinternat, an dem eine Schule angeschlossen ist oder um ein Schülerheim? Es gibt Internate, in denen die Kinder jeden Freitag nach Hause fahren, andere bieten einen 14-Tage-Rhythmus an, seltener sind Ganzjahresschulen. Gibt es Finanzierungsmöglichkeiten, wenn sich die Eltern die Kosten nicht leisten können? In manchen Fällen hat die Familie Anrecht auf staatliche Hilfen, dann muss man das Jugendamt kontaktieren. Viele Internate vergeben Stipendien. Manche nur nach Leistung, andere fördern sozial engagierte Schüler – unabhängig davon, welche Noten sie schreiben. Am besten sei es, so raten die Experten, sich das Internat vor Ort anzuschauen und nicht nur mit den Pädagogen, sondern auch mit den Schülern zu sprechen. Und eines ist auch Voraussetzung: Das Kind muss wollen.

Allgemeine Infos im Internet unter:

www.internate-portal.de

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