Zeitung Heute : Die Engel von San Giuliano

Alle sind sie jetzt da – Feuerwehr, Polizei, Zivilschutz, Rotes Kreuz. Und versuchen im italienischen Erdbebengebiet zu helfen, wo sie helfen können. Aber die Leute sind noch immer ohne Trost und wie versteinert. Einer sagt für alle: „Ich bin gerettet, aber wo soll ich hin?“

Ina Weisse[San Giuliano]

Als „Santa Helena“ kommt, wird das Gemurmel leiser und erstirbt. Die Menge bekreuzigt sich und gibt eine Gasse frei für die Feuerwehrleute, die in feierlicher Prozession die lebensgroße Statue durch die Zeltstadt auf dem Bergplateau vor San Giuliano di Puglia tragen. Die Heilige, Mutter Constantins des Großen, nach der Katastrophe wie durch ein Wunder unversehrt gerettet aus den Trümmern einer kleinen Bauernkapelle, wird neben einem mit Lilien geschmückten Altar aufgestellt. Ein Zeichen des Überlebens für die Menschen, die sich zur Andacht für 26 tote Kinder und drei weitere Erdbebenopfer versammelt haben.

Es herrscht gewaltiger Andrang an diesem entlegenen Ort. Alte, Junge, Eltern, Kinder, Freunde und Verwandte rücken auf langen Gartenbänken zusammen, während der Kirchenchor „Benedici il Signore“ (Gebenedeit seist du, Herr) erschallen lässt. Der dünne Gesang verliert sich unter freiem Himmel in der Hügellandschaft des süditalienischen Molise. Danach predigt der Bischof, angetan mit weißer Kutte und grüner Stola. Seine Botschaft an die wie versteinerte Gemeinde: „Gottes Wille ist, dass das Leben weitergeht.“

Die neue Zeitrechnung

Es ist der elfte Tag einer neuen Zeitrechnung. Sie begann am 31.Oktober 2002, dem Tag, an dem die Welt der Leute von San Giuliano in Trümmer ging. Die Turmuhr des Campanile blieb um 11 Uhr 32 stehen. Ein Erdstoß der Stärke 5,7 auf der Richterskala erschütterte das 1200-Seelen-Dorf in seinen Grundfesten. Die zweite Klasse sang gerade ein Lied, da brach die Grundschule „Francesco Jovine“ über ihr zusammen, die tonnenschwere Betondecke begrub 13 Buben und 13 Mädchen im Alter von sechs und sieben Jahren unter sich. Die Lehrerin Carmela Ciniglio starb mit ihnen. Innerhalb von Sekunden wurde der gesamte Jahrgang 1996 ausgelöscht. Ebenfalls in ihren Häusern verschüttet: zwei Frauen in mittleren Jahren. Danach vollendete eine zweite schwere Erschütterung das Werk der Zerstörung, ließ viele der Altbauten einstürzen, beschädigte die meisten schwer.

Was folgte, waren unbeschreibliche Szenen der Verzweiflung, der Panik, des Chaos. Weinende Mütter und Väter, weil ihre Kinder starben. Die anderen schluchzend vor Glück, weil ihre Kinder überlebten. Es waren Augenblicke, qualvoll ins Endlose gedehnt, durch die Aufzeichnungen der Kamerateams, die 16 lange Stunden Moment für Moment filmten, wie vor den Augen ihrer fassungslosen Eltern die kleinen Körper aus Schutt und Steinen geborgen wurden, wie ihre bunten Schulranzen ausgegraben wurden, ihr Spielzeug und ihre Stofftiere.

Von hier oben, von der Zeltstadt aus, können die Evakuierten ihr Dorf sehen, aber es ist fast unerreichbar für sie geworden. Es scheint aus dieser Perspektive nahezu unversehrt zu sein. Langgestreckt liegt es malerisch an der Flanke des Hügels, umgeben von graubraunen Feldern. Silbrig schimmern die Olivenhaine, blaue Berge begrenzen den Horizont dieses herrlichen Novembertages. In der Luftlinie ist San Giuliano vielleicht einen Kilometer entfernt, aber die Leute müssen einen langen Umweg fahren, um dorthin zu kommen. Ihr Ort wurde zur gesperrten Zone erklärt. Wenn sie ihn überhaupt betreten dürfen, dann nur in Begleitung eines Feuerwehrmannes. Helm ist Pflicht.

Schon die Anfahrt zur Zeltstadt gleicht einer Expedition in ein belagertes Land. Zwar salutiert der Dienst habende Offizier und lässt passieren, aber es bleibt das beklemmende Gefühl, die nächste Katastrophe stehe unmittelbar bevor. Dazu verbreiten die bläulich flackernden Blinklichter der Einsatzfahrzeuge eine Art Dauerpanik. Ein Heerlager mit Hunderten von Zelten ist entstanden, für die Opfer ist die blaue Farbe bestimmt. In Windeseile wurden die kommunale Verwaltung, die Post und psychologischer Beistand hier stationiert. Die Batterie Klohäuschen stammt aus Deutschland. Es gibt ein Küchen- und ein Aufenthaltszelt, das als Freiluftkirche dient.

Kaum ist die Messe mit dem „Gehet hin in Frieden“ beendet, ist alles Tröstliche vorbei, bricht der Jammer wieder durch. Man muss den Zug der um Fassung ringenden Dörfler gesehen haben, um zu begreifen, wie tief sie ihr Schicksal traf. Vor ein paar Tagen hatten sie noch alle ein Haus, eine Arbeit, eine Zukunft. Jetzt ist ihnen außer dem nackten Leben nicht viel mehr geblieben als die Angst. Die Alten haben Angst zu sterben, ehe sie ein neues Heim bauen können. Die Jungen haben Angst vor dem Jetzt. Angst, arbeitslos zu sein. Angst, in die Fremde zu gehen. Angst, in ihre Häuser zurückzukehren, auch wenn sie für standfest erklärt wurden. Fast jede Familie hat ein Opfer zu beklagen.

Verschlossen gegen die vielen Fremden, stehen Frauen und Männer in Gruppen zusammen. Sie können nicht aufhören, sich gegenseitig zu erzählen, welche Heimsuchung ihnen wiederfahren ist. Sie untermalen ihre gestenreichen Debatten mit subtiler Körpersprache von Anteilnahme und Gefühl. Sie beklagen die Kälte und Unbequemlichkeit in den Zelten. Vermissen, was sie verloren haben. Was soll um Himmels willen werden? Was mit ihren Sachen geschehen, die sie in den Häusern zurücklassen mussten? Wer wird die Oliven bearbeiten? Während sie diskutieren, wird das ganze Ausmaß der Katastrophe klar und macht sich in einem Satz Luft, den ein alter Mann herausschluchzt. „Ich bin gerettet, aber wo soll ich hin?“

„Sie können nicht bleiben, auch wenn sie es unbedingt wollen“, erklärt Antonio F. „Im Winter fällt hier bis zu einem Meter Schnee. Sie werden vorläufig auf Appartements und Hotels unten am Meer verteilt werden. Getrieben von schlechtem Gewissen, ist der Werbemann aus Mailand in seine zerstörte Heimat geeilt, um zu helfen, erzählt er unter Tränen. „Schau diesen Mann an“, sagt Antonio und muss schon wieder schlucken. Er meint eine kleine, krumm gearbeitete Gestalt im verschossenen Nadelstreifenanzug. Voller Würde, mit Hut und weißem Sonntagshemd, den braunen Wollschal locker um den Hals geschlungen, schlendert er über den Kiesplatz und gönnt sich nach der Messe eine dicke Zigarre. Unberührt vom Menschengetriebe, so, wie er es Sonntag für Sonntag schon immer getan hat. „Gott sei Dank“, sagt Antonio, „gibt es so etwas wie Unbestechlichkeit hier, die sich nicht für fremde Zwecke vereinnahmen lässt. Für keine Partei und auch nicht von den Medien. Das hier sind gute Leute. Sie werden es schaffen.“ Antonio muss die Brille abnehmen. Die anderen blieben, er ging mit seinen Eltern fort nach Deutschland, später nach Mailand. Antonio machte Geld, die alten Freunde nicht. Aber auch Antonios Elternhaus steht nach dem Beben nicht mehr.

Was es heißt, über sein Jüngstes in der Vergangenheitsform reden zu müssen, steht Adriano Ritucci ins Gesicht geschrieben. Man weiß nicht, ob es mehr vom Wind oder vom Weinen gerötet ist. Der Verwaltungsangestellte kramt ein Foto aus der Tasche seines Schaffellmantels, das ein Kind mit langen schwarzen Locken zeigt. „Meine Giovanna.“ Der Staat hat ihm ganze drei Tage freigegeben, sagt er. „Irgendwie habe ich die Kraft gefunden weiterzumachen.“ Vielleicht auch deshalb, weil er noch eine große Tochter hat. Sie steht neben ihm, er streicht ihr über das Haar, sie schmiegt sich an ihn. Zusammen gehen sie wieder und wieder ihre kostbaren letzten Erinnerungen an ihre Kleine durch, versuchen redend, das Unfassbare doch noch irgendwie fassbar zu machen. Der Vater erzählt, dass sich die Schwestern oft gestritten hätten. Dabei habe Giovanna zu den Braven der Klasse gehört. Am Morgen des 31.Oktober sei sie ohne Frühstück aus dem Haus gegangen. „Mach mir zu Mittag eine extragroße Semmel, Oma“, habe sie sich gewünscht. Jetzt sei sie bestimmt im Paradies. „Gli angeli di San Giuliano”, die Engel von San Giuliano, nennen die Italiener die toten Kinder. Ritucci, dieser unscheinbare Typ, ist einer der stillen Helden von San Giuliano. Er ist an seinem Unglück gewachsen, wurde Sprecher des „Komitees der Opfer der Schule“. „Wenn Sie ein Kind verloren hätten, möchten Sie dann nicht auch mit Ihrem Schmerz allein sein?“, beschämt er die aufdringlichen Journalisten.

Wie eine zweite Wirklichkeit überlagern die Bilder der Tragödie die Tragödie selbst. Mitleidlos stöberte das Fernsehen die Trauernden auf, zeigte der Welt die süßen Katzen der kleinen Maria. Nach deren Tod wollten sie eine Woche nicht fressen. Man ließ die überlebenden Spielkameraden vor laufender Kamera von ihren toten Freunden erzählen. Zeigte die Tränen der Betagten, denen am Ende eines Lebens voller Arbeit nichts geblieben ist als das Warten auf fremde Hilfe, auf Geld, auf den Tod. Eine bilderhungrige Welt verlangt von den Opfern, das Einzige zu zeigen, was ihnen noch geblieben ist: Glaube, Liebe, Hoffnung.

Um das Epizentrum des Bebens hat sich ein riesiger Diskurs um die Infrastruktur und die Sicherheit der Schulen entwickelt, denn das Unglück traf mit Molise eine der rückständigsten Regionen Italiens. Obwohl erdbebengefährdet, gab es nicht einmal einen Einsatzplan für die Feuerwehr, geschweige denn für den Zivilschutz. Dann schlug die Natur zu. Verzweifelte Helfer mussten zuerst versuchen, die Verschütten mit bloßen Händen zu retten. Die ganze Welt konnte ihnen dabei im Fernsehen zusehen. Es dauerte so lange, bis endlich Hilfe kam. Nun wirkt es fast wie eine Wiedergutmachung an der gequälten Bevölkerung, dass das Dorf inzwischen von einem gewaltigen, 1000 Köpfe zählenden Stab aus Militär, Polizei, Feuerwehr, Zivilschutz, Geologen, Technikern, Rotem Kreuz, Blauem Kreuz, Barmherzigen Brüdern und Freiwilligen versorgt wird.

In einer groß gemeinten Geste hat das Magazin „L’Espresso“ San Giuliano zur „Hauptstadt Italiens“ ernannt. Nicht ohne Bitterkeit schreibt dagegen das Lokalblatt „Il Primo“, dass laut einer Umfrage neun von zehn Norditalienern nicht einmal wussten, wo Molise liegt. Sie hätten nun den Auftritt in den Medien, den die Region Jahrzehnte vergeblich ersehnte, „aber um welchen Preis?“ Berlusconi hat 50 Millionen Euro für den Wiederaufbau der Region versprochen.

Marcello Fioris Arbeitsplatz ist jetzt die Sporthalle der Gemeinde. Roter Fußboden, grüne Wände, weiße Decke ergeben zusammen die Farben der italienischen Trikolore. Hier fand der Abschied von den Toten des 31.Oktober statt. Die Kinder aufgebahrt in kleinen weißen Särgen unter einem Meer weißer Blumen. Jetzt ist die „Halle der Engel“ das logistische Zentrum des weitere 50 Gemeinden umfassenden Katastrophengebietes rund um San Giuliano. 7000 Personen wurden obdachlos. Fiori koordiniert den Einsatz der Helfer. Seine Arbeit wird beendet sein, wenn alle Häuser im Dorf abgesichert und die provisorischen Fertighäuser aufgebaut sind. Er trägt die Uniform der Zivilschützer und sieht mit seinem blaugelben Halstuch wie ein Pfadfinder aus. Er ist blass und übernächtigt, seine Stimme heiser. Dauernd klingelt sein Handy, dauernd stürzt er unter Entschuldigungen davon. An der Wand hängt eine schematische Karte von San Giuliano, auf der die Katastrophe Haus um Haus vermessen wird. „Die grün eingezeichneten Häuser wurden von den Technikern freigegeben“, zeigt er am Plan. „Es sind die wenigsten.“ Theoretisch könnten ihre Eigentümer zurückkehren, aber die meisten warten ab. Der schwierigste Teil seiner Aufgabe sei, die Menschen, deren Häuser einsturzgefährdet sind, davon zu überzeugen, ihr Dorf und ihre Äcker vorübergehend zu verlassen und ein Hotelzimmer oder ein Appartement zu beziehen. 145 Personen hielten sich oben in der Zeltstadt noch auf, aber fast alle seien jetzt bereit zu gehen. Fiori erteilt eine Besuchsgenehmigung, aber mit der Einschränkung: „Keine Fotos. Keine Tonaufnahmen. Keine schriftlichen Aufzeichnungen.“ Ein Feuerwehrmann werde die Besucherin führen. Dann muss er weiter.

Was war San Giuliano? Ein dürftiges Fleckchen Erde, am Ende der Welt, aber für die Menschen, die hier wohnten, Heimat, Leben, Erinnerung. Alles, was sie hatten. Konkret gesagt: eine Kirche, eine Dorfschule, ein Gemeindezentrum, eine Bar, ein Supermarkt. Was noch? Eine Olivenpresse, ein paar Handwerksbetriebe. Der Arzt Antonio Borelli, der gleichzeitig der Bürgermeister ist. Bei dem Unglück verlor er seine einzige Tochter Antonella. Die meisten Häuser sind alt und ärmlich. Wie verloren sitzen die Menschen nun an der Straßensperre bei den Polizisten und warten. Wissen nicht, was tun. Das Schicksal hat ihnen nicht nur die Kinder und ihr Eigentum genommen, sondern auch noch das Verfügungsrecht über ihr Dasein. Der gewaltige Auftrieb von Lastwagen, Transportern, Baggern und Geländewagen, der sich auf der Dorfstraße hin und her bewegt, die ameisenhafte Geschäftigkeit der bunten Uniformen findet ohne die eigentlich Betroffenen statt.

Feuerwehrhauptmann Renato del Re, ein Erdbebenspezialist aus Teramo in den Abruzzen, führt uns in die Geisterstadt. Mit der Tektonik kennt er sich aus: „Nach einem Beben verlaufen die Risse in den Mauern typischerweise in X-Form“, erläutert er mit fast wissenschaftlichem Interesse. Die Kräfte wirkten erst in die eine und dann in die Gegenrichtung. Teilweise seien die Wände förmlich explodiert. „Bei einem Beben dieser Stärke ist es fast nicht möglich, sich noch auf den Beinen zu halten. Del Re macht vor, wie man dabei torkelt. Sonderbarerweise gibt es trotzdem noch heile Fenster. Geranien blühen, als wäre nichts geschehen, eine grüne Kinderschaukel blieb im Garten stehen. Ein kräftiger Mann spricht unseren Begleiter an. Er bettelt, schnell seine beiden Hunde füttern zu dürfen. Renato del Re lässt ihn mit den Worten durch, er möge die Tiere irgendwo unterbringen. Dann stehen wir vor der Schule. Ein Totenhaus. Eine Trümmerfeld aus Stahlbeton, Steinbrocken, Mörtelresten und zerfetztem Mobiliar, unglaublich, dass überhaupt jemand überlebt hat. Davor ein vom Regen verquollener Stuhl. Jemand hat ein Blatt darauf befestigt. Der zerlaufene Text enthält das Versprechen: „Wir werden euch niemals vergessen.“ Daneben sitzt ein vergessener Stoffhund mit roten Samthalsband. „Ich bin schon fast 20 Jahre dabei, aber so etwas Entsetzliches wie hier in San Giuliano habe ich noch niemals erlebt“, sagt der Experte. Niemand könne sich vorstellen, welches Trauma es für seine Kollegen bedeute, die erschlagenen Kinder aus den Steinmassen zu bergen.

Überreste des Alltags

In dieser Landschaft nach der Schlacht erzählen jedes Haus und jede Ruine eine eigene Geschichte. Die surrealistischen Überreste des Alltags erscheinen als Allegorie der Gebrechlichkeit menschlicher Existenz. Ein weißer Spitzenvorhang weht aus der leeren Fensterhöhlung einer einzelnen Mauer. Einem Haus fehlt die Rückwand komplett, wie in einem Albtraum kann man hindurch auf die bläulichen Berge blicken. Ein Schrank hängt in der Luft, die Wäschestapel blieben akkurat Kante auf Kante liegen. Marienbildchen sind auf Blumentapeten zu sehen, irgendwo blieb eine angefangene Mahlzeit auf dem Esstisch. Indiskrete Blicke tun sich auf hinter Fassaden, die unversehrt scheinen und hinter denen alles eingestürzt ist. Ein Schutthaufen, zusammengesetzt aus gebrauchten Betten, Koffern, Kleidungstücken, Deckenbalken, Staub und Dreck. „Die Feuerwehr muss das Dach öffnen“, sagt del Re, „sich von oben abseilen und versuchen, wenigstens das Wichtigste zu retten, Geld und Wertsachen. Das ist eine lebensgefährliche Arbeit.“ Die Erde hat sich noch lange nicht beruhigt, laufend erschüttern neue kleinere Erdstöße den Boden.

Wie ein Gespenst taucht plötzlich ein kleiner Mann in Windjacke auf, ohne den vorgeschriebenen gelben Helm, mit runden ratlosen Augen. Bestimmt ist er noch keine 40 Jahre alt, aber er sieht steinmüde aus. „Das rosa Haus da hinten. Das ist meins.“ Er hoffe, es reparieren zu können. Alles, woran er hänge, sei noch da: „Fotos, Bilder, die Sachen der Kinder.“ Er dreht sich um und schlurft davon. „Seine Tochter ist auch umgekommen“, sagt Renato del Re leise.

Gibt es überhaupt eine Zukunft für San Giuliano? „Wir wollen niemals vergessen,“ schworen sich die Bewohner. Aber muss man nicht vergessen, um weiterzuleben? Bischof Valentirelli nickt mit dem Kopf. Der fleißige Diener des Herrn empfängt zu später Stunde in seinem Palazzo mit Marmorböden und Seidentapeten, direkt neben der Kathedrale von Termoli. „Jetzt geht es darum, ins Leben zurückzufinden.“ Er wolle die Unglücklichen und die Schwachen dabei begleiten, sagt der 48-Jährige mit fester Stimme. Seit zwei Jahren und fünf Monaten ist er Bischof von Termoli. Die Ernennungsurkunde durch den Papst steht gerahmt auf seinem Schreibtisch. Rastlos eilt er von Dorf zu Dorf, von Versammlung zu Versammlung, Rat und Trost spendend. Er liebe die Menschen hier, ihre Einfachheit, ihre Gläubigkeit und ihren Mut. Aber oft genug höre er die Frage: Wo war Gott, als es geschah?

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