Zeitung Heute : Die Engelsblume

Wie die zarte Akelei selbst Mönche blendet

Ursula Friedrich

In schönen Mädchen kann man sich täuschen. Auch wenn ihr Antlitz so hold und rein ist, züchtig beschattet von einem zarten Häubchen, auch wenn ihr schlanker Hals immer ein wenig demütig nach unten gebogen ist, als seien sie ganz ins Gebet versponnen – Vorsicht, sie enthalten in allen Teilen Blausäure. Das Gift der Gattenmörderinnen. Die Rede ist von einer der bezauberndsten Blumen in unseren Gärten, der Akelei.

Maler und Mönche haben sich von ihrem Äußeren blenden lassen und sie Gottesanbeterin, Engelsblume, Marienhäubchen genannt. Auf vielen Altarbildern und Märtyrertafeln von Albrecht Dürer bis Stefan Lochner sind sie als himmlische Blumen verewigt, und sie haben ja auch etwas Überirdisches an sich. Ihre Farben sind kostbare Seide in allen Schattierungen, rosa, hellblau, lila, purpur.

Außer ihrem Gift haben die Botaniker bei der Akelei noch eine, na, sagen wir: sündige Gabe entdeckt. Sie ist keine treue Pflanze, die sich vom Züchter auf bestimmte Farben festlegen lässt. Sie wächst gern in Gruppen zusammen, und was die Liebe betrifft, so müssen wir von Gruppensex reden. Die Befruchtung findet wild durcheinander statt. Es gibt wenige Blumen, die sich so gern untereinander kreuzen. „Ihre Moral lässt zu wünschen übrig“, schrieb die Gartenexpertin Vita Sackville-West. Das bedeutet, dass es für die Züchter schwer ist, ganz bestimmte Farben und Formen zu züchten. Aber es bedeutet auch, dass die Akelei voller Überraschungen steckt. Werden sie blau blühen zwischen Rhododendren und Jasmin, oder cremeweiß mit roten Röckchen?

Sie kommt eigentlich aus dem Wald. Wilde Akeleien sind verwaschen lila, man findet sie nur noch selten. Sie stehen unter Naturschutz, aber deshalb sind sie in den Schatten des Waldes trotzdem nicht gern zurückgekehrt. Sie leben lieber in Gärten, überwintern auch bei strengem Frost und lächeln uns im Frühjahr an wie verschlafene Prinzessinnen. Anspruchsvoll sind sie nicht. Ihre Würzelchen verstecken sie unter feuchten Steinen und Platten. Man könnte sie gut in Vasen stellen, aber wer macht das schon. Es würde an Barbarei grenzen, so zarte Stängelchen und so fragile Blüten abzureißen und in ein Wohnzimmer mit Fernseher und Stehlampe zu verschleppen. Lassen wir sie doch frei leben und lieben, wie es sehr schönen Mädchen zusteht.

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