Zeitung Heute : Die Enkelin des Pioniers

Annemarie Kegel wohnt im ältesten Haus des Stadtteils. Sie hat hier ihr ganzes Leben verbracht

Schönheitskur. Rund um den Zeltingerplatz in Berlin-Frohnau wurde anlässlich der 100-Jahr-Feier, die am heutigen Freitag beginnt, noch einiges bemalt und repariert. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Schönheitskur. Rund um den Zeltingerplatz in Berlin-Frohnau wurde anlässlich der 100-Jahr-Feier, die am heutigen Freitag beginnt,...

Annemarie Hildegard Octavia Margarete Kegel, Jahrgang 1929. Auf jeden einzelnen ihrer Vornamen ist die 80-jährige Frohnauerin stolz. Namen und Daten, daraus bestand in ihrer Kindheit der Geschichtsunterricht. „Baron von Veltheim? Kennse ooch nich? Heimatkunde 6.“ Frau Kegel amüsiert es sehr, wenn sich jüngere Gäste auf ihrer Veranda etwas blamieren. „Schlacht bei Fehrbellin?“ 1675. Gründung von Frohnau? 1910. Der Großvater von Annemarie Kegel ließ das erste Haus in der Gartenstadt errichten. Darin wohnt seine Enkelin bis heute, mit kleineren Unterbrechungen durch Krieg und Ausbildung.

Was das Haus betrifft, kann sich Frau Kegel vor allem an das mühselige Abbrennen und Neulackieren der Fensterläden erinnern. Das machte sie im Vorgarten, damit es alle sahen und sich kleinere Ablenkungen durch einen Schwatz ergeben konnten. Architekt Paul Poser ist bekannt für seine Walmdächer und Sprossenfenster mit Läden. Er legte auch den Zeltinger Platz an, an dem heute die Evangelische Johanneskirche liegt.

Die ersten Siedler mussten nur ein Fünftel des Kaufpreises anzahlen. So konnte ihr Großvater Julius Rumland, „10. Kind einer Bauernfamilie“, das nötige Kapital aufbringen. Er arbeitete als Patentingenieur in Hennigsdorf. Rumland zog schon im März 1910 mit seiner Familie in sein neues Haus ein, zwei Monate vor der offiziellen Einweihung der Gartenstadt. Er erhielt den Grundbucheintrag Nummer 1.

Annemarie Kegel wuchs in der Nazi-Zeit auf und erinnert sich vor allem an die großen Reiterfeste auf dem Poloplatz. Die große Zeit der Poloturniere, bei denen sich die Berliner Gesellschaft in Frohnau traf, war allerdings damals schon vorbei. Polo galt den Nazis als Spiel der „Plutokraten“.

Im Krieg wurde Annemarie Kegel ins Riesengebirge landverschickt. Als sie heimkehrte, fand sie Arbeit in einer Frohnauer Gärtnerei. Weil ihre Eltern einen kleinen Hof bei Halberstadt besaßen, begann sie eine landwirtschaftliche Lehre in Oranienburg. Dort lernte sie ihren Mann kennen, der später der Zweigstellenleiter der Deutschen Bank in Frohnau wurde. „Damals hieß es: Gehen wir zu Herrn Kegel, der gibt uns Geld.“ Annemarie bekam drei Kinder, ihre Tochter wohnt jetzt zusammen mit ihr im Haus des Großvaters.

Die ersten Siedler der Gartenstadt kennen die meisten der 17 000 Frohnauer mit Namen. Es gibt eine hohe Identifikation mit dem Ortsteil ganz oben im Berliner Norden. Frohnauer zu sein bedeutet, in einem hügeligen Paradies mit S-Bahnanschluss, aber ohne Badesee zu leben. Der Villenvorort bietet Ruhe, Geborgenheit und eine gutbürgerliche, bisweilen gediegene Nachbarschaft. Hier zieht niemand freiwillig weg.

Lärmbelästigungen gibt es nicht, bis auf Vogelgezwitscher und Kinder, die ihre Tonleitern üben. Die Blechbläserensembles der Ev. Kirche genießen einen guten Ruf. 53 Prozent der Einwohner sind kirchlich gebunden, das ist Berliner Rekord. In den Grünanlagen und auf den Bürgersteigen ist alles picobello. Fast jedes Kind hat seinen eigenen Garten mit Schaukel und Buddelkasten

Die meisten Straßen Frohnaus sind leicht geschwungen, damit das Auge des Betrachters immer wieder auf „frisches Grün“ blickt. Die beiden Hauptplätze bilden, zusammen mit der Brücke über die S-Bahntrasse, eine Pilzform ab. Einige Straßen hatte Fürst von Donnersmarck nach seinen bevorzugten Weinlagen benannt. Die Nebenstraßen durften die Bauherren selbst taufen. Es entstanden naturnahe Namen wie „Grüner Zipfel“ oder „An der Buche“. Teilweise gleicht der Ortsteil einer Waldsiedlung. Natur und ihre gärtnerische Veredelung, das ist das große Thema in Frohnau. Nach 100 Jahren hat sich daran nichts geändert.

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