Zeitung Heute : Die Entdecker Amerikas

Christoph Kolumbus starb 1506. Er segelte als Erster in die Neue Welt. Oder war er nur einer unter vielen?

Andreas Austilat

Am 12. Oktober 1492, einem Freitag, erreichte Christoph Kolumbus nach mehr als zwei Monaten auf See die Bahamas. Und bis zu seinem Tod am 20. Mai 1506 war der Admiral fest davon überzeugt, Asien erreicht zu haben – weshalb die Welt bis heute die Bahamas zu den westindischen Inseln zählt und die Ureinwohner Indianer nennt. Dabei wissen wir es inzwischen besser: Der vor 500 Jahren gestorbene Seefahrer hatte einen neuen Kontinent gesichtet. Der Ruhm sei ihm gegönnt. Doch muss die Frage erlaubt sein: War Kolumbus wirklich der Erste? Immerhin gibt es eine ganze Reihe Kandidaten, die ihm zuvorgekommen sein könnten.

1. DIE UREINWOHNER

Es handelte sich zwar nur um einen Fußabdruck, aber die Aufregung war trotzdem ziemlich groß, als Silvia Gonzales und Matthew Bennett von den Universitäten Liverpool und Bournemouth letztes Jahr im Juli ihren Fund der Öffentlichkeit präsentierten. Der Abdruck, entdeckt in versteinerter Vulkanasche nahe der mexikanischen Stadt Puebla, ist nach bisherigen Untersuchungen 40 000 Jahre alt.

Damit wäre er erheblich älter, als er eigentlich sein sollte. Denn nach gängiger Theorie gab es niemanden, der zu dieser Zeit einen Abdruck in mexikanischer Vulkanasche hätte hinterlassen können. Der Kontinent soll bis vor etwa 14 000 Jahren menschenleer gewesen sein. Erst dann überquerten die ersten Einwanderer trockenen Fußes die Meerenge zwischen Alaska und Asien. Diese Landbrücke über die Beringstraße gab es weder viel früher noch viel später. Und in weiteren 1000 Jahren haben sich diese Uramerikaner bis an die Südspitze Feuerlands ausgebreitet.

Inzwischen gehen viele Wissenschaftler von mehreren Einwanderungswellen aus. Diese Einwanderer müssten tausende Jahre vor Kolumbus so seetauglich gewesen sein, dass sie von Südostsibirien, Polynesien oder auch von Europa aus die amerikanischen Küsten erreichten. Anders als für die Beringstraßen-Theorie, für die es reichlich archäologische Artefakte gibt, steht für die Küstenversion ein unwiderlegbarer Beweis allerdings noch aus. Unstrittig ist: Lange vor Kolumbus wurde der Kontinent von Menschen entdeckt und besiedelt.

2. DIE ÄGYPTER

Thor Heyerdahl wurde berühmt, als er 1947 mit einem Floß aus Balsaholz von Südamerika die polynesischen Inseln im Pazifik erreichte. Bewiesen hatte er damit zwar nichts, aber für den auf der Überfahrt gedrehten Dokumentarfilm bekam er den Oscar. Und die Fachwelt zog immerhin in Erwägung, dass die amerikanischen Hochkulturen vielleicht doch nicht so isoliert vom Rest der Welt waren, wie bis dahin angenommen.

Heyerdahl unternahm einen weiteren Versuch, diesmal wollte er mit einem Papyrusboot, wie es die Ägypter zur Pharaonenzeit kannten, den Atlantik überqueren. Die erste Überfahrt des Ra getauften Schiffes scheiterte, auf der zweiten wusste die Crew ihr Boot besser zu handhaben. Es gelang Heyerdahl 1970 tatsächlich, von Marokko aus in 57 Tagen Barbados zu erreichen. Damit war wieder nichts bewiesen – außer der Tatsache, dass man mit einem Schilfboot den Atlantik überqueren kann.

1992 machte Svetlana Balabanova dann eine Entdeckung, die die Fachwelt in Aufruhr versetzte. Die Ulmer Gerichtsmedizinerin untersuchte am anthropologischen Institut der Universität München die Mumie der 3000 Jahre alten ägyptischen Prinzessin Henut-Taui. In den Gewebeproben der Prinzessin entdeckte sie Spuren eines ausschweifenden Lebens: Nikotin und Kokain. Zwar ist für Afrika die Existenz einer wilden Tabakpflanze nachweisbar, die Koka-Pflanze aber gab es nach heutigem Wissenstand in damaliger Zeit nur in Amerika.

Schnell waren sich die Ägyptologen einig: Es ist vollkommen abwegig, anzunehmen, die Pharaonen hätten Drogen aus Kolumbien importiert. Svetlana Balabanova wurde heftig attackiert, von Verunreinigung der Proben war die Rede. Die inzwischen emeritierte Pathologin untersuchte aber seitdem Gewebe von „mindestens 50“ weiteren Mumien, die ihr die Universität Wien zur Verfügung stellte und fand dabei immer wieder Spuren, die auf den Konsum von Koka-Blättern deuten, denn „die Konzentration ist relativ hoch“, wie sie versichert. Entweder gedieh also auch in Afrika oder im Nahen Osten eine dem Koka-Strauch verwandte Pflanze. Oder die Kulturen Amerikas und Ägyptens standen tatsächlich in Kontakt.

3. DIE WIKINGER

Der Pfeil drang durch die Achselhöhle in den Brustkorb ein. „Ich bin verwundet“, konnte Thorwald Eriksson noch sagen, doch die Verletzung war so schwer, dass er sie nicht lange überlebte. So erzählt die Grönlandsaga, eine isländische Überlieferung aus dem 13. Jahrhundert, den Vorfall. Wenn die Geschichte stimmt, dürfte Thorwald der erste weiße Tote im Krieg gegen die Indianer gewesen sein, fast 500 Jahre vor Kolumbus und mehr als 800 Jahre vor den Wild-West-Geschichten eines Karl May.

Der erste Wikinger in Amerika war Thorwald ganz sicher nicht. Im Jahr 986, so berichtet ebenfalls die Grönlandsaga, fuhr Bjarni Herjulfsson von Island ab, um seine Eltern auf Grönland zu besuchen. Aber Bjarni verpasste die Südspitze der Insel und sichtete eine ihm gänzlich fremde Küste. Obwohl ihn die Mannschaft zum Landgang drängte, ließ Bjarni wenden. Er erreichte schließlich doch noch Grönland. Dort fand die Geschichte mindestens einen aufmerksamen Zuhörer: Leif Eriksson, Bruder des unglücklichen Thorwald. Leif kaufte Bjarni das Schiff ab und fuhr dessen Route noch einmal ab. Wahrscheinlich 1001 erreichte er so den amerikanischen Kontinent und errichtete auf einer vorgelagerten Insel sein Winterquartier. Ein deutscher Mitreisender namens Tyrkir entdeckte auf der Insel wild wachsenden Wein, darauf gab Leif der Insel den Namen Vinland.

Nur ein paar Jahre später landete Thorfinn Karlsefni mit 160 Gefolgsleuten im neu entdeckten Land. Thorfinns hier geborener Sohn Snorri dürfte der erste in Amerika geborene Europäer sein. Doch schon bald war die Gruppe in Scharmützel mit den Ureinwohnern verstrickt. Zwar waren die Wikinger mit ihren Schwertern und Äxten den Skrälingern, den „Schwächlingen“, wie sie ihre Kontrahenten abfällig nannten, überlegen. Auf Distanz konnten sie sie aber nicht halten. Karlsefni gab die neue Kolonie wieder auf.

Lange ging die Wissenschaft davon aus, dass die Grönlandsaga nur eine Geschichte ist, ausgedacht an langen isländischen Winterabenden. Wenn nicht 1960 in L’Anse aux Meadows auf der Nordspitze Neufundlands eine fast 1000 Jahre alte Wikingersiedlung ausgegraben worden wäre. Seit 1978 ist sie von der Unesco als Weltkulturerbe anerkannt.

4. DIE CHINESEN

1929 wurde in der Bibliothek des Topkapi-Museums in Istanbul eine Karte entdeckt, die auf den türkischen Admiral Piri Reis zurückgeht. Reis selbst soll 1513 behauptet haben, seiner Arbeit lägen ältere Karten zugrunde. Merkwürdig nur, dass es so aussieht, als ob Reis die südamerikanischen Anden zeigen würde, die 1513 noch gar nicht entdeckt waren. Charles Hapgood, amerikanischer Professor für Wissenschaftsgeschichte, stellte darauf in den 60er Jahren die gewagte These auf, Reis müsse auf Erkenntnisse irgendeiner anderen Kultur zurückgegriffen haben, man wisse nur noch nicht welche.

Andernorts wusste man da Bescheid. Der arabische Reisende Ibn Batuta schilderte vor 700 Jahren, wie man sich chinesische Schiffe vorzustellen hat. „Auf ihnen gibt es bis zu 12 Segel … Auf jeder dieser Dschunken dienen 1000 Mann ... die Ruder sind so groß wie Schiffsmasten.“ Ibn Batuta beschreibt vierstöckige Superdschunken mit 100 Kajüten, Badezimmern und abschließbaren Türen, Schiffe, mit denen die Chinesen die See beherrschten. Im Westen hielt man das lange für Seemannsgarn, spätestens seit dem Jahr 2005 aber, als China seine glorreiche maritime Vergangenheit in Ausstellungen feierte, ist klar: Es gab sie wirklich, die 120 Meter langen Dschunken unter roten Seidensegeln, neben denen das nicht einmal 30 Meter lange Flaggschiff des Kolumbus sehr bescheiden ausgesehen hätte.

Und ebenso klar war nun, dass es auch die legendären Reisen des kaiserlichen Eunuchen-Admirals Zheng He gegeben hat. Siebenmal stach die Flotte zwischen 1405 und 1433 in See, mal 50, mal 60 Schiffe mit bis zu 30 000 Mann Besatzung. Die Chinesen beherrschten die See um Indien, Arabien und Ostafrika. Die Frage ist nur, kamen sie auch bis Amerika?

Ja, glaubt der ehemalige Marineoffizier und Hobby-Historiker Gavin Menzies. Er geht davon aus, dass die Chinesen 1421 in der Neuen Welt landeten. Den Beweis bleibt er schuldig, selbst wenn Menzies allerlei Indizien anführt: chinesisch anmutende Lackarbeiten in Mittelamerika; Wracks vor Sacramento, die Dschunken sein könnten; Pflanzen und Tiere, die, in Asien heimisch, plötzlich in Amerika auftauchten. Neue Nahrung bekam seine Theorie, als vor vier Monaten ein Sammler in London eine Karte vorlegte, die auf das Jahr 1418 zurückgehen soll und Amerika zeigt. Der Beweis ihrer Echtheit steht aus, so dass dies alles Spekulation bleibt. Aber das Potenzial zur Entdeckung Amerikas hatten die Chinesen auf jeden Fall.

China zog sich nach dem Tod des Admirals Zheng He von den Weltmeeren zurück, unter einem neuen Kaiser wurde die kostspielige Flotte, die jeden europäischen Eindringling aus dem Wasser hätte fegen können, eingemottet. 400 Jahre Seefahrertradition wurden so radikal beendet, dass man sogar Logbücher zerstörte und den Neubau von Schiffen mit mehr als zwei Masten verbot.

5. DIE DEUTSCHEN

Portugals König Heinrich der Seefahrer war mit dem dänischen Königshaus verwandt, und beide, der Däne und der Portugiese, einigten sich auf eine gemeinsame Expedition, die aber erst von ihren Nachfolgern auf den Weg gebracht wurde. Die deutschen Schiffer Didrik Pining und Hans Pothorst wurden beauftragt, von Island aus nach neuen Inseln im Westen zu suchen. Die Quellenlage ist dünn, aber Pining und Pothorst sollen aus Hildesheim stammen und maritime Erfahrung als Freibeuter auf der Nordsee gesammelt haben. An Bord soll sich ein portugiesischer Verbindungsmann namens Joao Cortereal befunden haben.

Die Expedition stach 1472 in See. Doch erreichte sie auch Amerika? Cortereal wurde vom portugiesischen König für die Entdeckung des „Stockfischlandes“, gemeinhin eine Umschreibung für die fischreiche Küste um Neufundland, mit dem Posten eines Gouverneurs auf den Azoren belohnt. Auch Pining ging nicht leer aus, er wurde Statthalter auf Island, beides spricht für einen Erfolg der Reise. Mysteriös ist das Schicksal der Söhne Cortereals, die 1500 in Neufundland verschwanden. Sie sollen mit Kolumbus gut bekannt gewesen sein, weshalb spekuliert wurde, Kolumbus hätte auch die Ergebnisse der Didrik-Pothorst-Expedition gekannt. Dazu würde die Behauptung des zeitgenössischen Kolumbusbiografen Las Casas passen, Kolumbus sei 1477 an Island vorbei Richtung Grönland gesegelt. Kolumbus selbst räumt in seinem Bordbuch lediglich ein, in England gewesen zu sein.

6. DIE ENGLÄNDER

Kolumbus’ Englandreise führt direkt zum nächsten Kandidaten: Giovanni Caboto. Der ließ sich 1495 mit seiner Familie im englischen Bristol nieder und nahm den Namen John Cabot an. Cabot schlug den englischen Handelsherren vor, den Seeweg nach Indien im Westen zu suchen. Der Gedanke war seit Kolumbus nicht mehr besonders originell, für die Briten noch weniger als für irgendjemand sonst. Einer der ihren, John Day, hatte schon 1480 den Versuch unternommen, mit dem Schiff „John Jay Junior“ die Insel Brazil irgendwo im Atlantik zu entdecken. Brazil war eine jener Fabelinseln, mit der portugiesische Kartografen gern die Leere des Ozeans schmückten und die man irgendwo im Westen vermutete. Days Reise war ein Fehlschlag, ebenso wie die nächsten sechs Versuche, dort draußen irgendetwas von Bedeutung zu entdecken. Verständlich, dass die Briten nervös wurden, als sie vom Erfolg des Kolumbus hörten. Und gern war man bereit, mit Cabot einen neuen Versuch zu wagen.

Auch Cabots erste Reise verlief ergebnislos. Doch am 2. Mai 1497 setzte er mit 24 Mann Besatzung an Bord der „Matthew“ erneut die Segel. 35 Tage später sichtete er Land, das er „Prima Tierra Vista“ taufte. Später wurde daraus Newfoundland oder Neufundland. Cabot fuhr weiter Richtung Küste und erreichte damit ein Jahr vor Kolumbus das amerikanische Festland. Denn der betrat den Kontinent erst 1498 auf seiner dritten Reise.

Vielleicht wäre Cabot sehr viel berühmter geworden, hätte seine Erfolgssträhne nur ein bisschen länger gehalten. 1498 fuhr er erneut nach Amerika, für ihn wurde es eine Reise ohne Wiederkehr. Mysteriös blieben die Umstände seines Todes. Es ist nicht überliefert, wie, wo und wann der Kapitän verstarb.

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