Zeitung Heute : Die Entdeckung der Schnelligkeit

Egon Boesten

Sie ist ein fester Bestandteil dieser Olympischen Winterspiele: die Blumenzeremonie. In Salt Lake City und den olympischen Außenstellen ist das so eine Art Ersatz-Siegerehrung, damit der Wettkampf einigermaßen feierlich ausklingt. Medaillen gibt es da noch nicht, denn die werden später mit Pomp und Pathos am Medal Plaza im Stadtzentrum verliehen. Doch auch bei der Blumenzeremonie kann man schön weinen. Und spätestens da fiel am späten Mittwochabend all der Druck ab von Anni Friesinger, der in den letzten Tagen auf ihr gelastet hatte. Die Eisschnellläuferin weinte hemmungslos, als ihr im Olympic Oval der Blumenstrauß überreicht wurde. Nicht nur persönliche Bestzeit war sie gelaufen, wie es ihr Trainer Markus Eicher auf jeder Strecke von ihr fordert. Endlich hatte sie Gold gewonnen und das auch noch in Weltrekordzeit. Ihren eigenen Weltrekord über 1500 Meter hatte sie unterboten.

Mehr zum Thema Fotostrecke: Bilder aus Salt Lake City
Tagesspiegel: Alle Berichte von den Olympischen Winterspielen
Newsticker: Aktuelle Nachrichten von den XIX. Winterspielen sowie weitere Sportmeldungen Dabei war Anna Christine Friesinger, die älteste der drei Friesinger-Geschwister aus Inzell, unmittelbar vor ihrem Start alles andere als zuversichtlich gewesen. Im Regen bewältigte sie vor der Eishalle ihr Aufwärmprogramm. Das obligatorische "Viel Erfolg" beantwortete sie Zaungästen mit einem zittrigen "Jaja". Nichts schien mehr da zu sein von der sieggewohnten Lady, die nicht nur auf dem Eis eine gute Figur macht.

Genau in dem Moment, als Anni Friesinger das Eis betrat, musste Marianne Timmer, die zweifache Olympiasiegerin von Nagano, fast vom Eis getragen werden. Platz 21 hatte der holländische Eisschnelllauf-Star belegt, so gerade noch vor Friesingers Teamkollegin Marion Wohlrab. Drohte Anni Friesinger ein ähnliches Schicksal? Mit dem neuen olympischen Rekord 1:55,71 führte zu dem Zeitpunkt Chris Witty, die Überraschungs-Siegerin über 1000 Meter.

Dann wurde es still. Völlig losgelöst stürmte die Inzellerin, der viele im Vorfeld der Spiele viermal Gold zugetraut hatten, die aber nach zwei Wettbewerben noch ohne Medaille dastand, über das Eis. Sie ging das Rennen diesmal nicht allzu schnell an. Aber das ist ja auch das Besondere der 1500-Meter-Strecke. Es gilt, ein gleichmäßig hohes Tempo halten. Während sie sich auf den 3000 Meter am Ende ausgelaugt ins Ziel rettete, hielt Anni Friesinger diesmal durch. Am Ende zeigte die Stoppuhr den neuen Weltrekord an.

Eric Heiden, fünffacher Goldgewinner von Lake Placid, hatte im Vorfeld prognostiziert: "Wer hier Gold gewinnen will, muss 1:52,9 Minuten laufen." Ganz so schnell war Anni Friesinger dann doch nicht. Bei 1:54,02 blieb die Uhr stehen. Das große Warten begann. Als eine der härtesten Konkurrentinnen, Jennifer Rodriguez, allmählich einzubrechen schien, schüttelte Marion Wohlrab ihre Teamgefährtin: "Guck, guck, guck!" Auch Sabine Völker, die Sprinterin, für die die 1500 Meter eigentlich zu lang sind, kam Anni Friesinger gefährlich nahe. Die Erfurterin freute sich am Ende über Silber.

Und dann ging alles unter in bayerisch-deutscher Begeisterung. Die Band Kleintje Pils aus Holland, wo Anni Friesinger ein Superstar ist, intonierte bayerische Blasmusik und bot zum Abschluss natürlich noch einmal "Tulpen aus Amsterdam" dar. Anni Friesinger: "Zu Hause in Inzell sind sie bestimmt mit dem Feiern ganz schön beschäftigt. Ich konnte leider noch nicht anrufen." Fragen nach dem Zwist mit Claudia Pechstein, die auf dem enttäuschenden sechsten Platz landete, ging Anni Friesinger am Tag des Erfolges aus dem Weg: "Das ist Boulevard-Zeugs, vergessen Sie das. Ich genieße den Tag."

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!