Zeitung Heute : Die Enthüllung oder Das Phänomen der Sechs-Wochen-Berühmtheit (Kommentar)

Harald Martenstein

Vor ein paar Tagen stand eine interessante Enthüllung in der Zeitung. Eine der Bewohnerinnen des "Big Brother"-Hauses wird polizeilich gesucht, mit Haftbefehl. Sabrina heisst sie und ist ja sowas von lustig. Die lustige Sabrina dürfte zur Zeit in Deutschland bekannter sein als, sagen wir, Jürgen Rüttgers. In einem Jahr hat Deutschland die lustige Sabrina wieder vergessen. Aber Sabrina hat Mediengeschichte geschrieben.

Jeder kann ein Star sein, für 15 Minuten oder ein paar Wochen, so hieß Andy Warhols Botschaft, und wir glaubten, wir hätten verstanden. Wir glaubten: Für ein paar Wochen und mit ein bisschen Glück können Herr und Frau Unbekannt sich ihren Lebenstraum erfüllen und sich in der Sonne der allgemeinen Aufmerksamkeit wärmen. Aber was bedeutet es wirklich, ein Star zu sein? Es hat seine Schattenseiten. Zlatko, Sabrina und Kerstin haben nicht an Lady Diana gedacht, nicht an die Geschichte mit Hugh Grant und der Straßenprostuierten, nicht an George Michael und das schwule Herrenklo. Ein Star gehört allen, auch auf dem Klo oder im Bett. Sein Haftbefehl erst recht. Das ist vermutlich kein schönes Gefühl.

Im Falle Sabrina begegnen sich also zum ersten Mal das Phänomen Enthüllungsjournalismus und das Phänomen Sechs-Wochen-Berühmtheit. Schon wieder wurde ein neues Genre geboren, diesmal ein journalistisches. Was wird noch kommen? Hat Zlatko in seiner Autowerkstatt Bremsen von Exil-Albanern manipuliert? Hat Kerstin in Pornos mitgespielt? Handelt John mit Dope? Christoph Schlingensief hat es wieder einmal als erster gewusst. Er verbreitete bereits zu Beginn von "Big Brother" die Falschmeldung, Zlatko sei in den Bügerkrieg auf dem Balkan verstrickt. Schlingensief hat, im Spiel, die erste Brücke zwischen der Pseudorealität und der Wirklichkeit gebaut.

Aber was ist überhaupt pseudo, und was ist real? Die Pseudo-Stars sind zum größten Teil Geburten der Ironie. Der Haftbefehl ist echt. Die Liebe zwischen Kerstin und Alex ist vielleicht echt. Es schwindelt einen, wie in einem Roman von Stanislav Lem, wo hinter jeder Schicht der Wirklichkeit eine andere liegt, ähnlich wie die Häute der Zwiebel. Man möchte mit Zlatko einen Schnaps darauf trinken, und dann bauen wir gemeinsam den Exil-Albanern die Bremsen aus.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben