Zeitung Heute : Die Erbsen, ein Trauerspiel

Einst war der Osten Brandenburgs der Gemüsegarten Berlins. Doch die Kartoffeln, die Jürgen Templin jetzt erntet, sind so groß wie Murmeln. Irgendwann blieben die Sommerregen aus. Das Land versteppt. Und die Bauern fragen sich: Wie lange können wir hier noch überleben?

Kirsten Wenzel

Die Hand glitt ohne Anstrengung durch den Boden, mehr als 20 Zentimeter tief, die Erde war weich und dunkel. Wie Blumenerde. Das war es. Jürgen Templin hatte sein Land gefunden, auch wenn die Hand 40 Zentimeter unter dem Humus in schneeweißen Flusssand griff. Jahrelang war der Hamburger Biobauer herumgereist, in Schweden, Österreich, Hessen, Bayern hatte er nach dem richtigen Platz für den eigenen Hof gesucht. Als er nach Brandenburg kam, wusste er: Libbenichen, das ist es. Das alte Gutshaus mit dem kilometerweiten Blick in die Ebene, die sanft geschwungenen und sich dann schroff verwerfenden Hänge, sonnenverwöhnt, an denen schon im März die Adonisröschen blühen, herbeigewehte Exoten aus dem Süden. Und der Boden unten im Tal. Das pure Bauernglück, das schon Fontane bestaunte: „schönes, fettes Erdreich, mit vielem Humus, der sich seit Jahrhunderten aus dem Schlamme der Oder erzeugt hatte. Man streute aus und war der Ernte gewiss. Und alle wurden reich über Nacht.“

Libbenichen also: 350 Einwohner, zehn Kilometer von der polnischen Grenze und der Oder entfernt. Ausgerechnet Libbenichen, muss man sagen. Da, wo es mittlerweile so wenig regnet wie sonst nirgendwo in Deutschland. 460 Liter Niederschlag pro Quadratmeter messen die Forscher an der Hangkante des Oderbruchs im Jahr, etwas mehr im Tal. 300 Liter weniger Regen als im Bundesdurchschnitt und 100 weniger als im übrigen Brandenburg. Niederschlagswerte wie die Sibirische Steppe hat das Land jetzt schon, sagt der Präsident des Landesumweltamtes, Matthias Freude. Um 1,5 Grad ist Brandenburg in den letzten 40 Jahren wärmer geworden. Mindestens noch einmal so viel erwarten die Klimaforscher für die nächsten Jahrzehnte. Das bedeutet nach den Prognosen der meisten Wissenschafler: zukünftig noch weniger Niederschlag als heute.

„In Berlin können sich die Gullideckel biegen, da kommt hier bloß Wind und Donner“, das ist so eine Bauernregel von Norbert Jung, Geschäftsführer der Agrargenossenschaft im Nachbardorf Dolgelin. Regen im übrigen Brandenburg, soll das heißen, das bedeutet noch lange nicht Regen in den Dörfern an den Oderhängen zwischen Seelow und Lebus. Seit März sind dort keine 70 Liter Niederschlag gefallen. Die Wolken, die gewöhnlich aus dem Westen kommen, passieren Elbe, Havel, Rotes Luch, die Seengebiete um Berlin. Sie prallen gegen die feuchten Luftsäulen über den Gewässern und regnen ab. Richtung Osten wird die Luft immer trockener. Jung seufzt, er braucht Wasser für 1800 Hektar Land, für Roggen, Erbsen und Mais. Was soll man machen, sagt er, Regen bleibt Glückssache, die Wolken kann der Mensch noch nicht lenken. Und Bauer sein im Osten Brandenburgs, fügt der Bodenkundler Frank Eulenstein vom Zentrum für Agrarlandschafts- und Landnutzungsforschung in Müncheberg hinzu, das ist fast schon Russisches Roulette.

Kampf um jeden Tropfen

Nur eine von drei Ernten kommt ohne große Einbußen durch. Letztes Jahr sah es endlich wieder gut aus, nach den Dürren der vergangenen Jahre. Bis zum Abend des 12. August. 150 Millimeter Platzregen fielen in einer Nacht, danach faulte das Korn schon am Halm. Also übertrug Jung den Verlust in seinen Geschäftsbüchern auf dieses Jahr. Und wieder nichts. Die Farne am Wegrand haben ihre Blätter schon vor Wochen eingerollt, die Erbsen, ein Trauerspiel, die Roggenhalme grau, die Blätter vertrocknet, mit mickrigem Kummerkorn in der Ähre. Regen?, lacht Jung mit bebendem Bauch. Jetzt hilft nur noch Hagel. Da zahlt die Versicherung.

Als Jürgen Templin und seine Frau Astrid 1990 nach Libbenichen kamen, gruben sie sich einen Badesee neben ihrem Haus, mit Strandkorb und Volleyballnetz. Zehn Jahre hatten sie Startkapital bei Freunden gesammelt, bis eine anthroposophische Bank in Bochum die Finanzierung übernahm, drei Jahre mit der Treuhand verhandelt, bis der Hof ihnen gehörte. Sie begannen Sellerie, Kartoffeln und den genügsamen Roggen anzubauen, kauften 50 Stück Rotvieh, weil Kühe ihrer Meinung nach nun einmal in diese Landschaft gehören. Und sie sahen in der Trockenheit etwas Positives. Weniger Regen bedeutet weniger Pilze und Parasiten – gut für den Biobauern, der ohne Pflanzenschutzmittel auskommen muss. Sie waren zuversichtlich, die Gegend war schließlich früher einer der Gemüsegärten Berlins. Bis vor 250 Jahren strömte hier zweimal im Jahr das Oderwasser ein. Bis Friedrich der Große Staudämme bauen ließ, tummelten sich Zander und fette Krebse im Schwemmgebiet. Von ihnen lebten die Menschen damals. Mit der Trockenlegung kamen die Landwirtschaft, die Siedler und der Wohlstand ins Oderbruch.

Für Jürgen Templin beginnt morgens um halb sechs die Arbeit. Bis um sieben geht es zu den Kühen in den Stall, Frühstück, Schreibtisch, dann aufs Feld. Hacken und Striegeln heißt der Kampf um jedes bisschen Feuchtigkeit, das der Boden vielleicht doch noch gespeichert hält. Mit dem Traktor zieht Jürgen Templin ein acht Meter breites Metallnetz über das Roggenfeld, feine Metallstiele durchreißen den staubigen Boden. Sie nehmen das Unkraut mit und zerstören die Kapillare, Luftröhren, die wie winzige Strohhalme vertikal den Boden durchziehen und durch die das Wasser nach oben verdunstet. Durch die trockene Luft ist die Verdunstung hier jetzt besonders hoch, die Luft saugt den Boden regelrecht aus. An einem einzigen warmen Tag gäbe die Erde potenziell 60000 Liter Wasser pro Hektar ab, wenn sie sie hätte, würde auf dem 300 Hektar großen Land der Templins ein drei Meter tiefes Schwimmbad, groß wie ein Fussballfeld, verdunsten. Hacken und Striegeln, das kann etwas helfen, ein Aufwand, den konventionelle Landwirte selten betreiben. Templin hofft noch und spricht nur von 40 bis 60 Prozent Ertragsausfall. Vorausgesetzt, das Wetter berappelt sich noch.

Die Kartoffeln, die die Templins am Nachmittag roden, haben die Größe von Murmeln. In ein paar Tagen werden sie beginnen, das Winterheu zu verfüttern, weil die Wiesen nichts mehr hergeben. Nach Monaten ohne Regen sind die 40 Zentimeter Humusboden im Tal, die 60 Zentimter Lehmauflage am Hang hart und verkrustet, und der Sand darunter hält keine Feuchtigkeit. Nur 20 Tage kommen die Sandböden hier ohne Regen aus, während die lösshaltige Erde in der Magdeburger Börde Wasser für sechs Wochen speichern kann. Zu DDR-Zeiten ließ man die Felder an den Oderhängen künstlich beregnen, zur Not wochenlang. Egal, was es kostete, der Staat wollte sich autark ernähren können. Heute würden schon zwei Tage Bewässerung mehr Geld verschlingen, als die gesamte Ernte der Templins einbringen kann.

Wenn Norbert Jung aus Dolgelin über seine Kollegen in Niedersachsen spricht, wo es 40 Prozent mehr regnet als bei ihm, mischt sich Neid mit einem Hauch Herablassung. Die dürfen nur das Säen nicht vergessen, sagt er, soll heißen: Da kann’s nun wirklich jeder. Bauer sein an der Oderbruchkante ist dagegen etwas für Fortgeschrittene. Nicht nur, weil es nicht regnet und der Boden sandig ist. Jürgen Templin findet auf seinen Feldern Handgranaten und chemische Langzeitzünder, ab und zu stehen Berliner Schulklassen in der Landschaft, und der Lehrer trägt vor, wie hier von Februar bis April 1945 die Schlacht um Berlin geschlagen wurde. Damals war das Odertal überhaupt kein Ort des Lebens, obwohl nie so viele Menschen hier waren wie im Frühjahr 1945. Auf der Hangkante, wo Templins Gutshaus steht, verschanzten sich 16-jährige Jungs und 60-jährige Großväter, das letzte Aufgebot der Wehrmacht. Und eine Million Soldaten der Roten Armee rückten im Tal vor. 120000 Tote haben auf den Feldern gelegen, als alles vorbei war. Eine grobe Schätzung der Militärs. Die Bauern im Oderbruch mussten die Panzer zur Seite schieben, die Toten bergen und begraben, die Minen einsammeln.

Weinbau in Brandenburg?

Wenn der Sommerregen auf Dauer ausbleibt, dann, sagen Experten wie Matthias Freude vom Landesumweltamt voraus, könnten in Brandenburg bald die Bäume verdursten, die letzten Moore austrocknen, das Grundwasser weiter sinken. Es könnte aber auch anders kommen. So wie Frank Eulenstein es in einer neuen Studie für das Zentrum für Agrarlandschafts- und Landnutzungsforschung in Müncheberg ausgerechnet hat. Auch er geht davon aus, dass die Sommerregen in Zukunft ausbleiben. Doch im Winter könnten die Niederschläge zunehmen. Die Grundwasserstände steigen wieder, in der Tiefe des Bodens wäre genug Wasser: für den Wald, aber nicht genügend für die Pflanzen der Landwirtschaft, die nur in der von Regen gewässerten Oberfläche des Bodens wurzeln. In der kurzen Kulturzeit der Nutzpflanzen fallen keine Niederschläge. In den Brandenburger Sommern könnte man Wein anbauen – und Tomaten, so trocken und warm wird es sein. Aber den Winter überleben solche Pflanzen nicht.

Vielleicht sieht es an vielen Stellen des Landes bald so aus wie jetzt schon an den Hängen auf dem Land der Templins: Haargras-Steppenrasen, Kräutersorten aus Südosteuropa. Steppe ist nicht Wüste, es drohen keine Sandstürme, es bleibt immer noch viel Natur, auch die Seen im Tal. Sie sind schon jetzt Lebensraum zahlreicher Neuzugänge aus dem Süden: italienische Streifenwanzen, Zwerg- und Schlangenadler, für den Touristen schön anzusehen. Die Kraniche überwintern im Land. Nur Ernte könnte hier, in der ehemaligen Kornkammer Preußens, irgendwann ein Wort der Vergangenheit sein. Im Nachbardorf ist der Bauer im letzten Jahr mit mehreren Millionen Euro Schulden in Konkurs gegangen. Jürgen Templin wird keinen seiner Mitarbeiter entlassen. Er wird zur Not einen Rundbrief schicken, an die Unterstützer und Freunde und an die verständnisvolle anthroposophische Bank in Bochum. Außerdem gehört zu seinem Betrieb noch eine Gärtnerei, die gute Umsätze macht. Aber die anderen Bauern, die am Anfang des Jahres ihre Ernte verpfändet haben, um Saatgut zu kaufen, die könnte es jetzt endgültig kippen.

Man könnte die Landwirtschaft einstellen, sagt Frank Eulenstein. Den Ackerbau, der sich in Ostbrandenburg nicht mehr rechnet, wenn man ehrlich ist. Bei einem Preis für Roggen von neun Cent pro Kilo gibt es keinen Spielraum mehr für Rücklagen, für Missernten, für Bewässerungen. Im nächsten Jahr will die EU Roggen ganz aus der Interventionsliste der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung streichen, weil die Lager seit Jahren voll sind. Doch was soll man dann machen mit den Menschen? In der Gegend um Seelow existierte seit jeher nichts anderes als Landwirtschaft. 75 Prozent aller Arbeitsplätze sind seit 1990 weggefallen, die Zuckerfabriken wurden geschlossen, die Jugend ist längst fort.

Vor 12000 Jahren sah es hier noch aus wie heute in Island. Der Gletscher schob sich über das Land und schnitt die Urstromtäler in die Erde. Später wuchsen riesige Wälder. Ostbrandenburg 2050: Der Kreis könnte sich schließen. Wir sehen ein Land, aus dem der Mensch wieder verschwunden sein könnte, weil er nicht mehr von ihm leben kann.

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