Zeitung Heute : Die erfüllte Prophezeiung

Der Tagesspiegel

Zum ersten Mal nahm Slobodan Milosevic gestern einen hochrangigen westlichen Politiker ins Kreuzverhör. Der erwies sich als echter Gegner, der den geschickten Fragetechniken des Ex-Staatschefs gewachsen war. Paddy Ashdown, liberaler Brite mit Balkanerfahrung und dem Ruf, ein „tough guy“ zu sein, blieb so britisch höflich wie souverän. Ashdown erklärte, er habe dem Angeklagten persönlich prophezeit, dass dieser eines Tages in Den Haag landen würde: „Und hier sind Sie nun!“ Nahezu genüßlich erklärte Ashdown das – als ob er die vorherigen Zeugen für ihre Pein entschädigen wollte. Mit Bedacht verzichtet Milosevic auf Strafverteidiger, nicht, weil er, wie er sagt, das Gericht nicht anerkennt. Indem er sich selbst verteidigt hat er sehr oft das Wort und schüchtert so die meisten Aussagenden psychologisch ein. Wer kann sich schon vorstellen, gegen den eigenen ehemaligen Staatschef und „Vater der Nation“ auszusagen, der den Personenkult um sich stets förderte. Zeugen vor dem Tribunal stammen oft aus einfachen Verhältnissen, Bergbauern, Handwerker und einfache Soldaten wurden hier gehört oder junge Mädchen, die Opfer sexueller Gewalt geworden waren. Ein professioneller Anwalt wirkt als Pufferzone zwischen Zeuge und Angeklagtem – diese Zone hat Slobodan Milosevic durch seine Verteidigungsstrategie aufgelöst. Bleibt zu fragen, was das Gericht aus dieser neuen Erfahrung lernt. Es können nicht alle Zeugen die Gelassenheit und Distanziertheit eines Ashdown aufweisen. In diesem Prozess brauchen Zeugen besondere psychologische Unterstützung – das Gericht muss alle legalen Möglichkeiten hierfür ausschöpfen lernen. cdf

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