Zeitung Heute : Die Erinnerung kommt

1989 wurden Reformen ersehnt, heute werden sie verdammt. Ein Kulturgeschichtchen der Montagsdemo

Peter Siebenmorgen

Die Menschen, die heute auf die Straße gehen, berufen sich auf die Montagsdemonstrationen. In welche Tradition stellen sie sich – und was sagt das über Deutschland im Jahr 2004 aus?

Friedensgebet in Leipzig

Demonstrationen in mindestens 36 Städten, darunter Magdeburg, Jena, Halle, aber auch in Dortmund, Essen, Köln, Frankfurt und Hamburg

Wenn sie jetzt in Leipzig montags auf die Straße gehen, um gegen Hartz IV und überhaupt gegen jede Form von Sozialabbau zu demonstrieren, dann wird alles ganz anders sein als 1989, dem Jahr der nun als Vorbild bemühten Montagsdemonstrationen. Damals ging es um die Beseitigung der SED-Herrschaft („Wir sind das Volk“). Heute mobilisieren vor allem die legitimen Erben jener, die seinerzeit abserviert wurden. Viel personelle Kontinuität gibt es jedenfalls nicht. Viele Bürgerrechtler der Wendezeit empfinden es daher eher als Anmaßung, wenn sich die Protestierenden heute auf diese Tradition berufen.

Auch sonst ist vieles anders. 1989 begann alles mit kleinen Gruppen, die sich mehr oder weniger spontan zusammenfanden, um zunächst schweigend, mit stiller Anklage, durch die Straßen zu ziehen. Erst im Spätsommer wurden aus vereinzelten Protestgruppen Massendemonstrationen. 2004 muss, wer erfolgreich sein will, strategisch vorgehen. Von Anfang an wird durchmobilisiert, mit Großlogistik vorgegangen. Die Effekte müssen vom ersten Moment an sitzen und mediengerecht sein. 1989 reichten wenige verwackelte Bilder, um die Botschaft zu transportieren. Denn diese spärlichen Medienniederschläge waren ja selbst ein Teil der Botschaft: In dem, was sie unzulänglich nur zeigen konnten, reflektierten sie das Skandalon einer verriegelten Diktatur ohne Pressefreiheit. Heute könnten sie die Demonstrationen gleich einstellen, wenn es nicht gelänge, möglichst viele Medien, vor allem das Fernsehen, für sich zu interessieren.

Wogegen die Demonstranten sich heute aufbäumen, bleibt indes ein weitgehend unsichtbarer Feind. Nicht nur, weil es Hartz IV noch gar nicht gibt. Sondern auch, weil die Montagskundgebungen von 1989 stets von Abordnungen der Staatssicherheit und von Polizeikräften im Blick behalten wurden. Ein Wort der Parteiführung, und sie hätten sofort eingreifen können. 2004 werden auch wieder Polizeieinheiten zugegen sein, wenn die Demonstranten durch Leipzigs Straßen marschieren. Doch nicht, um die Teilnehmer der Kundgebungen einzuschüchtern, sondern um gewaltsamen Übergriffen vorzubeugen.

Auch solchen, die sich in jenen bunten Reihen selbst anbahnen könnten. Denn es sind ja nicht nur PDS-Kader, brave Gewerkschaftsleute und aufgebrachte Bürger, die es der Bundesregierung zeigen wollen, sondern auch rechtsradikale Trupps, die das, was die in Berlin da tun, ähnlich empörend finden wie gewesene, gewendete oder Immer-noch-Kommunisten. Deren Anti-Sozialabbau-Kampagnen, etwa im sächsischen Wahlkampf, unterscheiden sich kaum von denen der SED-Nachfolgepartei. Noch kurioser könnte es werden, sollten die Initiatoren der Montagsdemos der Bitte von Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt entsprechen, ihn und seine CDU doch auch zur Demonstration einzuladen.

Allein, die SPD und auch die evangelische Kirche tun sich etwas schwerer. Die Regierungspartei kann es natürlich nicht gutheißen, wenn gegen ihre Politik auf der Straße mobilisiert wird. Andererseits weiß der stellvertretende Parteivorsitzende, Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, ja bereits seit langem, dass der „Osten brennt“. So muss er denn auch jetzt „Verständnis“ haben für jene, die auch gegen ihn selbst protestieren.

Wie verknotet die Verhältnisse in der evangelischen Kirche sind, kann man daran erkennen, dass sie nicht theologisch oder moralisch, sondern „demonstrationstaktisch“, wie es der Magdeburger Bischof Noack genannt hat, an die Dinge herangeht. Gern hätten die Kirchenaktivisten von einst ein wenig vom Geist des Jahres 1989 bewahrt. Doch der war mit der Einheit schnell dahin. So finden sie es ein bisschen problematisch, wenn sich die Demos von heute auf damals beziehen. Aber: „Wir sind das Volk“, hat Christian Führer, der Pfarrer der Leipziger Nikolaikirche soeben bekannt, wäre auch heute durchaus angebracht. Dann lieber nehmen, was man kriegt, als weiter in der Bedeutungslosigkeit vor sich hinzukauern.

Seiten 1, 4, 8 und Meinungsseite

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