Zeitung Heute : Die Erinnerungen

IRGENDWIE, IRGENDWO, IRGENDWANN

Matthias Kalle

Eine Generation weiß nicht wohin – einer macht sich schon mal auf den Weg

Mutter sagte, ich könne doch an die Nordsee fahren, in unser Ferienhaus, und ich dachte: warum eigentlich nicht. Dort verbrachte ich die Sommer meiner Kindheit, und in jenen Jahren mangelte es mir an nichts, man umsorgte mich und achtete darauf, dass ich stets warm genug angezogen war. Geld brauchte ich noch keines, man bezahlte für mich mit. Verliebt war ich nie, denn in mir war noch keine Sehnsucht, mein Herz war in Sicherheit und meine Seele nahm keinen Schaden, denn ich spürte nach nichts ein Verlangen.

Unser Ferienhaus liegt am Strand, an den ich früher nie ging, denn ich fürchtete mich vor der Sonne und den Wellen und vor dem Nichtstun. Die Tage verbrachte ich damit, den Sandwall entlangzulaufen, von unserem Haus in das kleine Städtchen. Oft war mein Ziel der Kursaal des Ortes, in dem man in den Sommermonaten für die Urlauber eine Leinwand hineingehängt hatte und Filme zeigte, jeden Tag einen anderen. In diesem Saal sah ich „Star Wars“, die „Goonies“ und „Karate Kid“. Auf dem Weg von unserem Haus zu dem Kino war das Restaurant Valentino, in das meine Familie und ich abends zum Essen gingen. „Im Urlaub“, sagte Mutter, „koche ich nicht.“ Ich aß immer das gleiche: Hähnchenschnitzel mit Pommes; dazu trank ich Spezi. Der Kellner sagte, dass ich irgendwann noch mal wegfliegen würde. Wohin ich dann wohl fliegen würde, sagte er nicht.

Ich erinnere mich an einen Sommer, ich war acht oder neun, da stand eines Tages an der Tür des Valentino: „Wegen Todesfall geschlossen“. Ich kam gerade aus dem Kino, als ich das las und erkannte, dass die Tür einen Spalt weit geöffnet war. Ich stieß sie sachte auf, traute mich aber nicht hineinzugehen und blieb auf der Schwelle stehen. „Komm rein“, sagte der Kellner, der glaubte, dass ich eines Tages wegfliegen würde aber nicht sagte, wohin. „Wie immer?“, fragte er und sah mich dabei nicht an. „Ja“, sagte ich, „wie immer.“

Der Kellner verschwand in der Küche und während er wegblieb, fürchtete ich mich. Vielleicht, dachte ich, wurde hier jemand umgebracht oder es gab einen schrecklichen Unfall oder jemandem ist das Essen nicht bekommen, und er fiel tot um? Nach ein paar Minuten kam der Kellner mit einem Teller wieder heraus. „Lass es dir schmecken“, sagte er und lächelte. Ich aß mein Hähnchenschnitzel mit Pommes und trank ein großes Spezi. Als der Kellner abräumte, sagte er: „Irgendwann wirst du noch mal wegfliegen.“ Als ich ihm sagte, dass ich gar kein Geld bei mir habe, antwortete er: „Schon gut.“

Ich stand auf und ging, ohne noch etwas zu sagen. Draußen setzte ich mich auf eine Bank und schaute hinaus auf das Meer. Es wurde schon langsam dunkel, und es waren nicht mehr viele Menschen unterwegs. Ich stieg auf die Bank und breitete meine Arme aus, als ob sie Flügel wären. Ich hatte keine Angst mehr und keinen Hunger, und ich beschloss, dass mein Herz ewig leben sollte.

Ich bin dann doch nicht an die Nordsee gefahren, wie Mutter es vorgeschlagen hatte. Ich hätte auch gar nicht gewusst, was ich da den ganzen Tag tun soll. Für manche Dinge bin ich wahrscheinlich einfach schon zu alt.

Matthias Kalle hat Berlin verlassen und ist zurück in seine Heimatstadt Minden gezogen. Darüber berichtet er Woche für Woche. Wer ihm schreiben will: Sonntag@Tagesspiegel.de

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