Zeitung Heute : Die Erkenntnis der Besiegbarkeit

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Von Christine-Felice Röhrs,

Erfurt

Irgendwann in der Nacht haben Wolken den Himmel überzogen. Als sich morgens um acht die beiden Männer auf dem Erfurter Domplatz postieren, regnet es schon eine ganze Weile. Sie haben die Schirme tief über die Köpfe gezogen, man sieht nur die Münder, zusammengepresst zu Strichen. Sie warten. Und sie suchen etwas, wie alle, die heute zur Trauerfeier kommen werden. Vielleicht suchen sie nach einem Schlusspunkt. Trost. Oder einfach nur eine Antwort. Vor einer Woche hat ein 19-Jähriger 16 Menschen getötet und dann sich selbst.

Um elf Uhr ist die Menge auf viele Tausend angeschwollen. Sogar über 100 000 seien es gewesen, sagt die Polizei, so viele Menschen, die zur größten Trauerfeier gekommen sind, die es in Deutschland je gegeben hat. Viele waren von weither angereist, Erfurt selbst hat nur 200 000 Einwohner. Alle Schulen der Stadt hatten den Tag freigegeben. Die Besucher sind herangeströmt durch die Altstadt, über die Krämerbrücke mit den niedlichen Fachwerkhäuschen, durch die mittelalterlichen Straßen, vorbei an Dutzenden Eiscafés und pastellfarbenen Stadtpalais. Auf dem Domplatz blühen die Bäume. Erfurt ist schön, auch an einem Tag wie heute. Es ist allzu leicht zu glauben, dass das Böse nur da gedeiht, wo’s hässlich ist.

Hilflose Worte

Die Menschen sind sehr leise auf den Platz gekommen, kaum, dass sie gemurmelt haben; das Gurren der Tauben in der großen Kastanie unterhalb von Severinkirche und Mariendom ist gut zu hören. Zwischen den Gotteshäusern öffnet sich die weite Treppenflucht. Nach oben wird sie schmaler, da steht das große weiße Kreuz. Hier ist der Altar aufgebaut. Sehr nahe kommen die Wartenden aber nicht heran, denn das vordere Viertel des Platzes ist abgesperrt für die Stühle, 1500 insgesamt. 750 für die Schüler des Gutenberg-Gymnasiums, der Rest für die Angehörigen der Getöteten: der zwölf Lehrer, der Schulsekretärin, der beiden Schüler und des Polizisten Andreas Gorski. Und für die Würdenträger natürlich. Ministerpräsident Bernhard Vogel, Bundespräsident Johannes Rau, Kanzler Gerhard Schröder. Fast das gesamte Bundeskabinett ist vertreten. Den ganzen Morgen über sind kleine und große Maschinen tief über den Erfurter Domplatz hinweg geflogen. Viertel vor elf dann eine große weiße mit der Deuschlandflagge am Heck. „Aha, der Bundespräsident“, sagt ein Wartender zur Nachbarin.

Elf Uhr fünf. Zur selben Zeit vor genau einer Woche hat der Hausmeister des Gutenberg-Gymnasiums die Polizei alarmiert, weil er in seiner Schule Schüsse gehört hat. An diesem Tag setzt auf dem Domplatz die Staatskapelle Weimar mit dem zweiten Satz von Schuberts „Unvollendeter“ ein, Flöten, Celli, Geigen, klar und zart fließt die Musik, fast im Takt der Atmung, über den Platz und weit in die Gassen hinein. Sie beruhigt. Weiter vorne legen ein paar Sitzende den Kopf zurück und geben das Gesicht dem Regen preis, der sich anfangs nur in feinen Fäden auf die Haut gelegt hat, jetzt aber stärker wird. Gelbliches Licht liegt über dem Platz.

Thüringens Ministerpräsident Bernhard Vogel ist der Erste, der ans Rednerpult tritt, und seine Rede wird an diesem Tag die eindrucksvollste bleiben, mit der Predigt des evangelischen Landesbischofs Christoph Kähler. „Alle noch so gut gemeinten Worte klingen hilflos“, sagt Vogel. „Und dennoch: Wir dürfen nicht schweigen. Unser Entsetzen darf uns nicht lähmen.“ Die Tat habe „Wunden geschlagen, die niemals vollständig heilen“. Erfurt dürfe aber nicht zum Synonym für eine schreckliche Bluttat werden. Von dieser Stadt gehe „auch Hoffnung aus“. Menschlich sei es, „und hoffentlich tröstlich auszusprechen, was wir fühlen – mag es auch noch so unvollkommen klingen“. Und das erklärt vielleicht einigen Besuchern hier zum ersten Mal, was diese Feier ihnen geben kann, die eher einem Staatsakt gleicht.

Als nächster spricht Johannes Rau. Er sagt das, was viele gesagt haben in den vergangenen Tagen. Über aller Verantwortung für eine gewaltfreie Jugend, darüber, doch wieder mehr miteinander denn nebeneinander zu leben, über die Notwendigkeit, sich selbst zu kontrollieren. Er sprach über gewalttätige Videospiele und Filme, über die Verantwortung der Medien, doch „unsere eigene Selbstkontrolle ist noch wichtiger“. Und vor allem dieser eine Satz, den Rau sagt, wird im Gedächtnis bleiben. Er sagt ihn direkt zur Familie des Mörders: „Ich möchte Ihnen sagen, was immer ein Mensch getan hat, er bleibt ein Mensch.“ Irgendwo dort in der Mitte mögen die Steinhäusers sitzen. Vielleicht auch nicht, man weiß es nicht.

Sie wären nicht die Einzigen, denen diese Feier vielleicht keine Erleichterung verschafft. Ob Lutz Pockel wohl da ist, der Mathelehrer? Der vor einer Woche noch die Abiklausuren überwacht hat, als Robert Steinhäuser begann zu töten? Der seitdem zu Hause geblieben ist? Am Tag vor der Trauerfeier ist er nur widerwillig ans Telefon gegangen, am liebsten würde er mit niemandem mehr reden für eine Weile. Die Kollegen noch nicht begraben und schon diese Feier? Wo doch die Gedanken gerade erst beginnen aufzutauen, sich zu ordnen. Da gleich zuhören müssen? Sich helfen lassen müssen? Pockel hat kurz geschwiegen. Dann: „Ich hab’ ziemliche Angst, da hinzugehen. Für mich ist das etwas Fürchterliches.“

Draußen auf dem Platz stehen viele junge Leute, die vorher noch nie haben trauern müssen. Vor der Feier haben einige versucht es zu erklären: Sie haben jetzt ein neues Gefühl, aber sie können es noch nicht einmal in Worte fassen. Ihnen fallen nur Vergleiche ein: „Es fühlt sich an, als sei jetzt auch in Erfurt der 11. September.“ Oder „wie etwas sehr Heißes, das ich fallen lassen will, aber festhalten muss“. Trauer. Der Brocken ist ihnen hingeworfen worden, und in den Reden wird er ihnen wieder in den Hals gewürgt. Aber was ist das – Trauer? Jemanden zu verlieren? Aber auch etwas von sich zu verlieren, nämlich die Unbeschwertheit, und dafür eine Ahnung zu gewinnen von der Bösartigkeit des Lebens? „Auf einmal weiß ich, dass ich besiegbar bin“, sagt ein Mädchen, vielleicht 17. Und sie sieht aus, als erstaunte sie das.

„Mord beginnt im Herzen“

Glocken läuten im Wechsel. Kerzen werden angezündet. Ein Chor singt „Aus tiefer Not schrei ich zu Dir“. Erfurts Bürgermeister Manfred Ruge weint, als er bittet, für die Schweigeminute aufzustehen. Eine Frau kippt lautlos zur Seite, Sanitäter eilen durch den Regen. Menschen spannen ihre Schirme auf und versinken darunter in Gedanken. Es ist 12 Uhr 30, als der evangelische Bischof Christoph Kähler mit seiner Predigt beginnt. Vor sich hat er fünf DIN-A5-Blätter. Mehr als sechs Minuten darf Kähler nicht reden, und sie hat ihm zu schaffen gemacht, die Kürze, „mir ist das Herz so voll“, hat er am Tag vor der Feier gesagt. Auch, dass er Termine geschmissen, sich eineinhalb Tage zu Hause eingesperrt und seine Frau zum Telefondienst verdonnert hat. „Da hab ich dann an der Feder gekaut.“

Kähler ist der Einzige, der sich der Frage nach dem Warum gestellt hat, nachdem alle anderen Redner schon ihrer Einleitung vorangesetzt haben, dass man nicht verstehen kann, wie ein 19-Jähriger Schüler zum vielfachen Mörder wird. Kähler ist zu dem Schluss gekommen, in seiner Schreibstube, dass kein Mensch sich vor sich selbst schützen kann. „Mord beginnt im Herzen“, sagt er. „In unser aller Herzen. Er beginnt mit der Wut, der Enttäuschung.“ Das macht auch den Mörder zum Opfer – seiner selbst und unserer Unaufmerksamkeit. „Schauen Sie auf die Zeichensprache“, hat Christoph Kähler gebeten. Vorne links hängt ein Banner, darauf die n der 16 Toten. Aber rechts neben dem Altar, in einiger Entfernung der Kerzen für die Opfer, flackert – kommentarlos angezündet – noch ein siebzehntes Licht.

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