Zeitung Heute : Die Ernte – ins Wasser gefallen

Der Bauernverband kritisiert die Soforthilfen als viel zu niedrig

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Berlin. „Für die Kartoffeln ist es besonders schlimm.“ Als Bauernverbandspräsident Gerd Sonnleitner am Donnerstag erste Zwischenbilanz für die Schäden durch Hochwasser und Regenfälle ziehen musste, blieben ihm Detailbeschreibungen nicht erspart. Wenn Kartoffeln im Wasser stehen, sagte er, dann könne man sie nur wegwerfen. Denn sie vertragen keine Feuchte. „Man kann sich die Not der Bauern vorstellen, wenn sie vor ihrem Feld stehen.“

Doch nicht nur die Kartoffelbauern hat es schwer getroffen. Weizen und Roggen seien stark geschädigt. Vor allem, weil die Bauern wegen der Flut noch tagelang nicht ernten könnten. Aber auch , wenn das Getreide auf den Hof gebracht ist, muss es aufwändig getrocknet werden. Und auch dann wird es zum Brot backen gar nicht mehr taugen. In weiten Teilen Ostdeutschlands würden auf Getreidefeldern in diesem Jahr allenfalls Früchte zur Herstellung von Futtermitteln wachsen.

„Die Situation für die Bauern ist katastrophal“, sagte Sonnleitner. Gleiches gelte für Gemüse und Obst. Natürlich sei daran nicht nur das Hochwasser schuld. Denn auch die späten Fröste im Frühjahr hätten zu den Ernteeinbußen, die jetzt sichtbar werden, beigetragen. „Aber das, was wir jetzt sehen, ist an Dramatik nicht zu überbieten“.

Während Handwerksverbände und Ministerien noch Krisenstäbe bilden und Notfallpläne erdenken, haben die Bauernverbände in den vom Wasser bedrohten Regionen offenbar schon flächendeckend den Schaden hochgerechnet. „Wir können sehr präzise Aussagen treffen“, sagte der Verbandspräsident. Allein 1,5 Milliarden Euro betrage der Verlust der Bauern in diesem Jahr. Gewiss, ein Drittel davon, gibt Sonnleitner zu, beruhe auf dem Preisrückgang für Getreide im Vergleich zum Vorjahr und könne deshalb dem Hochwasser nicht unmittelbar zugeordnet werden. Doch eine Milliarde Euro bleibe dennoch „allein an den Familien der Bauern hängen“. Dazu rechnet Sonnleitner noch eine weitere Milliarde Euro. In diesem Umfang seien den Bauern Schäden an Gebäuden und Produktionsmitteln entstanden. Und auch die Ernteeinbußen bei Obst und Gemüse fielen darunter.

Dass die Landwirtschaftliche Rentenbank 100 Millionen Euro zinsverbilligte Kredite in Aussicht gestellt hat und aus dem Haushalt von Landwirtschaftsministerin Renate Künast zehn Millionen Euro Soforthilfe an notleidende Bauern gezahlt werden sollen, sei „viel zu wenig“, sagte Sonnleitner. Der Bundeshaushalt habe aus dem Agrarfonds der Europäischen Union seit Jahren „mehrere Milliarden“ Euro Rückzahlungen erhalten. Wenn jetzt die deutschen Bauern in eine derart prekäre Lage geraten seien, „dann muss die Bundesregierung viel mehr Geld zur Verfügung stellen“. Zehn Millionen Euro Hilfe: „Da sind alle Relationen verschoben“, schimpfte der Bauernpräsident.

Entwarnung gab er für die Verbraucher. Weil die Interventionslager der Europäischen Union voll und die Ernten bei den europäischen Nachbarn in diesem Jahr blendend gewesen seinen, „wird es keine Engpässe geben“. Und auch mit starken Preiserhöhungen sei in den kommenden Monaten nicht zu rechnen. Antje Sirleschtov

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