Zeitung Heute : Die Ersten werden die Zweiten sein

„Heute geht alles Geld in den Busch“, sagt ein Student in Kapstadt zehn Jahre nach dem Ende der Apartheid. „Für uns Weiße gibt es keine Zukunft.“ Viele der früheren Privilegierten wollen deshalb auswandern. Nur eins, sagen sie, ist jetzt besser: Wir schämen uns nicht mehr, Südafrikaner zu sein.

Wolfgang Drechsler[Kapstadt]

Von Wolfgang Drechsler,

Kapstadt

Eines weiß Jaco du Plessis ganz genau: Wäre er zu einer anderen Zeit hierher gekommen, ständen die Chancen besser. Der Medizinstudent sitzt in der Cafeteria auf dem Campus der Universität Kapstadt und nippt an einer Cola. Als sein Vater vor 30 Jahren hier oben, in den alten, efeubewachsenen Bauten am Ostabhang des Tafelbergs studierte, war die Zukunft für junge, ehrgeizige Weiße noch so offen wie der weite Himmel Afrikas. Seit der politischen Wende vor zehn Jahren und dem Machtantritt einer von Schwarzen geführten Regierung hat sich für sie einiges geändert.

Jaco spricht voller Nostalgie vom alten Südafrika, das Pioniere wie den Herzchirurgen Christiaan Barnard hervorgebracht hat. Südafrika, sagt er, war kein Land der Dritten, sondern der Ersten Welt. Für Spitzenforschung ist jetzt kaum noch Geld da. Das gehe nun in den Busch, in die entlegenen und rückständigen Gebiete. „Eigentlich“, räumt er ein, „ist das ja ganz richtig. Aber für mich sehe ich hier keine Zukunft. Meine hohe Qualifikation ist nicht mehr gefragt.“

Massenflucht

Ähnlich erging es seinem Freund Jason, der letztes Jahr nach Australien emigrierte. Nach Abschluss eines sechsjährigen Medizinstudiums und der beiden praktischen Jahre wurde ihm in Südafrika die Spezialisierung verwehrt. „Jason wäre gerne geblieben. Aber er wollte hier nicht ein Leben lang als Allgemeinmediziner arbeiten“, erzählt Jaco. „Fast alle weißen Kollegen, mit denen wir studiert haben, sind heute im Ausland.“ Australien hat Jason mit offenen Armen empfangen. Zum Jahresende wird er Chef der Unfallstation am Krankenhaus in Perth. Das Hospital hat alles getan, ihm und seiner Frau die notwendigen Papiere zu beschaffen. „Hier können wir von solcher Fürsorge nur träumen“, sagt Jaco.

Früher war das völlig anders. Bis 1994, bis zum Ende der Apartheid, wanderten viele Weiße nach Südafrika ein. Wer kommen wollte, wurde gerne genommen. Jetzt geht der Treck in die andere Richtung: Spitzenkräfte vom Kap gehen nun nach Australien und Neuseeland, nach Großbritannien, in die USA oder nach Kanada, ohne dass sie von Zuzüglern ersetzt würden. Zahlen des Statistischen Amtes belegen, dass allein in den ersten zehn Monaten des vergangenen Jahres fast 14000 Südafrikaner ausgewandert sind. „Bei fast 45 Millionen Südafrikanern ist das keine extrem hohe Zahl. Nur: Fast alle waren ,wirtschaftlich aktiv’ – Zahnärzte, Maschinenbauer, Techniker und Manager, also Fachkräfte, die das Land gerade jetzt dringend braucht“, sagt John Kane-Berman vom Institute of Race Relations in Johannesburg.

Jaco ist ein Beispiel dafür, dass die Gründe für die fortgesetzte Abwanderung heute zumeist andere als noch vor zehn Jahren sind. Als sich Südafrika damals vom Rassenstaat zur Demokratie wandelte, gingen viele Weiße, weil die Kaprepublik nicht mehr das Land war, das sie von früher kannten. Einige gehörten zu jenen Unverbesserlichen, die von der ewigen Vorherrschaft der Weißen träumten. Wieder andere waren überzeugt, dass Südafrika nun wie weite Teile des Schwarzen Kontinents zuvor in wirtschaftlichem und sozialem Chaos versinken würde. Heute gehen die meisten nicht, weil sie Rassisten oder Pessimisten wären. Im Gegenteil, viele würdigen die Leistungen der Regierung im letzten Jahrzehnt: fließendes Wasser für Millionen Haushalte, ein ausgeglichener Staatshaushalt und fast 1,5 Millionen neue Häuser. Zugleich hat Südafrika aber auch die weltweit höchste Aids-Infektionsrate und ein staatliches Schul- und Gesundheitswesen, das auf immer wackligeren Beinen steht. Und die Arbeitslosenquote liegt bei 40 Prozent.

Dass viele qualifizierte Weiße auswandern, hat jedoch zwei Hauptgründe: zum einen die anhaltend hohe Kriminalität, zum anderen die Sorge um die Zukunft ihrer Kinder. Nachdem die Apartheid schwarze Südafrikaner 45 Jahre unterdrückt hat, ist für den regierenden ANC nun die Zeit der Wiedergutmachung angebrochen. Präsident Thabo Mbeki weiß, dass die Zukunft des neuen Südafrika zum Gutteil auf wirtschaftlichem Gebiet entschieden wird. Aus diesem Grund wird den Schwarzen jetzt auch ökonomisch der Rücken gestärkt. Die Losung heißt Black Economic Empowerment (BEE). Unter dem Druck der Regierung sind derzeit fast alle südafrikanischen Unternehmen bemüht, Schwarze im Rekordtempo in die Einheitsfront weißer Manager einzugliedern und an ihren Konzernen zu beteiligen. „Heute gibt es Apartheid mit umgekehrten Vorzeichen“, klagt Jaco und redet sich dabei in Rage. „Früher waren die guten Jobs für Weiße reserviert, jetzt sind sie den Schwarzen vorbehalten, und das ganze heißt dann beschönigend ,affirmative action’ oder ,BEE’. Wenn ich noch einmal geboren werden könnte, dann bitte als schwarze Frau. Denn die haben heute alle Vorteile.“

Nicht jeder Weiße denkt so defätistisch. Für eine ganze Reihe, vor allem für junge Buren, die längst nicht mehr wie ihre Eltern auf eine Anstellung im Staatsdienst hoffen, haben sich neue Türen geöffnet. Einer von ihnen ist Chris Serfontein, der lange die Coca- Cola-Fabrik im ugandischen Kampala leitete. Vor zehn Jahren hätte ihm die schwarze Regierung dort als weißen Südafrikaner kaum ins Land gelassen. Jetzt hat er bei einem Weltkonzern wertvolle Managementerfahrung gesammelt. „Ich habe dort Sachen gelernt, die ich in Südafrika unter der Apartheid nie gelernt hätte“ sagt er. „Wenn ich heute nach Südafrika komme, sind die meisten Weißen dort ziemlich negativ. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir es hier am Ende doch schaffen, einen erfolgreichen Staat zu bauen.“

Andere Weiße räumen zumindest ein, von den Freiheiten der neuen Ordnung profitiert zu haben und sich nun weniger schuldig als in den Tagen der Apartheid zu fühlen. „Ich habe mich unter dem alten System oft dafür geschämt, ein weißer Südafrikaner zu sein und mich bei Auslandsreisen oft als Engländer ausgeben“, sagt der Geschäftsmann Colin Douglas. „Es ist ungleich besser, von der Welt akzeptiert zu werden.“

Rückzug ins Private

Dennoch ist Südafrika noch lange nicht die Regenbogennation, die Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu oder manche Reiseführer gerne beschwören: Hier verbrüdern sich die Rassen nicht, die Hierarchie der Rassen, das Übereinander, ist lediglich vom Nebeneinander abgelöst worden. Symptomatisch dafür ist die Nationalhymne: Sie entstand, indem der Choral des schwarzen Befreiungskampfes, „Nkosi Sikelel’i Afrika“ (Gott segne Afrika), und die burische „Stem“ (Die Stimme), die Hymne des Apartheidstaates, einfach aneinander gehängt wurden. Aber auch im Alltag wird dieses Nebeneinander sichtbar: Wenn in Kapstadt die Menschen am Wochenende zum Sport gehen, dann zu verschiedenen Orten. Die Weißen ziehen nach Newlands zum Rugby oder Cricket, die Schwarzen nach Athlone zum Fußball.

Wer nicht auswandern will oder kann, wählt nicht selten den Rückzug ins Private: Die betuchteren Weißen wohnen heute oft hinter hohen Mauern in einem der lauschigen Vororte von Kapstadt, Johannesburg oder Pretoria. Manche aber sind auch zu Aussteigern geworden, die fernab in der Halbwüste der Karoo oder in entlegenen Künstlerkommunen leben. „Viele Weiße haben sich mit ihrem Geld künstliche Welten geschaffen“, sagt Eddie Webster, Soziologieprofessor an der Uni Witwatersrand. „Sie leben in einer der Realität entrückten Welt – bestärkt von der vermeintlichen Gewissheit, im eigenen Land nun Bürger zweiter Klasse zu sein.“

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