Zeitung Heute : Die erzwungene Heimkehr

Er scheiterte am Zaun von Melilla. Und nun?

Karin Finkenzeller[Dakar]

Malaria? Ach was. Der junge Mann zittert, trotz der 30 Grad, die in Senegal auch im November herrschen, trotz seines dicken Pullovers. „Nur eine Erkältung. Das geht vorbei“, sagt er.

Karim Diouf hat kein Geld für den Arzt. Was er hatte, ist weg. Er brauchte es für seine Reise nach Europa, das ein paar tausend Kilometer weiter im Norden beginnt, hinter den Stacheldrahtzäunen der spanischen Exklave Melilla in Marokko.

Hunderte haben es in diesem Herbst über die bis zu sechs Meter hohen Grenzanlagen geschafft. Auch der Freund, mit dem sich Diouf vor mehr als einem Jahr auf den Weg gemacht hat – zu Fuß.

„Mein Freund ist jetzt auf dem spanischen Festland. In Almeria“, sagt Diouf. Doch für ihn kam es anders. Der 33-Jährige ist klein und schmächtig. „Ich habe dreimal versucht, den Zaun zu überwinden, aber ich hatte nicht genug Kraft.“ Die Daten seines versuchten Ausbruchs aus Afrika hat Diouf noch im Kopf: „Das war am 21., am 25. und am 28. Oktober.“ Beim ersten Mal konnte er in den Wald flüchten, beim zweiten Mal wurde er von marokkanischen Militärs geschnappt, die auf Druck der EU die Wälder an der Grenze nach den Verstecken der Afrikaner absuchten. Diouf konnte zwar noch einmal fliehen, aber beim dritten Mal steckten sie ihn für eine Woche ins Gefängnis, bevor sie ihn, wie 1206 Landsleute, mit dem Flugzeug zurück nach Senegal brachten.

Nun ist Karim also wieder in Pikine, einer jener lärmenden, wuchernden Vororte der senegalesischen Hauptstadt Dakar, wo die Luft von ungefilterten Autoabgasen bläulich schimmert. Es riecht nach Blei, Abwässern und den Exkrementen der Ziegen, mit denen sich die Menschen die Gassen zwischen ihren Hütten teilen.

Wie es jetzt weitergehen soll, weiß Karim Diouf, Ältester von acht Geschwistern, nicht. Die Familie kann ihm nicht helfen. „Gott wollte nicht, dass ich mein Ziel erreiche.“

Als er damals, 2004, über Mali, Algerien und Marokko Richtung Melilla aufbrach, wollte Karim zwei, drei Jahre in Europa bleiben. Er wollte Geld verdienen, um sich damit in Senegal eine Existenz aufzubauen. In Dakar reichte sein Verdienst nicht für das Nötigste. Sein Plan, eine geregelte Arbeit zu finden und nebenher das Abitur nachzuholen, ging nicht auf. Diouf gehörte zu den 54 Prozent Senegalesen, die unterhalb der Armutsgrenze leben.

Wie tausende andere junge Männer verdingte er sich als so genannter Baol-Baol. Mit diesem Wort werden jene Heerscharen von fliegenden Händlern bezeichnet, die in den von Autos verstopften Straßen Dakars pilgern, den Fahrern Telefonkarten anbieten und T-Shirts, Kleiderbügel, Wäscheständer, Kinderspielzeug, Raubkopien von CDs. „An einem guten Tag verdiente ich 2000 senegalesische Francs“, erzählt Diouf. Das sind rund drei Euro. Oft verkauft er gar nichts. „Das ist kein Leben“, sagt er. Zumal für die einflussreiche muslimische Mouriden-Bewegung, der auch er angehört, Arbeit zu den wichtigsten Geboten gehört. Karim stand unter dem Druck, seinen Wert für die Gesellschaft zu beweisen. Seine erzwungene Rückkehr ist in jeder Hinsicht eine Niederlage. Jetzt ist er wieder Baol-Baol, genau wie vor seinem Aufbruch. Für ein paar Wochen hat er Unterschlupf bei der Familie eines Cousins in Pikine gefunden. „Aber lange kann ich dort nicht bleiben. Es ist kein Platz.“

Vielleicht wird Diouf im nächsten Jahr auf einem Bauernhof arbeiten. Das ist der Plan, den sich Senegals Präsident Wade für die repatriierten Emigranten ausgedacht hat. Sie sollen nach der Regenzeit 2006 auf zehn erst noch zu gründenden Landwirtschaftsbetrieben eingesetzt werden. Wovon die Rückkehrer bis dahin leben sollen, ist ungewiss. Ob Diouf lieber noch einmal den Weg nach Europa wagt? „Nein, die haben uns behandelt wie Kriminelle. Ich habe zu viel Geld verloren.“ Ob er es insgeheim nicht doch noch einmal wagen will? Seinen wahren Namen will er jedenfalls nicht nennen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben