Zeitung Heute : Die EU, US-amerikanische Kongressabgeordnete und Internet-Nutzer erheben Vorwürfe gegen den US-Geheimdienst

Markus Ehrenberg

Die Schnüffel-Anlage "Echelon" wurde lange Zeit verleugnet. Dabei wird seit Jahren mit Funkstationen und Spionagesatelliten elektronische Kommunikation nach Schlagworten durchforstetMarkus Ehrenberg

Das wäre eine gute Kulisse für James Bond: Eine abgesperrte Zone, die aussieht wie ein überlebensgroßes Champignonfeld. Eine Steuerzentrale für Spionagesatelliten, die E-Mails, Faxe und Telefonate abhören kann. Wirtschaftsdaten, aber auch ganz normale E-Mails, in denen Wörter wie Gaddafi, Kampf oder Greenpeace vorkommen. Dahinter steckt der US-Geheimdienst National Security Agency. Die NSA betreibt Echelon, ein globales System von Funkstationen und Spionagesatelliten, das alle Arten von Funkwellen auffängt und nach brauchbaren, verdächtigen Informationen hin durchforstet. Erst vor kurzem wurde bestätigt, dass es Echelon wirklich gibt. Eine Abhöranlage steht im oberbayrischen Kurort Bad Aibling. Vielleicht nicht mehr lange, denn Echelon steht unter Beschuss.

Der amerikanische Kongressabgeordnete Bob Barr veranlasste den US-Kongress dazu, von der NSA und dem CIA einen Bericht über die gesetzlichen Grundlagen ihrer Lauschtätigkeit zu fordern. Echelon hört auch US-Bürger ab, was dem Auslandsgeheimdienst nicht gestattet ist. Das Electronic Privacy Information Center (EPIC) will die NSA sogar durch eine Klage zwingen, interne Dokumente zu veröffentlichen, die die Existenz des geheimen Abhörprojekts beweisen sollen.

Die Internet-Gemeinde in Deutschland reagierte erst in den vergangenen Wochen auf die Abhöranlage. Ende Oktober gab es den ersten "Ärgere-die-NSA-Tag". Massenweise wurden E-Mails versandt mit Reizwörtern wie "bin Laden", "Bomb" oder "Gaddafi", aber auch mit Harmloserem wie "Amnesty International" oder "Greenpeace". Die Resonanz war jedoch nicht so groß, wie sich das die Internet-Gemeinde vorgestellt hat.

Jetzt sind die Politiker gefragt. Echelon ist ein Relikt des Kalten Krieges. Damals belauschte Echelon angeblich die Sowjetunion. Journalisten fanden heraus, dass die Parabolantennen der Station in Bad Aibling nicht nach Osten, sondern nach Westen zeigen. Vermutetes Ziel: Wirtschaftsspionage, vor allem für US-Firmen. Abhören, Mitschneiden und Speichern von Telefon, Fax und E-Mail. Rund zwei Millionen Nachrichten in der Stunde, schätzt der ehemalige NSA-Direktor William Studeman. Ein Wörterbuch sucht die abgehörten Daten nach bestimmten Stichwörtern durch. Da reichen eine Telefonnummer, ein Name oder eine Adresse, damit die Nachricht als bedenklich gilt. Eine Windenergie-Firma aus dem ostfriesischen Aurich soll angeblich 100 Millionen Mark verloren haben, weil eine amerikanische Firma per Lauschangriff ihr Patent geklaut hat.

Was ist mit der Sicherheit der privaten E-Mails? Wer hört mit beim Telefonat mit der Großmutter? Argwöhnisch werden User meistens erst, wenn es um die Herausgabe von persönlichen Daten oder der Kreditkartennummer beim E-Commerce geht. Privatbriefe werden fröhlich rausgeschickt. Wer soll da schon mitlesen? Und mit Verschlüsselungsprogrammen können Botschaften im Internet vor unberechtigtem Zugriff geschützt werden.

Aber so einfach ist das nicht. In den Export-Versionen von Microsoft und Netscape-Browsern sollen vom 128 Bit langen Schlüssel nur 40 Bit wirksam sein, fand die STOA (Scientific and Technological Options Assessment) heraus, ein Gremium des Europäischen Parlaments, das auf die Gefahren der Informationstechnik hinweist (Bericht im Internet unter http://cryptome.org/stoa-r3-5.htm).

Die restlichen 88 Bit stecken im verschlüsselten Text und können trotz Codierung relativ leicht von Hochleistungsrechnern gelesen werden - vom US-Geheimdienst, der weiß, wo sich die versteckten 88 Bit befinden. US-Nachrichtendienste sollen sogar Einfluss auf die Hersteller von Software genommen haben, damit Verschlüsselungsprogramme ihre "Arbeit" nicht erschweren. Verwirrung stiftete auch der im Februar eingeführte Pentium-III-Mikroprozessor von Intel. Dessen unverwechselbare Seriennummer PSN ermöglicht es, E-Mail-Absender eindeutig zu identifizieren. Die PSN ist zwar von Intel deaktiviert wurden und "kann nur vom PC-Nutzer aktiviert werden", wie Intel-Sprecherin Marlo Thompson dem Tagesspiegel sagte - was aber, wenn das intelligente Abhörsysteme wie Echelon auch können?

Die EU-Kommission soll einen Verkaufsstopp von Pentium-III-Rechnern in Erwägung ziehen. Dabei wies der damalige EU-Kommissar Martin Bangemann im vergangegen Jahr so ein Szenario noch zurück: Man wisse offiziell nichts über Abhörsysteme à la Echelon. Dann bestätigte der Direktor des australischen Geheimdienstes deren Existenz. Australien finanziert das System (genauso wie die USA, Großbritannien, Kanada und Neuseeland) und war angeblich verärgert über ungenügende Abhörprotokolle.

Eine Warnung der EU-Kommission, Klagen gegen den US-Geheimdienst, heikle Mikroprozessoren, unsichere E-Mails, manche sprechen schon vom Informationskrieg durch Echelon - nicht die günstigsten Voraussetzungen für vertrauenswürdige Kommunikation im World Wide Web. Vielleicht hilft ein weiterer "Ärgere-die-NSA"-Tag. Oder James Bond muss wirklich eingreifen.

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