Zeitung Heute : Die europäischen Brasilianer

Marcel Reif blickt täglich auf die Spiele voraus

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Doch, ich habe einen Favoriten auf den Titelgewinn. Der spielt heute, gegen die Mannschaft der Elfenbeinküste und er heißt: Argentinien. Ich traue den Argentiniern eine Menge zu. Warum? Darum: Drei Mal schon ist Argentinien Junioren-Weltmeister geworden. Mit dem gleichen Trainer, nämlich José Pekerman, mit den gleichen Spielern. Trainer und Spieler wissen voneinander. Die wissen, was der Trainer will. Er weiß, was die Spieler wollen und wie sie laufen. So eingeschworen war selten eine Mannschaft.

Bisher war es bei den Argentiniern meistens so: Sie wurden vorab hoch gelobt, und am Ende standen die argentinischen Väter wie die holländischen Väter an der Grenze, hielten ihre Söhne hoch und sagten: „Schau, da drüben wohnt der Weltmeister.“ Für die Argentinier ist drüben nicht Deutschland, für die Argentinier wohnen drüben die Gelben. Meist wähnten sich die Argentinier fußballerisch mit den Brasilianern auf einer Ebene, aber die gewannen.

Und nun? Da bin ich mir nicht sicher. Sie brauchen keinen Messi dafür, den Burschen von 18 Jahren. Die Zeiten, in denen außergewöhnliche Jünglinge, Pele, Maradona, eine ganze Weltmeisterschaft aufmischten, die sind vorbei. Sie haben wunderbare Fußballer, die Argentinier, sie haben die nötige Disziplin, sie haben Technik, sie haben Stabilität Doch, doch, sie haben das Zeug zu ganz großen Taten. Riquelme zum Beispiel, der weiß, was er verbockt hat bei seinem Elfmeter gegen Arsenal London und Jens Lehmann, der will etwas zeigen. Und die alte Mär, dass Südamerikaner nur in Südamerika gewinnen können? Man sollte darauf nicht bauen. Auch die Argentinier spielen in der zweiten Generation mehrheitlich in Europa. Die erleiden weder Kultur- noch Klimaschock mehr, die schockieren allenfalls ihre Gegner. Mit ihrer Spielstärke.

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