Zeitung Heute : Die ewige Tochter

Sie war immer Monika Hohlmeier – aber nicht nur

Mirko Weber[München]

Ist das nicht erst gestern gewesen, dass sie sich anstrahlten, wie der stolze Ersatzvater, der alles richtig gemacht hat bei der Erziehung, und die gute Tochter, die weiterhin alles recht machen will, und dass dann die Tochter auf die Bühne ging, um dem „lieben Edmund“ noch einmal eine Schleife an jenen Kranz zu stecken, den sie ihm vorher eigenhändig gewunden hatte? Grad, dass sie sich nicht um den Hals fielen. Und dann spielte Peter Kraus, Edmund Stoiber fühlte sich an seine Jugend erinnert, und Monika Hohlmeier wirkte so glücklich wie selten zuvor.

Die Szene ist anderthalb Jahre her, als Edmund Stoiber in der Münchner Olympiahalle den letzten Anlauf nahm zu einem von ihm selber kaum erwarteten 60-Prozent-Sieg bei den Landtagswahlen in Bayern. Fragte man damals an der Basis, wer ihn, wann auch immer, einmal politisch beerben würde, fiel eigentlich immer nur ein Name. Die Hohlmeierin. Die Tochter vom Franz Josef. „Unsere Moni“.

Freitagnachmittag, 15 Uhr, rauscht Monika Hohlmeier in den Pressekonferenzraum des Kultusministeriums, und sie ist ganz allein. Mit bleichen Lippen, aber aufrecht, als habe sie ein Lineal verschluckt, steht sie da, und ihre Stimme zittert erst zum Schluss hin, als sie sagt, dass sie keine Fragen beantworten werde. Sie habe mehrmals telefoniert mit dem Ministerpräsidenten, mittags sei sie bei ihm gewesen. Sie wollte entlassen werden, sagt Hohlmeier. Das insinuiert: Wäre sie sonst entlassen worden?

Das Verhältnis zwischen Hohlmeier und Stoiber ist immer schon so speziell wie prekär gewesen, und wenn man so will, ist sie politisch jetzt gar nicht an sich selbst gescheitert, sondern hauptsächlich daran, dass sie nie wirklich sie selber war. Politisch. Menschlich wohl auch.

Vordergründig hat jetzt als Anlass für den Rücktritt gereicht, dass der vormals eher als windiger Bursche aufgefallene 24-jährige Maximilian Junker dem so genannten Hohlmeier-Untersuchungsausschuss im bayerischen Landtag Details von einem Telefongespräch erzählte, bei dem es um Wahlschiebungen auf der Bezirksebene der Münchner CSU gegangen ist. Junker hat das Gespräch bei einem Parteifreund zwar nur anfangs mitbekommen, sich aber dann darin gefallen, die am anderen Ende redende und damals noch nicht amtierende Bezirkschefin Hohlmeier durchweg als „Regisseurin“ der ganzen Aktion zu stigmatisieren.

Waren die Straußens nicht alle immer Regisseure der Macht gewesen? Ob der Vater Franz Josef, der als begnadeter Strippenzieher galt, oder der Bruder Max, der zwar in Augsburg verurteilt worden ist wegen Waffenhandel, jedoch nach wie vor auf freiem Fuß einhergeht und das Verfahren neu aufgerollt haben will. Monika Hohlmeier da einzureihen, ist ein verführerischer Gedanke. Doch trägt er nicht allzu weit.

Tatsächlich nämlich ist Hohlmeier Zeit ihres politischen Lebens nie jene treibende Kraft gewesen, die große Teile der Öffentlichkeit in ihr haben sehen wollen. Vielmehr diktierte das Schicksal einiges mit, später der Ehrgeiz, dann Hochmut, Verblendung, Blindheit. Nicht von ungefähr jedoch hatte sich die Gymnasiastin Monika Strauß eigentlich für einen im weitesten Sinne dienenden Beruf entschieden: Die 1962 Geborene wollte ins Hotelfach. Dann aber starb die Mutter Marianne 1984 bei einem Verkehrsunfall. Aus der Moni wurde die Landesmutter, ersatzhalber. Die Mutter von zwei Kindern zeigte allerdings auch, dass nicht alles auf die alte Familienrechnung ging. Hohlmeier wollte sie nach ihrer Heirat schon heißen, nicht Strauß.

Sie geht nun, um, wie sie sagt, „Schaden von der Bildungspolitik“ abzuwenden, Schaden auch von der Partei, in der es zuletzt in München so rumort hat, dass nur noch von „Abgründen“ die Rede war, von „Lüge und Verrat“.

Wann das angefangen hat? Eigentlich immer schon. Eine Zeit lang konnte Hohlmeier damit leben, immer wieder angesprochen zu werden auf die zahlreichen Affären ihres Vaters, die niemals richtig aufgeklärt worden sind. Eine Zeit lang hat sie selber probiert, wie weit man gehen kann, als sie beispielsweise ihren Bruder Franz Georg für ihr Ministerium arbeiten ließ. Noch im letzten Jahr wurde ihr Ehemann bei einer Bebauung, die in der Verantwortung ihres Ministeriums lag, offenbar bevorteilt. Es focht sie nicht an.

Der Anfang vom Ende der Politikerin Monika Hohlmeier lässt sich ziemlich genau auf jenen Tag datieren, als Edmund Stoiber sie dazu ausersehen hatte, die verfilzte und miteinander auf ziemlich einmalige Weise zerstrittene Münchner CSU zu sanieren. Hohlmeier, die ewige Tochter, saß sofort im Dreck, schließlich hatte sie sich auch mit dem zweifelhaften Erbe und Personalentscheidungen zu beschäftigen. Es war nicht ihre Welt. Sie begann, um sich zu werfen. Erst mit Worten, dann mit Schmutz. Für Dossiers über Parteifreunde und die Drohung „über jeden von euch steht da was drin“ entschuldigte sie sich. Nachdem Stoiber sie dazu zwang.

Bis zur totalen körperlichen Erschöpfung – ein Zusammenbruch und Klinikaufenthalt wurde weitgehend geheim gehalten – schuftete Monika Hohlmeier sich hauptsächlich an der Gymnasialreform G8 ab. G8 war Stoibers Diktat. Die Beziehung danach – vereist.

Monika Hohlmeier wird nicht mehr zurückkommen. Dass sie gehe, sagt sie, sei ihre „freiwillige Entscheidung“. Wo aber ein Wille ist, ist nicht immer ein Weg.

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