Zeitung Heute : Die Fabrik der lebenden Leichen

1500 Stunden arbeiten die Präparatoren im Schnitt an jedem „Plastinat“. Und dann sehen die toten Körper aus, als wären sie unsterblich. Darunter sollen auch Opfer von Hinrichtungen gewesen sein. Ausstellungsmacher von Hagens wehrt sich. Ein Besuch in seiner chinesischen Firma.

Harald Maass[Dalian]

Nur das Summen der Kühlschränke ist zu hören. In der Halle ist es still wie in einer Computerfabrik. Einige Dutzend Menschen in hellblauen Kitteln beugen sich über Chromtische, vertieft in ihre Arbeit. Durch die hohen Fenster scheint die Vormittagssonne. An den Wänden mahnen Plakate zur Sicherheit am Arbeitsplatz. Auf den ersten Blick könnte man annehmen, hier würden Computerchips oder Handys hergestellt. Doch beim näheren Hinsehen wird deutlich, dass es um etwas anderes geht: um menschliche Leichen. Zwischen Plastikfolien schauen Haare, Beine, Hände und Bauchdecken hindurch, an einigen Stellen ist das gelbliche Fleisch bereits aufgerissen. Mit kleinen Messern in den Händen schaben die Arbeiter Haut und Fett von den Knochen.

Die „Von Hagens Plastination Company“ ist ein unscheinbarer Bau im Industrieviertel der nordchinesischen Stadt Dalian. Am Tor stehen zwei Firmenbusse. Der braune Klinkerbau unterscheidet sich kaum von den japanischen und europäischen Computerfirmen in diesem Gewerbegebiet. Doch „Plastination City“, wie die rund 200 Mitarbeiter die Firma nennen, steht jetzt im Mittelpunkt eines Skandals. Seit 1999 werden hier in Dalian die ebenso bewunderten wie umstrittenen Toten-Figuren des deutschen Ausstellungsmachers Gunther von Hagens gefertigt. Bisher fand die Arbeit hier hinter verschlossenen Toren statt, ohne dass sich jemand darum gekümmert hätte. Seit einem Bericht des „Spiegel“ vom vergangenen Monat über die Hintergründe der Leichengeschäfte von Hagens’ ist der Ausstellungsmacher jedoch unter Druck. Der Vorwurf: In der Fabrik in Dalian werden auch die Leichen von hingerichteten Chinesen verarbeitet.

Das Geschäftsgeheimnis

„Der Fuß hier muss feuchter gehalten werden“, erklärt von Hagens einem chinesischen Angestellten, der gerade an einem Unterarm arbeitet. Von Hagens, der im Januar 59 geworden ist, trägt seinen typischen schwarzen Hut, beige Hosen und Lederpantoffeln. Als er an diesem Morgen einige Journalisten und Kamerateams durch die Fabrikhallen führt, wirkt er eher wie ein Lehrer als wie ein Unternehmer. Stets an seiner Seite ist Christina Bannuscher, die Geschäftsführerin in Dalian. Die große, blond gelockte Frau, die einen Pelzkragen und ein Perlenarmband trägt, würde eher in eine Berliner Szenekneipe passen als in eine Leichenfabrik.

Das Geschäftsgeheimnis der „Plastination Company“ ist vor allem Handarbeit. Rund die Hälfte der 200 Mitarbeiter in der Fabrik arbeiten in der Präparation. Junge Männer und Frauen schaben Fett aus den Muskelfasern, ziehen Millimeter für Millimeter Hautfetzen vom Fleisch. Acht Stunden, fünf Tage die Woche arbeiten sie an den Körpern, die zur besseren Haltbarkeit in feuchte Tücher und Plastikfolien eingewickelt sind. „Unser Ziel ist nicht die Massenproduktion“, sagt von Hagens, während er zwischen den Seziertischen umhergeht. 1500 Arbeitsstunden benötigen die Angestellten im Durchschnitt für einen Körper. Für den Unternehmer von Hagens, der mit seinen Leichenpräparaten einen weltweiten Handel betreibt, ist China als Billiglohnland attraktiv.

„Die Arbeit und der Verdienst sind gut“, sagt Jiang Yunting. 1500 Yuan verdient der 25-Jährige als Präparator im Monat – etwa 150 Euro. Leitende Angestellte erhalten bis zu 6000 Yuan. Jiang ist seit einem halben Jahr in der Firma. An die Arbeit mit den Toten hat er sich mittlerweile gewöhnt. „Nur einige meiner Freunde finden meinen Beruf merkwürdig“, sagt er. Allerdings haben die Toten hier in von Hagens Fabrik kaum noch etwas Menschliches: Die Gesichter sind ebenso wie die Körperteile, an denen nicht gearbeitet wird, bedeckt. Jiang Yunting ist gerade mit dem Präparieren eines Unterschenkels beschäftigt. Stammt der von einem chinesischen oder von einem ausländischen Verstorbenen? Jiang blickt auf das Bein: „Das kann man nicht mehr erkennen.“

Technische Revolution

1977 entwickelte Gunther von Hagens erstmals eine neue Technik, um Leichen zu konservieren. Selbst Kritiker bezweifeln nicht, dass von Hagens Verfahren der „flexiblen Plastination“ eine technische Revolution ist: Der tote Körper wird zunächst von Fett und Bindegewebe befreit und danach bei minus 20 Grad in ein Aceton-Bad getaucht. Die ätzende Säure entfernt das restliche Fett. Durch ein Unterdruck-Verfahren wird die Leiche anschließend mit Silikonkautschuk durchtränkt. Auf diese Weise wird das Gewebe biegsam, und kann nun bei der so genannten „Positionierung“ mit Fäden, Spannrahmen und Gewichten in beliebige Haltungen gebracht werden. In Trockenkammern unter besonderer Lichtbestrahlung werden die Leichen schließlich so weit gehärtet, dass sie praktisch ewig haltbar sein sollen.

In der „Positionierung“, einer großen Halle, die wie ein Atelier aussieht, arbeiten Angestellte an von Hagens’ künftigen Kunstwerken: Dutzende Körper werden hier mit Schnüren und Klammern in die gewünschte Stellung gebracht. In einer der Installationen dreht sich zum Beispiel ein tanzendes Paar zu einer imaginären Musik. In einer anderen ist ein Junge wie eine geschälte Zwiebel in verschiedenen Schichten zu sehen. Ganz außen die Kleidung, dann kommt Hautschicht, dann kommen Muskeln und Bindegewebe, und schließlich das Skelett – jede einzelne Schicht und jedes Organ ist plastiniert.

Das Arrangement der Präparate sei seine wichtigste Aufgabe, sagt von Hagens. Eine Stunde am Tag verbringt er hier in der Halle, korrigiert immer wieder einzelne Positionen, lässt Ausrichtungsbänder kürzen oder Klammern versetzen. „Ich bin der Oberpositionierer“, sagt er. Wochenlang beschäftigt er sich mit Bewegungsstudien. Für seine berühmte Fußballinstallation habe er fünf Fußballbücher studiert. Bei der Choreografie seiner Tänzer habe er auf eigene Erfahrung aufgebaut: „Ich habe fünf Jahre Turnier getanzt.“

Von Hagens sieht sich als Visionär. Im Gegensatz zu der klassischen Anatomie, die den Menschen immer nur in starren Posen zeigt, will er mit seiner Arbeit auch Ästhetik vermitteln. Er träumt von einer „ästhetischen Anatomie“, die Wissenschaft und Kunst verbindet. Dass seine Leichen-Arrangements nur wenig wissenschaftlichen Wert haben, wie manche Kollegen kritisieren, lässt er nicht gelten. Das Tänzer-Paar etwa zeige „Organe, die sich in der Bewegung dehnen“.

Doch von Hagens ist auch Geschäftsmann, was beim Besuch der Abteilung „Scheibenplastinate“ deutlich wird. Hinter einer Tür, die mit einer Zahlenkombination gesichert ist, liegt das Reich von Ren Jing, einer kleinen Kunststoffexpertin, die hier mit 15 Angestellten Organe und Leichenteile zersägt. Scheibenplastinate sind in Kunststoff gefestigte Querschnitte von Organen oder Körperteilen, die in der Gehirnforschung und in anderen medizinischen Disziplinen zur Anschauung dienen. Über das genaue Produktionsverfahren schweigt von Hagens, er erklärt nur, dass sein Unternehmen die Technik „weiterentwickelt und optimiert“ habe. Er spricht von einem wachsenden Markt für Scheibenplastinate, von Investitionen und Produktionskosten. Während er weiter erzählt, öffnet von Hagens beiläufig einen Schrank, nimmt ein plastiniertes Gehirn heraus. Für ihn ist es nur noch ein Produkt, eine Sache. Begeistert berichtet er von neuen Produktionstechniken. Mit einer Spezialsäge sollen bald ganze, tiefgefrorene Leichen „der Länge nach“ in Scheiben geschnitten und plastiniert werden.

14 Millionen Besucher

Der Erfolg seiner „Körperwelten“-Ausstellung in aller Welt – zurzeit ist sie in Frankfurt und Singapur zu sehen – gab von Hagens bisher Recht. Knapp 14 Millionen Menschen haben sie bisher gesehen. Dabei findet kaum eine Ausstellung ohne heftige Proteste statt: Die Kirchen werfen von Hagens vor, Geschäfte mit dem Tod zu machen. Mediziner zweifeln am wissenschaftlichen Wert seiner Arrangements. „Ich bin mir bewusst, dass ich mich auf einem Minenfeld bewege“, sagt von Hagens. In seinem Katalog zur „Körperwelten“-Ausstellung lässt er immerhin auch Kritiker wie den badischen evangelischen Landesbischof Ulrich Fischer zu Wort kommen, der die Ausstellung als ein „Spektakel“ mit dem Tod und als Verletzung der Menschenwürde kritisiert. Besonders vehement waren die Vorwürfe, als er 2002 in London live und vor zahlendem Publikum die Leiche eines 72-jährigen Deutschen obduzierte.

Doch erst die Vorwürfe des „Spiegel“, der belastende E-Mails aus der internen Firmenkommunikation zitiert, brachten von Hagens weltweites Leichengeschäft wirklich in Bedrängnis. Rufe nach einem Verbot der Ausstellung wurden lauter. Beweise für die Verwendung von Hinrichtungsopfern gibt es jedoch bisher nicht, nur Indizien. Von Hagens bestreitet, jemals von Hinrichtungsopfern gewusst zu haben. Dass in seinem Unternehmen auch Leichen von Hingerichteten präpariert würden, wollte er kürzlich auf einer Pressekonferenz in Deutschland allerdings „nicht ausschließen“.

Eine Mitarbeiterin der Dalian Medical University, die in der Vergangenheit der Hauptlieferant von chinesischen Leichen für von Hagens’ Unternehmen war, berichtet uns, dass die Toten oft von Fahrern in Militär- und Polizeiuniformen angeliefert wurden. Von Hagens schiebt alle Schuld auf seinen ehemaligen Manager Sui, der 2001 entlassen wurde. Seitdem habe er keine Leichen mehr aus China angenommen. Sui betreibt heute in Dalian ein Konkurrenzunternehmen, die „Biological Plastination Company“. „Von Hagens lügt“, sagt Sui. Er sei für die Beschaffung der Leichen nicht zuständig gewesen.

Von Hagens lagert seine Leichen im Keller: 645 Körper sowie eine unbekannte Zahl von Leichenteilen schwimmen in großen Metallcontainern im Untergeschoss der Firmenzentrale in Dalian – eingelagert in chemische Lösungen. Einige Metallcontainer sind ausgesondert. In ihnen liegen sieben Leichen „mit Kopfverletzungen“, die von Hagens nach den „Spiegel“-Vorwürfen bei einer Inventur gefunden haben will. Um auch „den geringsten Verdacht“ auszuschließen, sollen die sieben Leichen nun verbrannt werden. Für die Fernsehkameras öffnet von Hagens einen der Container. Die Kopfverletzung, die möglicherweise auf den Tod des Menschen durch eine Exekution hinweisen könnte, bekommen die Journalisten jedoch nicht zu Gesicht. „Zum Schutz der Anonymität“ des Toten, sagt von Hagens.

Nach eigenen Angaben hat er bisher mindestens 250 Leichen von Privatpersonen gespendet bekommen, davon keine in China. Woher die restlichen Leichen kommen, will oder kann er nicht sagen. Nur so viel: „Sie kommen von Universitäten und Instituten, mit denen wir zusammenarbeiten und denen wir vertrauen.“ In welchen Ländern diese Institute liegen, sagt er nicht.

Ein peinliches Versehen

Die Installation einer Familie, der Vater trägt dabei das Kind auf den Schultern, zeigt vielleicht am besten das Faszinierende und die Grenzüberschreitung in von Hagens Arbeit. Das spektakuläre Ausstellungsstück, das in einem kleinen Nebenraum lagert, unterscheidet sich von den normalen Plastinaten: Die Körper der Toten sind nicht zu sehen, sondern nur eine perfekte Nachbildung ihrer Blutbahnen aus rotem Kunststoff. Von Hagens hat dafür ein eigenes Verfahren, die „Korrosion“: Möglichst bald nach dem Tod wird dazu den Leichen flüssiger Kunststoff in die Adern gespritzt. In einem langwierigen Prozess werden dann mit Säure- und Bakterienbädern Fleisch, Fett, Haut und Knochen abgelöst - bis nur noch das System der Blutbahnen übrig bleibt.

Am „Plastination Institut“ der Dalian Medical University, das unter der wissenschaftlichen Leitung von von Hagens steht, experimentiert ein Team von 35 Chinesen an der Perfektionierung der Methode. Die Leiterin Sheng Jinju zeigt Präparate von Enten, Hasen und einem Hahn, von denen nur noch ein feingliedriges Adersystem zu sehen ist. „Wir arbeiten hier nur noch mit Tieren“, hatte von Hagens zuvor erklärt. Als wir zufällig einen anderen Raum betreten, ist von Hagens erst einmal still. In einem Metallbecken schwimmt die aufgequollene Leiche eines Mannes. Es ist ein erbärmlicher Anblick: Die Augen sind weit aufgerissen. Die aufgeschnittene Bauchdecke ist grob zusammengenäht, an der Brust und am Hals sind Spritzen mit einer roten Flüssigkeit zusehen. Offenbar sollte diese Leiche den Journalisten nicht gezeigt werden. Von Hagens jedenfalls bemüht sich jetzt schnell um eine Erklärung: Der Tote sei noch ein Altbestand, den man „für Experimente“ verwende, sagt er. Irgendwann lag auch die Familie mit Kind, deren Adern heute in Kunststoff leuchten, in einem solchen Becken.

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