Zeitung Heute : Die Fälschung der Welt

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Von Markus Ehrenberg

Geht es dem Internet wirklich so schlecht? Normalerweise stellt sich diese Frage ja immer nur vor dem Hintergrund finanzieller Fragen, Geschäftsmodellen und Start-up-Boom. Entscheidend ist aber immer noch, was drin ist, und da scheinen viele Internet-Angebote entwicklungsbedürftig – das ist zumindest der Eindruck, den die Verleihung des Grimme Online Award 2002 am vergangenen Wochenende in Düsseldorf hinterließ.

Eigentlich sollten sechs Preise in drei Kategorien vergeben werden: „TV“, „Web TV“ und „Medien-Journalismus“. Offenbar waren die Nominierungen diesmal aber so schlecht, dass es am Ende nur zu vier Awards und ziemlich durchwachsener Presse reichte. Ausgezeichnet wurden: eine WDR- Website zum Thema Stammzellen, das SWR-Jugendangebot „Das Ding“, die Kulturseite Telepolis und das experimentelle Web-TV aus Neukölln: Borschts Welt.

Fast Oscarreif

Diese vier zumindest hatten ihren Spaß. „Es war eine tolle Party mit hochrangiger Story, im großen Stil, wenn auch nicht gerade so groß wie bei der Oscar-Verleihung“, sagt Thomas Kleine, der in der prämierten Internet-Doku-Soap den Neuköllner Detektiv Horst Borscht spielt. Dieser interaktive Borscht ist einer größeren Community seit Mitte 2001 durch die Internet-Plattform meinberlin.de bekannt, die das Projekt angeschoben und unterstützt hat.

Die eigene Website Borscht.tv ist erst seit März diesen Jahres online. Umso glücklicher ist man über den Grimme Online Award. Ob die Sache mit den Internet-Angeboten wirklich ein bisschen durchhängt, könne Thomas Kleine nicht sagen. Fakt ist: Kleine ist der erste Grimme-Preisträger aus Neukölln. „Für uns ist jetzt erst mal wichtig, dass wir nun wieder mehr Aufmerksamkeit in den Medien bekommen.“

Über die brauchte sich der Grimme Online Award am Samstagabend nicht zu beklagen. Es tummelten sich (fast) so viele Promis bei der Gala im Düsseldorfer Museum Kunst Palast wie beim herkömmlichen Grimme Preis: ZDF-Moderator Steffen Seibert führte durch den Abend, dazu Laudatoren wie Sonia Mikich, Susan Atwell,Ursula Karven sowie ein etwas zerknautschter Manuel Andrack, der die Stimmung schon kannte. Im vergangenen Jahr wurde die Website der Harald-Schmidt-Show mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet.

An die bunte Raffinesse der Schmidt-Seite kommen die diesjährigen Gewinner nicht ganz heran, auch nicht die gekonnte Doku–Fälschung der Neuköllner Welt bei borscht.tv. „Es ist sicher so, dass die Netz-Angebote in der Breite noch nicht ganz ausgereift sind“, sagt Friedrich Hagedorn, Sprecher des Grimme Instituts. „Aber beim Grimme Online Award, geht es auch mehr darum, den innovativen Ansatz auszuzeichnen, als die perfekte Umsetzung.“

Über die Zukunft der Online-Medien müsse einem aber trotzdem nicht bange sein, auch wenn die inhaltliche Entwicklung im Vergleich zum ersten Grimme Online Award vielleicht ein bisschen stehen geblieben sei. Zwischen Internet und Fernsehen entstehe aber ständig Neues. Die Kategorien „TV“, „Web TV“ und „Medien-Journalismus“ stünden damit auch zur Diskussion. 1700 Einreichungen gab es diesmal. Vielleicht ist das ein Nachteil: Jeder Website-Betreiber kann sich selber vorschlagen oder vorgeschlagen werden. Davon sichtete die Nominierungskommission 400 Internet-Angebote und legte schließlich 23 der Award-Jury vor. Dass dann nur vier von sechs Preisen vergeben wurden, ist für Hagedorn nicht so dramatisch. „Wir müssen das Maximum nicht immer ausschöpfen.“

2003 gefährdet

Ob es nächstes mal überhaupt wieder Anlass zur Online-Kritik geben wird, steht in den Sternen. Es sei nicht sicher, ob der Grimme Online Award 2003 in dieser Form stattfinden wird, so Hagedorn, „wenn wir nicht mehr Geld vom Land Nordrhein-Westfalen bekommen.“

Borschts Welt dürfte das erst mal egal sein. Den Düsseldorfer Schwung wolle man jetzt mitnehmen, damit es mit der perfekten Umsetzung im Internet noch besser wird. An einem Fernsehformat wird derzeit gebastelt. Am 28. Juni startet die große Borscht-Party in der „Traumfabrik“ Neukölln, mit Russendisko in der Braunschweiger Straße. Und mit Grimme Online Award zum Anfassen.

Mehr zum Thema im Internet:

www.borscht.tv

www.meinberlin.de/borscht

www.grimme-online-award.de

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