Zeitung Heute : Die Färöer im Nordatlantik sind etwas Besonderes, jedoch kein Ziel für den Massentourismus

Johann Peter Eickhoff

Ein Spaziergang auf der Havnargøta in Tórshavn hinterlässt ein erhebendes Gefühl: Man wandelt in der kleinsten Hauptstadt Europas und gleichzeitig auf einem der teuersten Pflaster! Die Alkoholpreise auf dem ganzen Archipel: die reinste Sünde! Das Essen? Auf keinen Fall wie bei Herrgotts in Frankreich! Die Reisezeit? Juni, Juli, August. Allerdings soll es außerhalb dieser Monate auch schöne Tage geben. Hört man so. Und überhaupt, auch in der Hauptreisezeit wird der Tourist durch viel Nebel buchstäblich in Watte gepackt oder durch kräftige Winde gut durchlüftet. Souvenirs? Die kratzigen Pullover hat man schon in Norwegen gekauft und nie getragen, ein ausgestopfter Papageientaucher ist auch nicht jedermanns Geschmack. Nein, die Färöer sind wahrhaftig kein Ort für den Massentourismus. Und werden es wohl auch nie werden!

"Gott sei Dank!", sagen jene 25 000 Reisenden pro Jahr, die es - trotzdem oder gerade deshalb - auf diese 18 Inseln zieht. Finden sie doch hier eine baumlose Naturlandschaft von elementarer Urtümlichkeit und ganz eigenem Reiz. Nicht umsonst heißt es im Färöerland-Lied: "... wo aus des Meeres Wellenbrand / es steigt empor ein Stückchen Land, / ein Klippenreich aus dunkler See ..."

Vor 55 Millionen Jahren sollen die Färöer aus dem Atlantik aufgestiegen sein. Wenn auch inzwischen viel Zeit vergangen ist, zur Ruhe wird der Archipel nie kommen. Unablässig nagen Wasser und Wind an ihm und lassen an Hochgebirgsgipfel denken, welche im Meer abgesoffen sind. Binnen einer einzigen Stunde kann man hier im Meer baden (so man dieses bei elf Grad Celsius Wassertemperatur im Sommer will!), durch malerische Fischerdörfer bummeln, gleich darauf über hochalpin anmutende Wiesen wandern und dann schwindelerregende Felsklüfte erklimmen bis zum nächsten Pass oder Gipfel. Wenn man dann aufatmend zurückblickt, schweift der Blick über die See, Meerengen und bizarr geformte Küstenlinien.

Auch wenn manche Färinger vor allem das Jahr 1992 als wichtig erachten - erfolgte damals doch die lang ersehnte Alkoholfreigabe (allerdings nur in einigen wenigen Läden und Restaurants!) - sind sie mit ihrer Geschichte bestens vertraut und sehr stolz auf sie. Etwa auf das Jahr 825, als die Wikinger Westnorwegens begannen, die "Schafinseln" zu besiedeln und bald darauf auch ihr "Althing" gründeten, die jährliche Versammlung aller freien Bauern. Auf Tinganes, der winzigen Landzunge im heutigen Tórshavn, die sich vorwitzig in den Hafen streckt, versammelte sich damals eines der ersten Parlamente. Der Ort bietet keinerlei Erinnerungen an diese Zeit, dafür weist er ein kleines Labyrinth an winzigen Gässchen auf, die von alten färöischen Häusern begrenzt sind. Viele von ihnen sind aus Stein und Treibholz erbaut. Knorrig stemmen sie sich gegen die Himmelsrichtungen, aus denen der Wind am stärksten bläst. Die Balkenwände sind mit Teer bestrichen und darüber wogen die Halme der Grasdächer. An warmen Tagen steigt einem der Duft des Bitumens in die Nase, vom Hafen weht es salzig und fischig herüber - die Zeit scheint stehen geblieben zu sein. Mit einem Mal läuten die Glocken der nahen Havnar Kirkja, die Mittagssirene der Werft heult auf, da öffnen sich plötzlich die Türen dieser Zauberstadt und gesetzte Beamte der färöischen Regierung, die hier ihren Sitz hat, eilen mit ihren Aktenmappen und blank geputzten Schuhen zur Mittagspause nach Hause.

Abgesehen von den 43 000 Menschen (davon kaum 16 000 in der Hauptstadt) werden die Färöer von 3,5 Millionen Vögeln bewohnt. Die Vogelfelsen haben fest ansässige Bewohner und auch Gäste auf Zeit. Besonders im Sommer herrscht dichtes Gedränge an den Brutplätzen auf den Felsvorsprüngen. Dann geht es lebhaft zu, denn alle haben viel zu erzählen von ihrem Fang aus der Tiefe des Meeres. Die Seevögel verbringen den größten Teil ihres Lebens draußen auf dem Meer. Viele Arten kommen nur zum Brüten an Land und verlassen die Vogelfelsen wieder, sobald der Nachwuchs flügge ist. Jede Insel hat ihre Vogelfelsen, aber auf der Insel Nólsoy gibt es etwas Besonderes zu bestaunen: die größte europäische Kolonie der Sturmschwalben! Mulmig kann es einem schon werden, wenn der Pfad einmal das Brutgebiet der Raubmöwe streift: Unablässig wird dieser große Vogel Scheinangriffe auf den Kopf des Eindringlings fliegen, so dass man mit schützend erhobenen Armen schleunigst das Weite sucht.

Ungefähr 80.000 Schafe ziehen durch die färöische Bergwelt: Frei laufende Tiere im wahrsten Sinne des Wortes, denn nur die Stellen, die sie nicht betreten sollen, sind eingezäunt. Dort, wo das Gelände unzugänglich ist, kommen sie nur zwei Mal im Leben in Kontakt mit den Menschen: wenn sie als Lämmer gekennzeichnet und ausgesetzt werden und wenn man sie als ausgewachsene Tiere wieder einfängt. Auch an den Stellen, wo die Schafe auf Vogelfelsen oder frei stehenden Klippen draußen im Meer leben und oftmals dieses Einfangen an der Grenze des Verantwortbaren liegt, wenn nämlich der kleinste Fehltritt schlimme Folgen haben kann, behält man hartnäckig diese Tradition bei, schmeckt doch das Fleisch dieser "Bergschafe" besonders zart und lieblich.

Jeder Färinger hat eine Leidenschaft, die unübersehbar in seinem Hausgärtchen wächst: die Kartoffelpflanze. Deren Knollen stehen hier genau so hoch im Kurs wie eine seltene Traube in einem französischen Weinberg. Zwar wird sie erst seit gut einhundert Jahre kultiviert, ist aber schnell zum Grundnahrungs- und Genussmittel Nummer Eins avanciert. Es heißt, dass die Feldfrüchte, die in diesen nördlichen Breiten wachsen, wegen ihres langsamen Gedeihens mehr Vitamine und Mineralien enthalten als ihre Artverwandten anderswo. Vielleicht rührt das auch von der Düngung mit Seetang her, der mühsam vom Ufer hochgeschleppt wird. Oft sind mehrere Generationen am Werk, das gemeinsame Handeln fördert das Beisammensein und das allgemeine Ziel stärkt das Verständnis untereinander. Nichts schmeckt so gut, wie das, was man selbst gepflanzt hat. Und nirgends sind Toleranz und mitmenschliches Verständnis mehr gefragt als auf diesen Inseln, wo jeder jeden kennt und man an langen Winterabenden in den winzigen Dörfern Ewigkeiten beisammen sein muss.

Trolle und Elfen, die es früher hier überreichlich gab, waren unglaublich flinke Wesen. Sie konnten selbst den behendesten Schafhirten einholen. Am schlimmsten setzten sie den Melkerinnen zu. Nur der Anblick eines Kirchturms oder die ersten Sonnenstrahlen bei Tagesanbruch konnten die Menschen davor bewahren, in den Troll- und Elfenhügel entführt zu werden, denn dann flüchteten die Elfen, und Trolle versteinerten. Das ist nicht wahr? Aber bitte! Es gibt doch jede Menge solcher Hügel und Felsen! Und aus dem Jahre 1983 stammt der "Elfenhügel", erbaut aus einer eigenwilligen und sehr ästhetischen Eisenkonstruktion, kombiniert mit Holz, Schiefer, viel Glas und Grasdach, das als "Nordisches Haus" ein färöisches und skandinavisches Kulturzentrum gleichermaßen abgibt, mit Kunstausstellungen, Konzerten, Seminaren und einem wundervollen Foyer (von Alvar Aalto). Heutige Ansichten zu Elfen und Trollen sind durchaus geteilt. Einige meinen, sie hausten immer noch hoch oben in den Bergen. Allerdings soll ihre Zahl seit Einführung von Zentralheizung und Elektrizität, also seit dem Erlöschen der Kerzenleuchter, rapide gesunken sein. Ein Teil ihres Zaubers aber ist geblieben. Nachspüren kann man ihm bei Wanderungen in den Bergen.

Dort stehen sie einsam da, wie stumme Denkmäler in der Einöde, die steinernen Wegzeichen, diese Leuchttürme des Binnenlandes, Stein auf Stein geschichtete Männer", an Punkten, die man schon von weitem sieht. Sie wurden errichtet, als man noch zu Fuß über das Gebirge wanderte, lange bevor die ersten Straßen gebaut wurden. Im Nebel und bei schlechter Sicht, wenn man sehr leicht die Orientierung verliert, bieten sie seit alters her den Reisenden einen beruhigenden Anblick. Hat man erst einmal den ersten Steinmann gefunden (und das ist nicht immer ganz einfach), kann man sich leicht "weiterhangeln". Bei jedem Wegzeichen legt man noch einen Stein dazu, so will es die Tradition und so wird es für den nächsten Wanderer erhalten. Wir aber genießen dabei das Wechselspiel von Sonne und Wolken, von Lichtbündeln, die Akzente auf sattgrüne Hänge setzen, den Gegensatz von schroffen Felsen inmitten tosender Brandung. Jetzt schiebt sich eine dampfende Nebelbank erst vor die Sonne, dann vor die Gipfel der kahlen Berge und gleich darauf sind auch wir zu geisterhaften Schemen geworden. Weiter draußen öffnet sich jetzt die Wolkendecke wieder, Lichtbahnen sinken herab und lassen das blasse, wunderbar verschleierte und verschleiernde Licht des Nordens glänzen. Wie mattes Silber schimmern jetzt herunterwehende Regenbahnen, dann wieder fliegt das Licht herbei. Nicht satt sehen möchte man sich da an solchem ständigen Wechsel, mag man sich zwar im Hochsommer hier befinden, aber wie im tiefsten Winter bei uns gekleidet sein. Die meisten Inseln sind lang und schmal, auf der Höhe hat man das Gefühl, auf einer Aussichtstreppe mit Blick nach beiden Seiten zu stehen. Ist hier vielleicht der Mittelpunkt der Welt? Und während wieder die Sonne auf uns herabbrennt und das T-Shirt zu Ehren kommt, überfällt uns eine große Ruhe und Klarheit. Aufatmend stapfen wir dem nächsten Steinmann entgegen. Nein, fürwahr, Massentourismus wird hier nie herrschen...

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