Zeitung Heute : Die Fahnenträgerin fährt hinterher

Benedikt Voigt

Der erste Interviewversuch in der Snowbasin Ski Area schlug fehl. Hilde Gerg weinte. ARD-Reporter Lambert Dinzinger ließ sein Mikrofon sinken und nahm die deutsche Skirennfahrerin in den Arm. Die 26-Jährige benötigte Trost. Es dauerte noch ein paar Sekunden, bis sie sich gefasst hatte und mit nassen Augen vor der Kamera sprechen konnte. Hilde Gerg sagte: "Ich wäre gerne auf eine Siegerehrung gegangen." So bleibt ihr als schöne Erinnerung von Salt Lake City nur die Eröffnungsfeier, bei der sie die deutsche Fahne tragen durfte.

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Newsticker: Aktuelle Nachrichten von den XIX. Winterspielen sowie weitere Sportmeldungen Gestern machte sie sich auf den Weg nach Hause. "Natürlich bin ich enttäuscht, ich hätte nicht gedacht, dass es so knapp wird." Um 13 Hundertstelsekunden verfehlte Hilde Gerg als Fünfte gestern im Super-G bei den Olympischen Spielen in Salt Lake City erneut die Bronzemedaille. Überraschend siegte die Italienerin Daniela Ceccarelli, die noch nie ein Weltcup-Rennen gewonnen hat. Ihre Landsfrau Karen Putzer holte Bronze. Die Kroatin Janica Kostelic fuhr auf Platz zwei und sicherte sich nach Gold in der Kombination erneut eine Medaille. "Ceccarelli hatte einen Traumlauf. Als ich das von oben gesehen habe, habe ich gedacht: Das Mädel lässt die Skier ganz schön laufen", sagte Martina Ertl, die auf Rang elf kam. Erneut stand ein Trio auf dem Siegerpodest, das nur die wenigsten erwartet haben. Hilde Gerg sagte: "Das Ergebnis fällt unter das Thema Olympia." Sie meinte: noch eine Enttäuschung. Schon in der Abfahrt war die Favoritin einer Medaille um zehn Hundertstel hinterhergefahren. "Vielleicht habe ich die sechs Hundertstel Vorsprung von Nagano bezahlen müssen", sagte die Slalom-Olympiasiegerin von 1998, "aber so ist es mir lieber."

Wolfgang Maier gefiel das Ergebnis seiner Fahrerinnen überhaupt nicht. "Die Bilanz ist schon enttäuschend, da braucht man gar nicht herum zu reden", sagte der Bundestrainer. Nach Abfahrt, Kombination, und Super-G besitzt das deutsche Alpin-Team nur die bronzene Medaille durch Martina Ertl in der Kombination. Die 28-Jährige kommt während der Olympischen Spiele langsam in Form. Der elfte Platz war ihr bislang bestes Saisonresultat im Super G. "Ein normales Ergebnis, jetzt konzentriere ich mich auf den Slalom", sagte Ertl zufrieden, "Wir haben ja gesehen, dass bei Olympia alles möglich ist." Die übrigen deutschen Starterinnen enttäuschten. Petra Haltmayr fuhr auf Rang 23, Regina Häusl schied nach einem Fahrfehler aus. Maier sagte: "Wir wollten zwei Medaillen, jetzt müssen wir mit einer leben." Der Bundestrainer ärgerte sich über die ständig wechselnden äußeren Bedingungen auf dem Wildflower-Hang. "Oben war wieder richtig guter Wind, aber das soll keine Entschuldigung sein - nur für die Hilde tut es mir leid."

Die Frage ist nun, wie Hilde Gerg damit fertig wird, bei den Olympischen Spielen als Favoritin keine Medaille geholt zu haben. Erste Rücktrittsmeldungen dementierte die Weltcupführende im Super-G. "Ich habe mich noch nicht entschieden", sagte Hilde Gerg, "das ist eine Entscheidung, die man aus dem Bauch heraus fällt." Ende März will sie sich den Titannagel aus dem Schienbein entfernen lassen, den sie seit ihrem Unfall im vergangenen Jahr mit sich herumträgt. "Danach kann ich kein Techniktraining machen", sagte die 26-Jährige. Gegenüber dem Bundestrainer hatte die beste deutsche Skirennfahrerin dieses Winters noch vor drei Tagen gesagt, dass sie weitermachen wolle.

Nicht nur das deutsche Team rätselte, warum sich bei Olympia Spielen die Favoriten schwer tun. Den österreichischen Skifahrerinnen, die den Weltcup dominiert hatten, erging es im Super-G noch schlimmer. "Irgendwer muss Vierter werden", sagte Alexandra Meissnitzer. Auch Michaela Dorfmeister (6.) und Renate Götschl (8.) enttäuschten die Skination. "Hey, König der Berge, King of the Mountains", rief Wolfgang Maier als er den österreichischen Alpinchef Hans Pum im Zielraum herumstehen sah. Zu den deutschen Journalisten sagte er: "Nur Vierter, das macht das alles nicht so schlimm."

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