Zeitung Heute : Die Falle eines Falles

Robert Ide

Das Landgericht Frankfurt am Main hat einem Fußball- Fan Recht gegeben, der seine WM-Tickets bei Ebay und nicht beim WM-Organisationskomitee erworben hat. Kann nun jeder Tickets kaufen, wo er will?


Björn Kracht war am Donnerstagnachmittag in Feierstimmung. „Ich werde mir sicher gleich noch ein Bierchen gönnen“, berichtete er am Telefon. Der Fußball-Fan aus Essen hat sechs Wochen vor Beginn der Weltmeisterschaft einen mächtigen Gegner geschlagen: den Deutschen Fußball-Bund (DFB). Der Verband wollte verhindern, dass sich Kracht mit seiner Freundin am 1. Juli das Viertelfinale in Gelsenkirchen ansehen kann. Denn die entsprechenden Eintrittskarten hatte er nicht im offiziellen Verkauf des WM-Organisationskomitees (OK) erworben, sondern von einem anderen Fan im Internet- Auktionshaus Ebay ersteigert. Das Amtsgericht Frankfurt am Main entschied nun, dass das Geschäft aus dem September 2005 rechtens war und die personengebundenen Karten auf Kracht umgeschrieben werden müssen.

Die meisten anderen Fans, die bei Ebay WM-Tickets kaufen, können allerdings nicht auf einen Präzedenzfall hoffen. „Die Entscheidung bedeutet nicht, dass der DFB generell der Übertragung von Tickets, die über Auktionen oder auf sonstige Weise erworben wurden, zustimmen muss“, heißt es in der Urteilsbegründung. Denn seit März dieses Jahres gibt es einen offiziellen Weg, Karten an andere weiterzugeben. Auf Druck von Verbraucherschützern und Fans hatten die WM-Organisatoren im März eine Tauschbörse eingerichtet. Dort können Fans ihre Tickets zurückgeben – sie gelangen dann wieder in den normalen Verkauf. Hierfür gibt es bereits Wartelisten von Interessenten. In der ersten Phase gingen 11 000 Karten auf diese Weise zurück. Zusätzlich dürfen Karten auf einen anderen Besitzer übertragen werden – diesem Vorgang muss aber das WM-Organisationskomitee zustimmen. Es hat sieben anerkannte Gründe definiert, darunter die Übertragung innerhalb der Familie, Krankheiten, Todesfälle oder ein fehlendes Visum für Deutschland. Als letzter Punkt sind „sonstige Härtefälle“ definiert. Darunter könnte etwa fallen, dass ein Fan mit seiner neuen Freundin ins Stadion gehen will statt mit seiner verflossenen Liebe, mit der er einst die Tickets bestellt hat. In der ersten Umtauschphase hat das OK 52 000 Karten übertragen, darunter die Hälfte innerhalb von Familien. Das Tauschportal öffnet für eine zweite Phase wieder am 1. Mai.

„Wegen der Plattform betrifft die Gerichtsentscheidung nur einen Einzelfall“, sagte OK-Vize Horst R. Schmidt dem Tagesspiegel. Hätte das Gericht den Weiterverkauf grundsätzlich freigegeben, stünde jetzt das ganze ausgeklügelte Ticketsystem mit den personengebundenen Karten auf der Kippe. Für die WMOrganisatoren ist die Niederlage deshalb zu verkraften. „Wir sind erleichtert, dass keine Klagen mehr wegen des Ticketverkaufs anhängig sind“, sagte Schmidt. „Deshalb geht die Tendenz dahin, dass wir gegen das Urteil keine Berufung einlegen.“

Fans, die ihre Tickets von anderen Fans erworben haben, können nur dann noch auf eine Umschreibung hoffen, wenn der Kauf wie bei Kracht vor Einrichtung der Ticketbörse stattfand. Sie müssten ihr Recht allerdings ebenfalls einklagen. Ob dann noch vor Beginn der WM am 9. Juni entschieden wird, ist fraglich. Andernfalls müssen sie damit rechnen, vor dem Stadion abgewiesen zu werden. Denn auf den Karten ist der Name des Verkäufers aufgedruckt, und im elektronischen Kartenchip sind dessen persönliche Daten verzeichnet. Vor den Stadien sind Ausweiskontrollen geplant, allerdings nur in Stichproben. Björn Kracht muss das jetzt nicht mehr kümmern – er freut sich auf das Viertelfinale: „Das wird ein besonderer Tag für mich.“

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