Zeitung Heute : Die Familie ist an allem schuld

Maike Albath

Was ist langweiliger als ein Durchschnittsleben mit einem Durchschnittsjob, einer Durchschnittskarriere, einer Durchschnittsfamilie und Durchschnittsfreunden? Extreme Gefühlslagen scheinen wahrhaftiger zu sein als wohltemperierte seelische Zustände, und vielleicht liegt darin die Anziehungskraft begründet, die von Spinnern, Träumern und Verrückten ausgeht. Carsten Probst wagt sich in seinem Debüt an einen literarischen Topos heran und stellt einen jungen Mann namens Bernhard in den Mittelpunkt, der dem Wahnsinn verfällt. Zeuge der Gratwanderung zwischen Normalität und Wahnvorstellungen ist der gleichaltrige Andreas, Ich-Erzähler und Freund des Kranken. Er lässt die Ereignisse der letzten Monate Revue passieren: die Einstiegsszene, die Ankunft in einer psychiatrischen Anstalt, und lotet den Echoraum der Geschichte aus.

Verschwommen wirkt die Identität des Erzählers schon in den ersten Sätzen - in seinem Spiegelbild meint er Bernhard zu erkennen. Als müsse sich die verunsicherte Wahrnehmung neu stabilisieren, folgen präzise Beschreibungen von Außenräumen: der Empfangstresen im Krankenhaus, die fensterlose Untersuchungszelle, gläserne Flachbauten, dann ein kleinstädtischer Bahnhof in Österreich, Straßenzüge mit herrschaftlichen Häusern, schließlich eine Wohnung, der Kaffeebecher auf dem Küchentisch. Andreas kehrt zurück an den Ort des Geschehens. Mehrere Wochen hatte er hier mit den Geschwistern Lisa und Bernhard verbracht, seiner Freundin beigestanden bei der Betreuung des Bruders. Eine alte Beziehung findet ihre Fortsetzung, denn der Ich-Erzähler kannte Bernhard noch aus Schulzeiten.

Mosaiksteinchen für Mosaiksteinchen lässt Carsten Probst seinen Helden die Vergangenheit zusammensetzen: die emphatische Freundschaft zu Bernhard, damals ein faszinierender Außenseiter mit künstlerischen Ambitionen, war im Sande verlaufen. Weil Andreas den exzentrischen Klassenkamerad in Frankreich zurückließ, wo Bernhard einen zerfallenen Hof hatte instand setzen wollen, plagen ihn jahrelang Schuldgefühle, bis er während des Psychologiestudiums Bernhards Schwester Lisa kennen lernt und mit ihr schläft. Als sich der Zustand ihres Bruder verschlechtert, reist Lisa zu ihm, Andreas folgt ihr und wird Teil des wahnhaften Systems, in das Bernhard sämtliche Familienmitglieder einbindet. Die Hilfsaktion der Schwester endet in einem Desaster, nur mit Mühe kann sich der Ich-Erzähler schließlich aus den aufgeladenen Banden lösen und sich trennen von der Bruder-Imago.

Ein faszinierendes Sujet wählt der Kunstkritiker Carsten Probst für seinen ersten Roman, den Ansprüchen des Gegenstands wird er nur zum Teil gerecht. Die Dramaturgie ist ausgeklügelt, der Aufbau stimmt, aber "Träumer" ist ein lebloses Buch. Obwohl es um seelische Abgründe geht, befällt einen niemals Angst oder Beklemmung, Bernhards Wirkung wird zwar oft beschworen, atmosphärisch schlägt sie sich im Text nicht nieder. Warum ist seine Macht so groß? Der umworbene Freund und Bruder hat keine Aura, sondern ist einfach nur verrückt.

Merkwürdig undramatisch wirkt auch das eigentlich grausame familiäre Geflecht, in dem Abhängigkeit, Tyrannei, Schuld und Inzest die Bindungen bestimmen. Statt zu erzählen, verliert sich der Autor in Beobachtungen und hölzernen Dialogen. Dass von Bernhard eine zerstörerische Ansteckungsgefahr ausgeht und sich der Held in seinem Gegenüber zu verlieren droht, muss ausdrücklich gesagt werden. Kein gutes Zeichen für einen Roman, der eigentlich auf die Empfindsamkeit der Seele setzt.

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