Zeitung Heute : Die Farbe der Tonne

Überall in Deutschland wird anders gesammelt

Andreas Loos

Wenn ein Ludwigsburger eine runde Käseschachtel zum Müll bringt, dann hat er ein Problem: In dem schwäbischen Städtchen gibt es nicht wie in Berlin gelbe Säcke für Verpackungen mit dem Grünen Punkt, sondern statt dessen zwei getrennte grüne „Wertstofftonnen“. In die eine kommen „flache“, in die andere „runde Wertstoffe“ – dadurch sollen flache Folien, Papier- und Kartonagen von bauchig runden Verpackungen getrennt werden. Runde Pappschachteln sind im System nicht vorgesehen.

„Das ist überhaupt nicht kurios“, findet Achim Struchholz, Sprecher des Dualen System Deutschland (DSD) und fragt: „Warum soll es sowas nicht geben, so lange es funktioniert und die Quoten und die Qualität stimmen? Wir haben in Deutschland kein einheitliches System beim Müllsammeln, sondern eine Vielzahl von Varianten.“

Das hängt damit zusammen, dass die DSD AG nur ein Vermittler ist zwischen denen, die Verpackungen herstellen und denen, die sie wegräumen: Unternehmen, die Glas und Verkaufsverpackungen sammeln und sortieren. Anfang der 90er Jahre wurde Deutschland in 450 Vertragsgebiete aufgeteilt, in denen die DSD AG immer wieder jeweils drei so genannte „Lose“ ausschreibt: zwei zur Erfassung und Sortierung von Leichtverpackungen und eines zur Glassammlung. Beides zusammen machte dem Statistischen Bundesamt zufolge 2001 fünf Millionen Tonnen Müll aus – 1,3 Prozent des Müllaufkommens in Deutschland. Der wird so sortiert, wie es die Kommunen entschieden haben. Folge: 450 unterschiedliche Müllsammelsysteme.

So findet man zum Beispiel für die Zuordnung von Tonnenfarbe zu Inhalt jede nur denkbare Möglichkeit: Verpackungsmüll mit dem Grünen Punkt kommt oft in gelbe Tonnen – aber keineswegs immer. Manchmal gehört er nämlich auch in grüne Tonnen (etwa im Landkreis Neuwied in Rheinland-Pfalz), die andernorts meist für Biomüll reserviert werden. Manchmal sollen die Verpackungen aber auch in blauen Tonnen landen (etwa im hessischen Friedrichsdorf), in die sonst meistens das Papier gestopft wird, wenn es nicht – wie im schwäbischen Tübingen – ganz ohne Tonne im Bündel vom Straßenrand abgeholt wird.

„Dabei hat sich allerdings schon eine Art Standardsystem herauskristallisiert“, betont DSD-Sprecher Struchholz. Dieses System besteht aus einer Restmülltonne, einer Biotonne und einer Gelben Tonne (oder Gelbem Sack) vor dem Haus sowie Papier- und Glascontainern in der Nähe – ein „kombiniertes Hol- und Bringsystem“, wie es Fachleute nennen. „Dass mancherorts – zum Beispiel in München – der Gelbe Sack zu einem Wertstoffhof gebracht wird und nicht bürgernah am Haus abgeholt, ist Wunsch der Stadt München“, sagt Struchholz.

Die kommunalen Unterschiede beim Müllsortieren bleiben wohl auch in Zukunft erhalten. Nur eine grundlegende Änderung des Sortier-Systems könnte Einheitlichkeit schaffen. Dass man aber zum Beispiel Glas- und Plastikflaschen zukünftig vereint in einer Tonne findet, ist auf keinen Fall zu erwarten, selbst, wenn das immer wieder diskutiert wird. Das Umweltbundesamt winkt ab: „Auch wenn sich in Zukunft alternative Wege für eine Separierung der Abfälle in verwertbare Fraktionen und anschließende Rückführung der Wertstoffe auftun, wird die getrennte Sammlung nicht flächendeckend ersetzt.“ Zur Praxis der getrennten Sammlung gebe es derzeit keine Alternative, da die Praxisreife der technischen Möglichkeiten noch nicht nachgewiesen sei.

Experten erwarten allenfalls eine Vereinfachung in Bezug auf den Restmüll: In Ballungszentren könnte eventuell Verpackungs- und Restmüll gemeinsam gesammelt und anschließend vollautomatisch getrennt werden. Ob das sinnvoll ist, testet derzeit unter anderem die DSD AG selbst. Glas und Papier werden aber auf jeden Fall weiter getrennt – weil stark verschmutztes Papier nicht mehr zu recyceln wäre.

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