Zeitung Heute : Die Farbe des Wortes „Wir“

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Von Markus Feldenkirchen und Hans Monath

Von sich aus kam der SPD-Vorsitzende nicht auf eine wichtige Festlegung zu sprechen. Als Gerhard Schröder vor gut einer Woche die Schwerpunkte des SPD-Regierungsprogramms erläuterte, verschwieg er zunächst jene Aussage, die der Parteivorstand erst am Abend zuvor in das Papier aufgenommen hatte. Die Koalition mit den Grünen habe sich bewährt, heißt es nun auf der letzten Seite des Programms: „Wenn das Wahlergebnis es erlaubt, setzen wir sie fort.“ Erst auf Nachfragen stellte der Kanzler klar: Als erstes kämpfe die SPD für sich selbst. Wenn der Wähler es wolle, werde die rot-grüne Koalition fortgesetzt. Aber es sei für eine Partei immer gut, über Optionen zu verfügen – also mit anderen Partnern koalieren zu können.

Das Spiel mit den anderen Optionen hatte Schröder immer wieder inszeniert – unter anderem durch öffentliche Auftritte mit Guido Westerwelle auf dem Balkon des Kanzleramts. Doch die Idealisten in der SPD, versichern, dass der Parteichef persönlich an Rot-Grün hänge – auch weil die grünen Spitzenleute aus einem ähnlichen Milieu wie Schröder kämen und er mit ihnen „gut kann". Das kann jedoch auch reines Wunschdenken jener sein, die noch immer an die Idee eines rot-grünen Projektes glauben.

Andere, die noch nie an ein solches Projekt geglaubt haben, sehen die Lage nüchterner. „Jeder, der ein wenig nachdenkt, weiß, dass RotGrün nach den Wahlen keine Mehrheit haben wird“, sagt ein prominenter Fraktionspolitiker, der sich innerparteilich zum „Flügel der Realisten“ zählt. Auch Schröder und Müntefering hätten längst den Glauben an eine Fortsetzung der rot-grünen Koalition verloren, heißt es. Offiziell werde man sich im Wahlkampf zwar nicht von den Grünen distanzieren, aber am Ende gehe es allein darum, dass Schröder Kanzler bleibt. Mit welchem Partner? Da sei man flexibel.

Dabei können sich die meisten Genossen noch gar nichts anderes vorstellen, als die Fortführung des Bündnisses. Manche Parteikenner behaupten gar, die Aussicht auf die Fortsetzung von Rot-Grün sei „das Einzige, was die Partei noch zusammenhält". Für die Fischer-Partei besteht zudem die Gefahr, dass sie bei einer Zuspitzung auf das persönliche Duell Schröder gegen Stoiber nur noch am Rande wahrgenommen wird und sich Wechselwähler aus dem rot-grünen Milieu eher für die SPD entscheiden könnten. Dabei plant die SPD durchaus eine Entscheidung zwischen der Union auf der einen, der rot-grünen Koalition auf der anderen Seite. „Die oder Wir“ müsse die Option lauten. Noch ist mit „Wir“ die rot-grüne Gemeinschaft beschrieben. Aber mancher kann sich durchaus vorstellen, den „Wir"-Begriff später auch auf die FDP auszuweiten. „Am 22. September spielen Wünsche keine Rolle mehr“, sagt einer aus Schröders Wahlkampfstab. „Dann geht es nur noch um die Zahlen."

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