Zeitung Heute : Die Farbe Grün

Die Mischung macht’s: Warum sich Prominente im Norden wohlfühlen

Alt und Jung. Die Frohnauer schätzen das viele frische Grün ebenso wie die historischen Gebäude mit ihren malerischen Details, die einen Hauch von Nostalgie verbreiten. „Hier lebt es sich ganz unbeschwert“ singt denn auch der 17-jährige Kevin Sosnick (untern reichts) in seinem Rap-Song über Frohnau. Fotos: Kitty Kleist–Heinrich
Alt und Jung. Die Frohnauer schätzen das viele frische Grün ebenso wie die historischen Gebäude mit ihren malerischen Details, die...

Reinhard Mey ist zwar der berühmteste Frohnauer. Aber befragen muss man ihn nicht zu seinem Lebensraum. Schließlich hat er sein ganzes Leben vertont, und also auch Frohnau. Und da sein Liederwerk ein fast obligatorischer Bestandteil des wohlsortierten Frohnauer Haushalts ist, kann man einfach reinhören. Das ist aber Frohnau von ganz weit innen, wo es um Schularbeiten und Negerkusswettessen geht oder um die Rotten Radish Skiffle Guys. Es gibt aber noch andere Frohnauer, die von sich reden machten.

Damals, als die Mauer noch stand, hatte Frohnau für Bettina Wegener eine ganz besondere Attraktion: die stillgelegte S-Bahntrasse, die nach Hohen Neuendorf führt. Die gehörte nämlich zur DDR. Für die 1983 ausgebürgerte Sängerin und Textdichterin wurde sie so zu einem Ort der kleinen Triumphe. „Da bin ich immer draufgesprungen und habe gesagt „Ätsch, ich bin doch zu Hause. Das war eine große Freude für mich.“

Ansonsten ist sie eher zufällig hoch im Norden gelandet. Nach der Ausbürgerung betrachtete sie ihre Bankauszüge und fragte: „Was kann ich mir leisten?“ Die Antwort fand sie in Frohnau. Zu Hause fühlt sie sich dort nicht unbedingt. „Ich bin in mir selbst zu Hause.“ Im Übrigen seien ihr mit 36 Jahren gewaltsam die Wurzeln gekappt worden. „Da schlägt man keine neuen mehr.“ Bis dahin hatte sie in Pankow und Mitte gelebt, in einem anderen Land namens DDR. 1989 hatte sie einen Antrag gestellt auf Wiedereinbürgerung in die DDR. Der wurde nicht mehr rechtzeitig bearbeitet: „Da hatten wir dann schon Einigkeit und Recht und Freiheit.“

Doch, Frohnau gefällt ihr. Sie liebt ihren Garten. Und sie ist ein glühender Fan des Kulturvereins Frohnau, der die Villa Centre Bagatelle als Kulturzentrum gerettet hat. Obwohl sie 2007 ihre Karriere als Musikerin offiziell beendet hat, macht sie für den Verein eine Ausnahme und tritt im Herbst doch noch mal auf. Der Anlass? „Das 100-jährige Jubiläum.“

Wenn sie ihre erwachsenen Kinder besucht, freut sie sich am pulsierenden Leben zum Beispiel in Prenzlauer Berg. „Aber wenn ich dann abends zurückkomme, genieße ich auch die Ruhe in Frohnau.“ Nachdem sie ihre Musik-Karriere beendet hatte, holte sie den 92-jährigen Vater zu sich. Zuerst hatte sie Bedenken, ob es ihm gefallen würde. Er hatte schließlich 59 Jahre lang in Pankow gewohnt. Aber ihm fiel die Umstellung überraschend leicht. Er habe es nie bereut. Schon nach zwei Monaten sagte er: „Ich bin jetzt ein Frohnauer.“

Als die Stadt noch geteilt war, hat Krimiautor Horst Bosetzky immer wieder auf der Frohnauer Brücke gestanden, die bis heute ein Lieblingsort für ihn ist. Er geht immer noch gern dorthin: „Heute schaue ich jedem Zug nach, der Richtung Oranienburg fährt, und freue mich.“ Aufgewachsen ist er in Neukölln und hatte immer einen Traum: „Raus hier.“ Das sagt er, obwohl er sogar Träger der Neuköllner Ehrennadel ist. 1982 verstarb eine Cousine seiner Mutter, die es nach Frohnau geschafft hatte. Mithilfe von Fernsehhonoraren kaufte er die anderen Erben raus und genoss seine Zeit als Neu-Frohnauer beim Zäunebauen und anderen Heimwerkerarbeiten. Nach einigen familiären Katastrophen und weil seine zweite Frau nicht dort leben wollte, wo die erste gewohnt hat, vermietete er das Haus für zehn Jahre an seinen Sohn unter der Bedingung, jederzeit im Garten Kaffee trinken zu können. Und irgendwann, sagt er, „werde ich dort mindestens dreißig Jahre zubringen, wenn nicht sogar fünf Milliarden, also solange, bis die sich aufblähende Sonne alles auf Erden verglühen lässt, denn auf dem Frohnauer Friedhof an der Hainbuchenstraße wartet schon das Familiengrab auf mich.“

Der Politiker Fritz Kuhn liebt die Farbe Grün. Als er vor zehn Jahren nach Berlin kam, wollte er, wie in Stuttgart oder Heidelberg, gern im Grünen leben. In Frohnau fand er für sich, seine Frau und die beiden Söhne ein Einfamilienhaus mit Garten. „Frohnau ist ungeheuer grün, viel grüner als man denkt“, sagt der Vorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen und schwärmt von den Alleen und Plätzen. Er geht gern im Wald joggen, und da gibt es eben unendlich viele Möglichkeiten. „Außerdem kann man bei uns alles einkaufen, es ist eigentlich eine kleine grüne Stadt am Rande Berlins.“ Zwar reagierten die Frohnauer auf Zugereiste zunächst etwas reserviert. Aber andererseits würden Leute von außerhalb in Frohnau auch oft fündig, was schöne Häuser betrifft. Also gebe es einen guten Wechsel. Auch ihm gefällt die Kulturinitiative Centre Bagatelle. Und dann ist da noch ein großer Vorteil: der S-Bahnanschluss. Je nachdem, wie dicht der Terminplan ist, benutzt er auch den Dienstwagen. „Aber wenn ich im Bundestag rede, fahre ich gern mit der S-Bahn. Da ist man ja in einem Schwung am Brandenburger Tor.“ Elisabeth Binder

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