Zeitung Heute : "Die Feigheit der Fische": Jungskram

Tomas Fitzel

Mit den jungen, hochgelobten Autoren ist es schon eigentümlich. Man liest begeisterte Kritiken über ihre Erst- und Zweitlinge. Wenn man dann aber neugierig geworden ist, verhält es sich wie mit den Berliner Straßenlaternen in der Puschkinallee zwischen der BEWAG-Zentrale und dem ehemaligen Mauerstreifen: Immer wenn man vorübergeht, verlöschen welche. Ob es an atmosphärischen Turbulenzen liegt, die zufällig exakt immer in dieser Gegend auftreten? Vielleicht verbirgt sich dahinter ein Geheimnis, denn die Stadt ist voll davon. Im jüngsten Roman des Berliner Autors Ingo Schramm "Die Feigheit der Fische" verursacht angeblich ein CD-Player beinahe einen Zusammenstoß zwischen einer Linienmaschine und einem Jagdbomber der Bundeswehr. An den Doors, die Schramms Fernseh-Kommissar Kurt Neulich während des Fluges hörte, kann es nicht gelegen haben. An irgendwelchen nicht existenten Radiowellen des Gerätes auch nicht. Die Beschuldigung gegen Neulich wird jedoch sofort fallen gelassen. Aber blödsinnig beschuldigt zu werden, weckt in einem Fernseh-Kommissar den Detektiv: Da muss etwas faul sein, oder wie er in der Rolle des Hauptkommissars Ebersbach sagen würde: "Das ist aber mal wieder eine Sauerei." So sind auch die Dialoge gestrickt: wie in einem ARD-Krimi. Ingo Schramm will wie seine amerikanischen Vorbilder schreiben, greift dann aber doch auf den biederen Perspektivwechsel zurück, immer ordentlich eingeleitet, damit man nicht durcheinanderkommt, etwa in der Art: "Kurt Neulich erinnert sich". Eine Menge Figuren treten auf, ein Journalist, eine Monika und ein Verteidigungsminister und viele andere. Aber weil man das alles sowieso überspringen kann und die Handlung sich genauso gut im Klappentext nachlesen läßt, blättert man bis auf Seite 223, denn hier beginnt das Kapitel, weswegen das ganze Buch ausgedacht wurde. Beste Kampffliegerprosa: "Die HUD blinkte". - "Die Erde drehte unter mir durch, grau, alles war grau, die Sonne grau, der Himmel, ich flog über den Wolken, trotzdem blieb alles ohne Farbe und dreckig und gnadenlos." - "Kurz bevor ich eintauchte, war es wie eine riesige Explosion aus Milch."

Jahrzehntelang musste man seine jugendliche Begeisterung für Kriegsspielzeug, Modellbausätze und Comics über Flieger-Asse verheimlichen, aber jetzt kommt eine Generation, die hemmungslos dem Jungskram frönt und das Jugendzimmer recyclet. Danach kann man das Buch zuklappen, da es eben nur fast eine Verschwörung war, und man es hat wohl auch nur halb verstanden. Es sollte ein großer Zeitroman werden: Politik, Männer und Frauen, Rüstungsgeschäfte und der Krieg im Kosovo, während das Leben hier in seiner erschreckenden Banalität weiterging. Aber es ist eben nur beinahe ein Roman geworden. Aber dieses eine Kapitel: Klasse! Ehrlich.

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