Zeitung Heute : Die Festplatte leeren

Markus Huber

Wie ein Vater die Stadt erleben kann

Mein Mädchen hat ein Gedächtnis, über das sich vielleicht ein Arzt mal ein paar Gedanken machen sollte. Mein Mädchen merkt sich nämlich alles, wirklich alles: Sie kennt zum Beispiel alle Vor- und Nachnamen ihrer Kindergarten-Kommilitonen. Und nachdem sie bereits in vier Kindergärten war, sind das mehr Namen als sich ein durchschnittliches Handy merken kann. Wenn sie in einer Buchhandlung steht weiß sie sofort, welches Conny-Buch in ihrer Sammlung noch fehlt! Dabei gibt es Dutzende Conny-Bücher.

Kürzlich verblüffte sie mich damit, dass sie bei einer Panini-Tauschbörse blind tauschen konnte. Sie erkennt an den Gesichtern der Spieler, welcher ihr noch fehlt und welchen sie bereits hat. Es fehlen ihr noch 80 Bilder, fast 500 hat sie hingegen, und selbst die Togolesen hat sie offenbar so perfekt abgespeichert, dass sie sie an den Gesichtern erkennt.

Wäre mein Mädchen ein Computer, dann wäre ich mit ihrer Scanner- und Rechnerleistung zufrieden. Doch mein Mädchen kann noch nicht einmal rechnen, zumindest nicht ordentlich, und genau das ist das Problem. Haben wir nicht alle nur beschränkt Platz auf unserer Festplatte namens Gehirn? Die Platte meines Mädchens muss schon ziemlich voll sein, doch nun kommt sie im Herbst in die Schule, und was, wenn dann kein Platz mehr ist? Nicht einmal fürs Alphabet? Dann wird sie zwar weiterhin seitenlang aus Erich Kästners „Emil und die Detektive“ rezitieren können, aber ich werde weiter der Dumme sein, weil ich ihr weiter neue Bücher vorlesen muss.

Und was soll sie in ihrem Leben groß anfangen mit ihrer Gehirn-Datenbank der WM-Spieler 2006? Fernsehkommentatoren werden ab Sonntag nicht mehr gebraucht, und für eine Spielerfrau ist sie noch zu jung. Nein, ich muss die Zeit bis zum Schulbeginn dringend dazu nutzen, ihre Festplatte zu leeren, um Platz zu schaffen für nützliches Wissen. Hat jemand eine Idee, wo man bei Fünfjährigen den Reset-Knopf findet?

„Emil und die Detektive“ von Erich Kästner gibt es in einer Neuauflage im Dressler-Verlag. Auch als Hörbuch auf CD erhältlich.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben